If You Pay Attention No.29, Iran 2019. Vier Tage lang trug Tellers aus Litauen stammende Freundin Dovile im Iran den Tschador – und fühlte sich wie eine andere Person.
Foto: 2019-2020 Juergen Teller, All Rights Reserved 

Berlin/IranNackte vor der Mona Lisa, Kate Moss im Bett, Vivienne Westwood auf der grünen Mülltonne: Man kennt Juergen Teller für seine provokanten Akte, für die bis in den letzten Winkel belichteten Porträts und seine angriffslustig-direkten Modeportfolios. Tellers Thema ist die Konstruktion von Schönheit, die er in seinen Bildern konterkariert – durch radikale Offenheit, Ironie und extreme Überzeichnung. Im Lauf seiner Karriere arbeitete er mit den ganz großen Namen der Modewelt: Helmut Lang, Saint Laurent, Marc Jacobs, Louis Vuitton, Celine, und natürlich die diversen Ausgaben des Magazins Vogue. Einzelausstellungen seiner Werke gab es zuletzt etwa im Fotomuseum Winterthur, im Berliner Martin-Gropius-Bau und in der Bundeskunsthalle Bonn. 

Mit der neuen, nun bei Grisebach ausgestellten Werkserie „If You Pay Attention“ vollzog Teller eine Wende. Mit seiner in Litauen geborenen Lebensgefährtin Dovile Drizyte reiste er 12 Tage durch den Iran; Drizyte trug dabei für einige Tage einen Tschador und Teller fotografierte sie mit seinem Handy. Es sind Quasi-Schnappschüsse, die einen entscheidenden, politkünstlerischen Schritt in Tellers Oeuvre markieren; in einem Land, wo Weiblichkeit nicht ausgestellt, sondern verhüllt wird.


Bis 7. November stellt Grisebach in seinen modernen Räumen die neuen Arbeiten Juergen Tellers aus. Die Hängung nahmen er und Dovile Drizyte selbst vor, die Preise liegen zwischen 3500 und 40.000 Pfund + VAT. Professionell gerahmt, versteht sich.
Foto: Kienzle/Oberhammer

Juergen Teller & Dovile Drizyte erzählen, wie diese Fotoserie entstand:

Um die Weihnachtsfeiertage 2019 wollten wir in den Iran. Der Trip erwies sich als himmlisch, aufregend, wundervoll. Gleichzeitig hätten wir ihn fast nicht überlebt.

Wir landeten mitten in der Nacht auf dem Shiraz-Flughafen und waren überrascht, als uns eine 34-jährige Frau namens Eli erwartete, die uns breit lächelnd und mit offenen Armen empfing. Wir wussten, dass wir einen Guide haben würden, dachten aber, es würde jemand wie Elis Mann Mohammad sein. Unsere 12-tägige Reise sah fünf Stops mit längeren Auenthalten vor: Shiraz, Yazd, Isfahan, Kaschan und zum Abschluss Teheran. 

Wir erlebten alles in diesen zwölf Tagen: die architektonischen Wunder von Persepolis und viele Moscheen; jahrtausendealte unterirdische Bewässerungssysteme, die makellos erhalten waren; Paläste, Museen und Gärten im Status von Unesco-Welterbe und die schmutzigen Hinterhöfe der großen Bazare. In der Stadt Yazd hatten wir eine Erfahrung direkt aus 1001 Nacht, als wir am exotischen Hotelgarten von Papageien, Enten und dem winzigsten Mann begrüßt wurden, der uns mit einem Lächeln und einem Handshake begrüßte. Nie hatten wir ein wundervoll-surrealeres Erlebnis.

In Isfahan, woher unser großartiger Fahrer Saeid stammte, wurden wir ins Haus seiner Familie eingeladen und mit großer Wärme empfangen. Wir tranken Tee, rauchten Shisha und spielten Backgammon.

In Kaschan kauften wir superbe Keramik und verrückte Mengen von Nüssen und getrockneten Früchten. Bei einer der Moscheen deutete der junge Mann in der Ticketbude auf uns und fragte unsere Guide: „Woher kommen die denn?“ Im nächsten Moment war er, zu unserem totalen Erstaunen, völlig vertieft in eine Konversation auf Litauisch mit Dovile. Dann wandte er sich Juergen zu und sprach auf Deutsch weiter. Dann lachten wir alle zusammen und redeten auf Englisch. Nur ein Beispiel dafür, wie kultiviert und großartig die Menschen des Iran sind. 

Uns gefiel, wie freundlich und sicher sich Iran anfühlte. Die Einwohner hießen uns willkommen und dankten uns dafür, dass wir ihr Land besuchten. Unsere Führerin war unfassbar lustig, was haben wir mit ihr gelacht! Sie sprach exzellentes Englisch und war sehr darauf bedacht, dass wir kein wichtiges historisches Detail verpassten. Jedes Mal, wenn sie uns wieder auf etwas Bedeutendes hinweisen wollte, begann sie mit: „If you pay attention“. Das wurde zur häufigsten Floskel dieser Reise, außer vielleicht „Was gibt es denn heute zum Lunch, Lammkotelett oder Rindfleisch-Kebabs?“

Wir genossen das Essen sehr. Von reifen Granatäpfeln (wir lernten, wie man den Saft aus ihnen saugt, ohne sie zu quetschen) bis zu unglaublichen Mengen an Kebab, Lammkoteletts, Stews, Reisgerichten, frischem Gemüse, Saffran, diversen Brotsorten und Kannen voller Tee. Alkohol ist offiziell illegal im Iran, also blieb uns nur das endlose Trinken eines sehr süßen Schwarztees. Unsere Mobiltelefone funktionierten nicht und wir hatten keine Internetverbindung, was wir überaus genossen haben. Wir hatten dieses Gefühl von innerer Ruhe. Es gab keinen Grund, irgendwohin zu hetzen und wir hatten das Gefühl, nichts zu verpassen.

If You Pay Attention No.25, Iran 2019. Eine gruselige Märtyrer-Darstellung hinter Glas.
Foto: 2019-2020 Juergen Teller, All Rights Reserved

Dovile Drizyte: Vor unserem Trip hatten wir Guidelines erhalten zu den Gebräuchen, den Kleiderregeln et cetera. Im Iran sind alle Frauen dazu angehalten, ihre Körperkontur unauffälliger zu machen und den Kopf zu bedecken. In konservativen Gegenden tragen Frauen den vollen Tschador, in liberaleren nur ein Kopftuch und einen längeren Mantel, um ihren Po zu bedecken. Ich war fasziniert davon, wie Frauen im vollen Tschador aussahen. Sie hatten etwas Geheimnisvolles und dabei Kraftvolles.

Ich selbst trug seit Verlassen des Flugzeuges ein Kopftuch und einen Mantel, aber an heiligeren Stätten musste ich den vollen Tschador umlegen. Irgendwann fragte ich Eli, ob es okay wäre, wenn ich den Tschador kaufen und die ganze Zeit tragen würde. Mir war der religiöse Aspekt sehr bewusst, ich wollte die übrigen Frauen nicht beleidigen und sichergehen, dass ich keine roten Linien übertrat, wenn ich ihren konservativen Dresscode nur temporär übernehmen würde. Eli sagte, so etwas wäre in Ordnung und sie fand die Idee interessant. Sie nahm mich zu einem der Bazare mit und wir kauften den Tschador, Eyeliner und Mascara.

Dieses schwarze, seidige Stück Stoff verbarg mein altes Selbst und schuf so ein anderes Wesen, das sich Juergen und mir für die nächsten vier Tage auf der Reise anschloss. Ich sah wie eine völlig andere Person aus und fühlte mich auch so. Der Tschador fühlte sich wie eine Rüstung an, die meine weibliche Fragilität beschützte. Gleichzeitig hatte er etwas von einer Waffe, die Respekt einforderte und Macht signalisierte. 

If You Pay Attention No.49, Iran 2019. 
Foto: 2019-2020 Juergen Teller, All Rights Reserved

Juergen Teller: Ich war unsicher und fragte unsere Guide Eli, ob es okay wäre, im Iran zu fotografieren. „Selbstverständlich“, lautete ihre Antwort. Etwas später sah ich die chinesischen und italienischen Touristen mit ihren großen Objektiven auf ihren großen Kameras. Ich habe nur mein Telefon zum Fotografieren benutzt, weil ich das weniger aufdringlich fand. Aber davon konnte keine Rede sein, denn alle waren sehr freundlich und unglaublich nett zu uns.

Ich wollte nicht einfach nur Touristenfotos machen, sondern etwas von mir oder uns in die Iran-Bilder legen, hatte anfangs aber keine Ahnung, wie ich das anstellen sollte. Dazu kommt, dass ich noch immer nach einem Modus suchte, um Dovile, meine feste Freundin, zu fotografieren. Manchmal ist es schwierig gerade mit Menschen, die einem sehr nahe stehen. Es hat Jahre gebraucht, bis ich meine Mutter fotografieren konnte.

Aber als Dovile sich in diese Tschador-tragende/ religiöse/ kajaläugige/abstrakte/erhabene Frau verwandelt hatte, wurde es auf einmal auf mehreren Ebenen sehr spannend, sie zu fotografieren. Es eröffnete die Möglichkeit, Iran auf eine (für mich) bedeutungsvolle neue Art festzuhalten und dabei, als ihr Lebenspartner, Bilder von ihr zu machen. Für mich macht es einen großen Unterschied, ob ich jemanden fotografiere, zu dem ich keine persönliche Verbindung habe, oder eine Person, mit der ich zutiefst verbunden bin. 

DD: Die nächsten vier Tage fuhren wir über Land, hielten hier und da, um zu fotografieren und die Landschaft oder kleine Dörfer zu bewundern. Wir liebten die landschaftliche Vielfalt, die wir dabei sahen – von flachem Land bis zu verschiedenen Arten von Wüste, Felsen und schneebedeckten Bergen. An jedem Tag war es sonnig, jeden Tag hatten wir blauen Himmel. Und dazu ein wenig winterlichen Frost. 

JT: Nach der Ermordung von General Soleimani fühlte es sich auf einmal seltsam an, im Iran zu sein. Nichts hatte sich verändert, die Menschen waren weiterhin super freundlich wie zuvor. Aber es war unglaublich, wie schnell, quasi über Nacht, überall Flaggen, Banner, Plakate und bemalte Mauern auftauchten mit verschiedenen Porträts von General Soleimani. Es zog mich zu diesen Straßenszenen hin, er wirkte attraktiv auf diesen Bildern, gut aussehend, lächelnd. Es war ein seltsames Gefühl: Wir waren irgendwo auf dem Land, in einem kleinen Dorf, als ich diese Porträts zum ersten Mal bemerkte.

Unser letzter Stopp war Teheran. Es schockierte mich, wie groß und belebt die Hauptstadt war. Wie umweltverschmutzt, aber auch so schön, umringt von schneebedeckten Bergen. Am Tag, als wir ankamen, brachten sie seine Leiche in die Stadt, für eine dreitägige nationale Trauerperiode. Die Situation fühlte sich mehr und mehr angespannt an. 

If You Pay Attention No.26, Iran 2019.
Foto: 2019-2020 Juergen Teller, All Rights Reserved

DD: Auf unserer Fahrt zum Flughafen für den Abflug dachte ich noch: „Es ist zu schön, um wahr zu sein, dass dieser Trip so großartig war und wir keinerlei Probleme hatten.“ Und so war es auch: Der Mann am Check-In-Schalter erklärte uns, dass wir unseren Flug um einen Tag verpasst hatten. Dass an dem Tag schon alle Flüge voll waren und wir versuchten sollten, neue Tickets auf irgendeinem abgehenden Flug von irgendeiner Airline zu buchen. Ich fand gerade noch Eli, von der wir uns schon verabschiedet hatten, und bat sie, uns mit neuen Tickets für irgendeinen Flug hinaus zu helfen. 

Das Timing hätte nicht schlimmer sein können, denn die ganze Welt wusste, dass Iran gerade zum Hot Spot wurde, mit einer sehr wahrscheinlichen militärischen Antwort auf General Soleimanis Ermordung. Der Flughafen war voller Leute, die Teheran nach seinem Begräbnis verließen und alle Fremden versuchten, so rasch wie möglich zu flüchten. Ohne Internet, ohne Mobilempfang, ohne die Möglichkeit zur Benutzung nicht-iranischer Kreditkarten (ausländische Kreditkarten werden nirgends im Iran akzeptiert) und zum Ende der Reise nur mehr mit wenig Bargeld, fühlten Juergen und ich uns sehr rasch sehr unwohl. So ging es auch allen anderen Reisenden auf dem Flughafen. Mir wurde klar, dass ich uns so schnell als möglich außer Landes bringen musste. Aber die Optionen waren extrem begrenzt: Flüge, die nicht schnell genug abflogen; Flüge an Orte wie Damaskus, Kabul oder Bagdad – das waren keine erfreulichen Optionen.

Meine Panik stieg, während Juergen in einer Ecke auf seinem Telefon Backgammon spielte und von Zeit zu Zeit fragte: „Hey, wann geht unser Rückflug nun endlich?“ Zum ersten Mal hatte ich echte Angst um unser Leben. Über Elis Telefon verband ich mich mit dem Internet, kontaktierte unseren Reiseagenten und bat ihn, Tickets für uns zu kaufen. Unser Bargeld reichte nicht mehr, um neue Tickets am Flughafen zu kaufen. Endlich rief der Agent zurück mit einem Flug, der ziemlich bald ging und den wir uns mit dem noch vorhandenen Bargeld leisten konnten. Das klang sehr vielversprechend. Ich rief Juergen hinzu. Der Agent sagte, es wäre ein Ukrainian Airlines-Flug 752 nach Kiev. Von dort würde er uns einen Flug nach London reservieren.

Es schien die logischste und beste Option zu sein. Dennoch: Wir schauten uns an und lehnten unisono ab. Wir konnten diesen Flug nicht nehmen. Wir entschieden uns gegen den gesunden Menschenverstand und bis heute können wir nicht voll erklären, warum wir uns gegen diesen Flug entschieden haben. Einige Stunden später rief uns die Agentur wieder an und meinte, es gäbe noch zwei Sitze auf einem Lufthansa-Flug, der Theran um 2:25 früh am 8. Januar verlassen würde. Man stelle sich Juergens Gesicht vor, als er die Worte „Lufthansa“ und „freie Sitzplätze“ in einem Satz hörte!

Wir gingen zum Airport-Hotel und aßen einen weiteren Kebab als Dinner. Ich konnte nicht schlafen. Für die nächsten sechs Stunden hielt ich mein Telefon umklammert, aus lauter Angst, den Wake-up-Call zu verpassen. Kurz nach 2:25 Uhr früh hob unsere Lufthansa-Maschine ab.

If You Pay Attention No.145, Iran 2019. Wer in dieser Ausstellung aufmerksam ist, merkt: In vielen Motiven steckt Tellers stachelige Kritik am islamischen Männlichkeitskult. 
Foto: 2019-2020 Juergen Teller, All Rights Reserved

JT: Wir landeten in Frankfurt um 5:30 Uhr lokaler Zeit und schalteten unsere Telefone an. Während in mir der Horror hochstieg, schaute ich auf den Bildschirm mit der Breaking News vom Abschuss des Ukrainian-Airlines-Flugzeugs. Alle an Bord waren tot. Mir wurde klar, dass das der Flug gewesen war, den wir fast genommen hätten, um aus Teheran rauszukommen. Wir hatten beide Gänsehaut und die Angst stand uns ins Gesicht geschrieben, als wir uns ansahen. 

DD: Es gab fünf Flüge, die von Teheran Imam Khomeini International Airport abhoben zwischen Mitternacht und 6 Uhr früh des 8. Januar, als Iran die Missile-Rakete abschoss und dabei die Ukrainian-Airlines-Maschine traf (die sie mit einer Cruise-Missile verwechselt hatten). Die Chancen standen 1:5, dass es unsere Lufthansa-Maschine hätte sein können.

Während der Isolation der letzten Wochen hatten wir viel Freude am Editen der Bilder und an der Arbeit an unserer Iran-Story. Während der Coronavirus-Pandemie fühlt es sich seltsam, aber schön an, sich mit unserem exotischen Reisemärchen zu beschäftigen. Es war eine der aufregendsten, bereicherndsten, herzerwärmendsten und lustigsten Reisen, die wir je gemacht haben. Wir sind unserer „Superguide“ Eli, unserem großartigen Fahrer Saeid und den Menschen des Iran sehr dankbar dafür, dass sie uns so großzügig und offen empfangen haben.

Juergen Teller & Dovile Drizyte „If You Pay Attention“ Grisebach, Fasanenstraße 27, 10719 Berlin, Ausstellung bis 7. November, Montag bis Freitag 10 bis 18 Uhr, Samstag 11 bis 16 Uhr.