Moskau - Er gilt als der gefährlichste der Welt: der Karatschai-See im südlichen Ural in Russland. Der See, der nahe der Stadt Kyschtym in der Region Tscheljabinsk liegt, ist laut einem Bericht des US-Instituts Worldwatch in Washington der am stärksten verschmutzte Ort der Erde. Der Grund: Die radioaktiven Abfälle der nahen Atomanlage Majak wurden Anfang der 1950er Jahre in den See geleitet.

In den frühen 90er Jahren soll die Strahlenbelastung dort sogar so extrem gewesen sein, dass schon eine Stunde Aufenthalt am Ufer des Sees den Tod bedeutete, wie das englische Fachmagazin Sciencepost schreibt. 1990 befand sich in dem See radioaktives Material mit einer Aktivität von 4,44 Exa-Becquerel (EBq). Damit wurde fast die gleiche Radioaktivität wie bei der Katastrophe von Tschernobyl erreicht, die sich jedoch auf einem deutlich größeren Gebiet verteilte.

Eine halbe Million Menschen extrem hoher Strahlendosis ausgesetzt

Nach 1953 wurde der verstrahlte Müll aus der Atomanlage Majak zwar nicht mehr vorwiegend in den See geleitet, sondern in Tanks deponiert. Doch als 1957 einer der Tanks explodierte, kam es in der nahen Stadt Kyschtym – neben Tschernobyl und Fukushima – zu einer der schwersten Nuklear-Katastrophen der Geschichte. Der Kyschtym-Unfall ist jedoch nicht so bekannt, da er bis in die 70er Jahre erfolgreich vertuscht werden konnte. Fast 11.000 Menschen mussten damals umgesiedelt werden.

Etwas später kam es zu einer weiteren Katastrophe: Der nur 50 Hektar große Karatschai-See begann in den 60er Jahren auszutrocknen und schrumpfte auf 15 Hektar. 1967 verteilten heftige Sturmböen den radioaktiven Staub aus dem ausgetrockneten Areal des Sees über ein Gebiet von rund 1800 Quadratkilometern. So wurden eine halbe Million Menschen einer Strahlendosis ausgesetzt, die etwa so hoch gewesen sein soll wie in Hiroshima nach dem Abwurf der Atombombe.

Deutlich mehr Krebs-Erkrankungen in der Region um den Karatschai-See

Als Folge dessen wurde der See zwischen 1978 und 1986 mit Betonhohlkörpern verfüllt und 2015 schließlich vollständig abgedeckt, um eine weitere Bewegung der Sedimente zu verhindern und zu vermeiden, dass erneut radioaktiver Staub austritt.

Doch die Langzeitfolgen der Strahlenbelastung durch den Atommüll-See sind in der Region heute noch zu spüren: Seit der See zum ersten Mal als Depot für nuklearen Abfall genutzt wurde, ist laut der französischen Tageszeitung „Ouest-France“ die Zahl der Krebserkrankten in der Region um 21 Prozent gestiegen. Es wurden sogar 41 Prozent mehr Leukämie-Erkrankungen verzeichnet. Die Zahl der Fehlbildungen nahm um 25 Prozent zu.

Forscher befürchten zudem, dass das Wasser des Sees über das Grundwasser schließlich mit dem Fluss Tetscha in Kontakt kommt – und auf diese Weise in den Arktischen Ozean gelangt. (rer)