Das Publikum am Straßenrand feiert, jubelt und tanzt. Nur verkleidet ist hier kaum jemand – und das beim größten Winterkarneval der Welt. Aber das wäre vermutlich auch sehr schwierig. Schließlich sind an diesem Februarabend in Québec City um die minus 15 Grad Celsius. Da kann man aber noch sagen: Glück gehabt, denn im Jahr vorher war es noch einmal 20 Grad kälter.

Die Familien, die den Karnevalsumzug besuchen, sind jedenfalls gut eingepackt. Dicke Flocken fallen herab. So könnte es im Inneren einer Schneekugel aussehen, die man gerade kräftig geschüttelt hat. Die Flocken landen auf Jacken und Mützen, und auch auf den sogenannten Flutes, zu deutsch Flöten, in die viele Kinder hineinpusten. Südafrikaner würden sagen, das sind Vuvuzelas.

Dann kommen die Wagen, mit der fröhlichen Musik, den bunten Lichtinstallationen, den Tänzern in übergroßen Wolfskostümen, eine Marschkapelle und – endlich – Bonhomme mit der Karnevalskönigin und ihren sieben Herzoginnen. Bonhomme ist das beliebte Maskottchen des Winterkarnevals, und bei seinem Anblick fühlt man sich an das Michelinmännchen erinnert. Schneeweiß, etwa zwei Meter groß, wohl gerundet – und total populär. Sogar so beliebt, dass er in der Innenstadt ein eigenes Schloss bewohnt. Es ist aus Eisblöcken gebaut, dort empfängt Bonhomme seine Gäste, spielt mit ihnen Billard und posiert für Schnappschüsse.

Rodeln und schlittern

Der kanadische Karneval ist völlig anders als der deutsche, er dauert etwa zwei Wochen und ist eher eine Veranstaltung für Familien. Rund um den Karneval können die Besucher in Québec City viel Wintersport machen, es gibt sogar Rodel- und Schlitterbahnen. „Die Winter bei uns sind so lang, darum versuchen wir einfach, möglichst viel Spaß zu haben“, sagt Renée-Eve Faucher, eine der sieben Karnevalsherzoginnen.

Die Wintersaison beginnt im Oktober und endet im Mai. Québec City ist die Hauptstadt der Provinz Québec, der größten Kanadas. Hier wird fast nur französisch gesprochen. Das ist den ersten Kolonialherren geschuldet, die das Land im 17. Jahrhundert für sich beanspruchten. Die frankophonen Kanadier sind stolz auf ihre Sprache und ihre Geschichte. An den Nummernschildern der Autos ist oft zu lesen „Je me souviens“ – „Ich erinnere mich“. Mit Englisch kommt man nicht immer weiter.

Doch nicht nur mit ihrer Sprache haben die Franzosen den Osten Kanadas geprägt, sondern auch mit ihrer Küche. Die Restaurants in der gemütlichen Altstadt Québecs bieten hervorragendes Essen. Ein Spaziergang durch die engen Gassen lohnt sich schon allein wegen der kleinen Backsteinhäuser, die aus einer längst vergangenen Zeit zu stammen scheinen. Über dieser Altstadt thront das Château Frontenac, eines der Wahrzeichen der Stadt. Von der Terrasse des fulminanten Schlosses blickt man über weite Teile von Québec City und auch auf den Sankt-Lorenz-Strom. Sogar die Eisschollen, die auf dem Fluss treiben, sind zu sehen.

Sie sind beim jährlichen Eis-Kanufahren abenteuerliche Hindernisse. Doch die zahlreichen Kanuten scheinen davon unbeeindruckt. Die meisten Teams sind aus Spaß dabei und keine Profisportler. „Los, los, los“, feuert Faucher ihren Bekannten an, der unten im Wasser mit seinen Mitfahrern das Kanu durch den eiskalten Strom lenkt. Die Kanuten müssen einmal über den Strom und zurück. Ist ihnen dabei eine Scholle im Weg, hieven sie das Kanu darauf und schieben sich mit einem Fuß über das Eis, bis sie wieder im Wasser sind.

Raftingboote und Gummireifen

Doch nicht nur in der Stadt suchen die Québecer nach sportlichem Winterspaß, sondern auch in der Umgebung mit den großen Wäldern und zahlreichen Seen. Dort gibt es eine Attraktion, mit der man in dieser Idylle nicht rechnen würde: Den größten Winterfreizeitpark Nordamerikas. Er ist etwa eine halbe Stunde von Québec City entfernt. Mit Raftingbooten und Gummireifen fegen Besucher die Pisten hinunter, die Bahn „Himalaya“ hält, was die Schreie der Herabfahrenden versprechen. Von oben sind die ersten Meter der Bahn nicht zu sehen. Sie geht nicht nur senkrecht hinab, sie wölbt sich sogar unter das Podest. Aber die Mutigen werden mit einem ordentlichen Adrenalinschub belohnt – und am Ende der Piste, in einer kleinen Holzhütte, mit karamellisiertem Ahornsirup.

Kanada ist nicht nur einer der größten Sirup-Produzenten der Welt, seine Einwohner haben zahlreiche köstliche Wege gefunden, ihn zu verarbeiten. Zum Verfeinern von Schnaps, als Dip für herzhafte Speisen und natürlich für die Pfannkuchen zum Frühstück. Vielleicht sorgt der Sirup für einen extra Schub Energie, um die Minusgrade besser zu ertragen. Zumindest wenn man als mittelmäßig ausgestatteter Europäer nicht die wärmsten Schuhe dabei hat. Wobei die Kanadier selbst darauf vorbereitet sind. Denn es gibt sogenannte Heatpacks – kleine Stoffpäckchen mit Kügelchen – die durch Schütteln warm werden. Die kann man sich unter die Socken klemmen und hat über Stunden warme Füße. Das ist besonders hilfreich, wenn man lange Zeit draußen unterwegs ist.

Wie zum Beispiel im Nationalpark La Mauricie, der mit 536 Quadratkilometern so groß ist wie der Bodensee. Im Winter können die Besucher dort mit Ski, Schneemobil und Hundeschlitten durch die Wälder fahren. Und auch über gefrorene Seen wie den Lac Sacacomie. Am nördlichen Ufer leben etwa 100 Huskys und Malamuten.

Sie gehören zum Hotel Sacacomie, die Hundehütten stehen in einiger Entfernung. Das Jaulen und Bellen lässt einen das eigene Wort nicht verstehen. Daran hat sich Maud Gendreau aber längst gewöhnt. Sie kümmert sich um die Tiere und gibt die Einweisung zum Hundeschlittenfahren. „Haltet genug Abstand zum Schlitten vor euch“, sagt sie. „Und achtet immer auf eure Hunde. Tretet sofort auf die Bremse, wenn ihr seht, dass sie mal müssen.“

Das sind nicht viele Aufgaben, aber sie erfordern höchste Konzentration. Denn als Steuermann muss man sechs Hunde im Blick haben – und denen ist es egal, wo auf dem Weg sie mal müssen. Dann muss man schnell reagieren und auf die Bremse treten – einen Metallbogen mit Zacken, der sich in das Eis des Sees kratzt. Im besten Falle geht es nach wenigen Minuten weiter, im schlimmsten Fall geraten die Hunde aneinander. „Unter den Hunden herrscht eine strenge Hierarchie. Deshalb sind sie nicht nett zueinander, sondern bellen sich an und würden vielleicht sogar miteinander kämpfen“, sagt Gendreau.

Deshalb muss der Schlittenfahrer darauf achten, dass sich keine Leine verheddert und die Tiere auf der richtigen Position bleiben. Also blickt man abwechselnd auf die Hunde und den Vorderschlitten. Und dann, wenn man sich endlich in den Schlitten setzen kann und der Mitfahrer das Lenken übernimmt, kann man seinen Blick über den See und die verschneiten Wälder drumherum schweifen lassen.