Mein Schnappschuss vom Gelände des gärtnerischen Wallfahrtsorts Sissinghurst Castle. Das große Plus von Kornblumen: Sie wachsen auf nährstoffarmen Böden und sind optimal auch für kleinere Bepflanzungsflächen.
Foto: Rainer Elstermann

Berlin/UckermarkDieses Jahr ist für uns alle mit einer Menge Unsicherheit verbunden. In vielen Bereichen sind wir aufgrund von Corona-Auflagen immer noch zur Untätigkeit verdammt. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mir erzählen Freunde, dass dies ihren Blick für bewachsene Ecken und Flächen geschärft hat, die sonst gern vernachlässigt werden. Genau dort können wir mit oft wenig Aufwand tätig werden, um einen Beitrag für die Verschönerung unserer Umwelt und damit für Gemeinschaft zu leisten. 

Die Rede ist von Vorgärten, Randstreifen und „Brachflächen“, aber auch zweckgenutzten Flächen wie Park- und Stellplätzen. Ein besonders schönes Beispiel habe ich im Garten des berühmten Sissinghurst Castle in Kent gesehen. Dort sind die einzelnen Parkbuchten mit einer Wildblumenbepflanzung voneinander getrennt. Auch weitere, zeitweilig ungenutzte Flächen werden dort mit Wildblumen eingesät, so die Fläche vor der Cafeteria oder – mit Kornblumen – der Streifen, bevor man den eigentlichen Garten betritt. Alles, was man dafür braucht, ist nährstoffarme, „magere“ Erde und ein bisschen Platz.

Wer Besitzer eines Hauses ist, hat meistens auch einen Vorgarten. Als Schnittstelle zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen erfüllt er die schöne Funktion, etwas über die Menschen in dem Haus zu erzählen. Andererseits muss er aber auch als Teil des öffentlichen Raumes verstanden werden, da er für alle Welt sichtbar ist und sich, wie auch das Haus selbst, harmonisch in das Stadt- oder Dorfbild einfügen sollte.

Win-win: Ein bepflanzter Traufstreifen bietet dem Haus Sockelschutz und Insekten ein Zuhause.
Foto: Rainer Elstermann

Seit einigen Jahren besonders beliebt sind Schottergärten, und damit meine ich nicht die an dieser Stelle schon mehrfach erwähnten Kiesgärten mit dichter Bepflanzung. Sondern Vorgärten, die aus einer reinen Schotterfläche bestehen – die sogenannten Gärten des Grauens, die in dem gleichnamigen Buch von Ulf Soltau vorgestellt werden. (Übrigens von mir gerne an Bauherren verschenkt, als humorvoller Hinweis, was ihnen erspart geblieben ist). In Baden-Württemberg sind solche Flächen schon lange untersagt, doch da sie trotzdem vielerorts angelegt werden, wird das Verbot gerade im Rahmen einer Novelle des Naturschutzgesetzes erneuert. Auch in Brandenburg wird das nun diskutiert. Politiker unterschiedlicher Parteien haben sich dazu geäußert, besonders treffend hat der CDU-Landtagsabgeordnete Björn Lakenmacher den ästhetischen Aspekt auf den Punkt gebracht: „Der Blick in manchen Vorgarten kommt im Grunde einer Körperverletzung gleich.“

Aber natürlich geht es auch um Naturschutz. Denn jeder Ort, der nicht bepflanzt wird, ist eine verlorene Fläche für Insekten. Deshalb also lieber nur Unkraut (also Wildkräuter), als eine versiegelte Fläche. Aber man kann das natürlich auch anders lösen, nämlich mit einer schönen Bepflanzung.

Auch von außen lässt sich ein Zaun bepflanzen, zum Beispiel mit einem bunten Gräsermix. Ganz vorne zu sehen: Festuca mairei.
Foto: Rainer Elstermann

Da der Vorgarten sich oftmals außerhalb der eigentlichen Gartenfläche befindet, ist es besonders praktisch, wenn diese Fläche nicht allzu arbeitsintensiv ist. Eine Bepflanzung, die sich für fast überall eignet, wo die Sonne scheint, habe ich auch für den Vorgarten der „kleinen Acht“, eines Ferienhauses in der Uckermark, gewählt. Ihn habe ich durchgehend mit dem immergrünen Gras Sesleria autumnalis bepflanzt. Dazwischen habe ich viele Zwiebelpflanzen gesetzt (Tulpen, Zierlauch) und einige trockenresistente Stauden, die sich zu verschiedenen Zeiten im Jahr aus der umliegenden Grasbepflanzung erheben. Im Frühsommer sprießt die Katzenminze und der Salbei, dazu blüht gelblich-braun der Fingerhut Digitalis „Spice Island“, im Hochsommer der Blumen-Dost Origanum laevigatum „Herrenhausen“ und das patagonische Eisenkraut Verbena bonariensis. Im Spätsommer wie jetzt kommt Perovskia „Blue Spires“ neben Gaura lindheimeri an die Reihe, dazu die völlig unkomplizierte Aster „October Skies“. Viel mehr braucht es nicht, um die Fläche ganzjährig ansprechend und insektenfreundlich zu halten.

Für eine Bauherrin, die einen Vorgarten auf einem nur zirka sechzig Zentimeter tiefen, aber dreißig Meter langen Streifen hat, entschied ich mich für eine ähnliche Bepflanzung. Statt Sesleria autumnalis habe ich hier aber das halbkugelige Gras Festuca mairei eingesetzt, weil es etwas mehr Struktur gibt und so die lange Strecke stärker gliedert. In diese Bepflanzung brachten sich Mohnblumen und Johanniskraut von selbst ein, und das dürfen sie auch. Ich denke, dass die gewählten Pflanzen stabil genug sind, sich langfristig unter dieser wilden Konkurrenz zu erhalten.

Der Gras- und Wildblumenstreifen vor der Cafeteria des Sissinghurst Castle in Kent, England.
Foto: Rainer Elstermann

Die Traufstreifen von Häusern (der Sockel- oder Spritzschutz, den jedes Haus haben sollte) bepflanze ich auch regelmäßig. Er befindet sich bei der „kleinen Acht“ auf der Schattenseite. Hier wachsen die Aster Eurybia divaricatus und die wintergrüne Elfenblume Epimedium x versicolor „Sulphureum“.

Nicht immer hat man ein Haus mit angrenzenden Flächen zur Verfügung. Auch ich habe vor vielen Jahren noch in den Blumenkästen meiner Berliner Wohnung gegärtnert. Vor jedem Fenster hatte ich eine andere Bepflanzung, zur Hofseite war es eine Kornblumenmischung. Im nächsten Jahr nun folgten die Nachbarn aus dem vierten Stock meinem Beispiel, auch sie säten Kornblumen in ihre Kästen statt der üblichen Geranien. Offenbar hatten sie jedoch stark gedüngte Erde benutzt, denn die Kornblumen wuchsen sehr rasch in die Höhe und bald waren die Knospen schon oberhalb ihres eher niedrigen Fensters angekommen. Meine Nachbarn ließen sich aber nicht beirren, unerschüttert in ihrem Glauben an insektenfreundliches Vorgehen. Als die Kornblumen endlich blühten, hatte der ganze Hof seine Freude daran. Nur sie selber nicht, sahen sie doch aus ihrem Fenster nur eine grüne Wand. Das nenne ich wahre Nächstenliebe!


Gartengestalter Rainer Elstermann auf Instagram: https://www.instagram.com/neuelandschaftsgestaltung