Mein Vater wird nun bald siebzig Jahre alt, und ich finde das nicht schlimm. Ist es ja auch nicht. Väter sind, zumindest in der Wahrnehmung ihrer Kinder, immer um die siebzig. Besonders mein Vater.

Meine erste Erinnerung an meinen Vater ist jetzt ungefähr 35 Jahre her, er hatte mich aus dem Kindergarten in Friedrichsfelde abgeholt, und wir spielten zusammen in meinem Zimmer. Ich weiß nicht mehr, was wir spielten; ich weiß nur, dass er mir seine Matchbox-Autos gab und seine Mosaik-Hefte. Ein großer Fehler.

Die Mosaik-Hefte habe ich mit einer Kinderschere zerstört und die Matchbox-Autos zwischen zwei Ziegelsteinen zerdrückt. Dabei sollten die kleinen Autos und dieser DDR-Comic eigentlich seinen Ruhestand finanzieren. So wertvoll sollen sie heute sein. Ich glaube das allerdings nicht.

Unser Kolumnist Thilo Mischke.

Erinnerungen an meinen Vater sind immer Erinnerungen an einen lustigen Mann, der schiefe Bücherregale mit einem Hammer korrigiert und dabei vergisst, dass eine mit Kieselsteinen gefüllte gusseiserne Kanne auf dem Regal steht, die ihm dann auf den Kopf fällt. Vater liest, Vater liest mit Lupe, Vater guckt „Raumpatrouille Orion“, Vater erzählt von Fontane, Vater erzählt von Schinkelbauten in Brandenburg. Ja, Vater war schon immer alt. Und deswegen ist es nun wirklich nicht erschreckend, dass er 70 wird. Das gefühlte Alter passt sich dem biologischen an.

Meine Mutter fragt, ob ich helfe, den Geburtstag zu organisieren, und natürlich tue ich das. Es beschäftigt uns nicht, wie groß dieser Geburtstag sein soll, sondern nur, dass er schön ist. Wir fahren nicht weg, haben kein Gutshaus in Brandenburg, kein Schloss an einem See gemietet. Das würde auch nicht passen. Kurz denke ich an ein Motto: Fährschiffe, Fontane, Mr. Spock? Aber bei meinem Vater bin ich mir nicht sicher, ob er sich dafür noch interessiert. Jedes Jahr eine neue Neugierde. Etwas, womit er sich beschäftigt.

Viel schwieriger als die Organisation einer Geburtstagsparty ist dadurch aber das Geschenk. Was schenke ich meinem Vater, der jede Überraschung als Bedrohung wahrnimmt? Eine Reise? In die Antarktis? Seit Wochen bin ich mit einem Westberliner Reisebüro im Kontakt, um eine Alexander-von-Humboldt-Reise durch den Amazonas zu organisieren. Vorsichtig angedeutet, ob ihm das gefallen würde, höre ich nur Luft, die durch Zähne gesogen wird.

„Ach ja, Humboldt, spannend wäre das schon“, sagt er, und ich spüre, wie er sich vorstellt, mit dem Flugzeug über dem Atlantik abzustürzen, im Amazonas von Piranhas aufgefressen zu werden, krank zu werden, das Essen nicht zu vertragen.

Ich glaube, dass mein Vater sich schon immer vor den Geschenken der Familie fürchtet. Ich glaube auch: Deswegen schenken wir ihm so gerne diese Geschenke.

Mein Vater ist ein Kind seiner Zeit. Er ist jemand, der in der DDR gelernt hat, eher von der Welt zu träumen, als sie für sich zu erobern. Er liest, was andere erleben. „Das reicht mir ja“, sagt er dann immer. Mein Vater reist immer auf den Schultern anderer, die für ihn die Risiken eingehen. Deswegen mag er auch Captain Picard und „Star Trek“ so sehr. Unendliche Weiten, vom Sessel aus betrachtet.

Ich, als sein Sohn, will das natürlich nicht akzeptieren. Ursprünglich hatte ich eine Transsib-Reise mit ihm geplant, wollte ihn dabei beobachten, wie er Yak-Milch in der Mongolei probiert, wollte mit ihm Tee trinken, Bücher lesen und die Gespräche in einem Podcast verarbeiten.

Ich wollte mit ihm eine Reise machen, die eines 70-Jährigen würdig ist. Eine Reise, die er sich wünscht, seit er klein ist, und damit bestätigt, dass er schon immer irgendwie 70 war. Eine Reise im Sitzen.

Die Weltpolitik hat diese Unternehmung nun unmöglich gemacht.

Wieder eine SMS meiner Mutter. „Vater hat einen richtigen Wunsch. Er würde gerne mal zu einem Union-Spiel gehen, in der Alten Försterei.“

Und das erstaunt mich sehr. Mehr als alles andere. Mehr als jeder Wunsch, den mein Vater je geäußert hat. Das liegt vor allem daran, dass Sport, insbesondere Fußball, in unserer Familie immer elegant verachtet wurde.

Ohne zu zögern antworte ich, sage, dass ich mich kümmern würde. Weil es für Vater ja schön sein soll, weil er es uns immer schön gemacht hat. Und weil es das erste Mal in meinem Leben ist, dass mein Vater einen Wunsch hat, der sich nach Jugend anfühlt, nicht nach Alter. Vielleicht wird er ja immer jünger, umso älter ich werde?