Hoffnung in Kriegszeiten: In meinem Garten wächst die Zuversicht

Gartenarbeit spendet Trost und Hoffnung – davon ist unsere Kolumnistin überzeugt. Sie selbst hat in diesem Jahr drei aufbauende Überraschungen im Beet erlebt.

Harte Zeiten, zarte Blüten: Der lilafarbene Mohn hat unserer Gärtnerin viel Trost gespendet.
Harte Zeiten, zarte Blüten: Der lilafarbene Mohn hat unserer Gärtnerin viel Trost gespendet.DPA

Als Ende Februar der Krieg begann, konnte ich mir nicht vorstellen, in diesem Jahr meinen Garten zu bestellen. In den ersten Wochen schaute ich rund um die Uhr Nachrichten oder produzierte in meiner Redaktion selbst welche. Ich war tief im Tunnel der aktuellen Berichterstattung, funktionierte als Reporterin und versuchte tagsüber die Gedanken an die schrecklichen Ereignisse nicht allzu sehr an mich herankommen zu lassen.  Nachts aber legte sich die Angst im Schlafzimmer neben mich, nicht selten wachte ich schweißgebadet auf. „Wenn du lange in einen Abgrund hineinblickst, blickt der Abgrund auch in dich zurück.“

So wie mir ging es vielen, denke ich. Es muss Mitte oder Ende März gewesen sein, als eine Art widerwillige Akzeptanz der schrecklichen Ereignisse in meinem Kopf Einzug hielt und mir klar wurde, dass wir machtlos sind. Und dass der einzig plausible Umgang mit dieser Situation der sein kann, das eigene Leben ganz bewusst so fortzuführen wie vor Beginn der russischen Invasion in der Ukraine. Vielleicht noch bewusster.

Ich ging hinaus, holte die Anzuchtkisten aus dem Gartenhaus und begann mit der Aussaat. Ukrainische Fleischtomaten setzte ich neben die aus Russland und Rumänien, dazu Gurken, Kohlrabi, Rote Bete. Ich schnitt die Hortensien, die Hainbuchenhecke und den Lavendel, wuchtete den Kompost durch die Siebtrommel und gab den Erdbeeren einen neuen Platz. Mein Gartenjahr begann spät, aber noch früh genug.

Dankbarkeit für die schönen Momente, die der eigene Garten beschert

Heute, an einem der letzten Spätsommertage, ist ein Großteil des Gemüses bereits geerntet, die Hecke explodiert und die Rosen blühen verlässlich in zweiter Runde. Ich bin dankbar für all die schönen Momente, die mir mein Garten auch in dieser Saison bescherte. Wenn ich es recht bedenke, bin ich dankbarer als jemals zuvor. Tief in meiner Gärtnerinnenseele aber komme ich mir schuldig vor. Während ich auf meine grüne Scholle blicke, die mir friedlich zu Füßen liegt, kauern 1500 Kilometer weiter östlich Menschen in Todesangst in provisorischen Schützengräben und dunklen Kellern. Glück hier, Grauen dort – ein Zwiespalt, mit dem wir alle seit Ende Februar leben.

Ich bin immer wieder erstaunt darüber, welches Saatkorn aufgeht und welches nicht. Bei Menschen und Pflanzen gleichermaßen. Und was an Orten wächst und gedeiht, an denen ich partout nicht damit gerechnet hätte. Um das Leben zu feiern und um dem Morgen und der nächsten Saison mit Optimismus und Freude zu begegnen, teile ich an dieser Stelle mit Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, meine Top 3 dieses sehr besonderen Gartenjahres:

Der Bronzefenchel? Bei Sabine Platz wächst er denkbar üppig.
Der Bronzefenchel? Bei Sabine Platz wächst er denkbar üppig.Imago

Mein Bronzefenchel. Eine „Beutepflanze“, die ich im vergangenen Sommer von einer jungen Gärtnerin in der Nähe von Frankfurt/Oder geschenkt bekam. Einige der Leserinnen und Leser wissen vielleicht, dass ich im Hauptjob Gartenreporterin beim Fernsehen bin. Ich fuhr in Richtung Osten, um über „sandige Böden“ zu berichten und spazierte an einem herrlichen Sommertag mit einer jungen Gärtnerin durch deren Sammlung regionaler Wildstauden. Zwischen allerlei mir unbekannten Blüten ragte mannshoch ein Bronzefenchel empor.

Hübsche Überraschungen, die einfach aus dem Boden wachsen

Filigran wehten seine zarten Äste im Wind, und mal abgesehen davon, dass ich Fenchel gerne esse, gefiel mir die Idee, ausgerechnet diese Staude mitten in ein Blumenbeet zu setzen. Wir filmten bis zum Abend, sprachen über die Schwierigkeiten der Gewinnung von regionalem Saatgut und fuhren bereits vom Hof, als die Gärtnerin mit einer Plastiktüte hinter unserem Wagen hergelaufen kam. „Nimm mit“, sagte sie und lächelte, „einfach irgendwo ins Beet setzen, das klappt schon.“

Zwei der Fenchelwurzeln landeten in meinen Gemüsekisten, die dritte bei den Kräutern. Der Winter kam und ging, und als ich im Frühling die erste Reihe Radieschen setzte und den Spinatsamen streute, war der Fenchel längst vergessen. In den Gemüsekisten kam er auch nie wieder. Ende April allerdings brach im Kräuterbeet eine unscheinbare, mickrige Pflanze ihre Spitze durch den Boden. Und obgleich es wochenlang den Anschein hatte, als würde selbst ein japanischer Ahorn schneller wachsen als dieses langweilige Nichts, überragt doch in diesen Tagen ein einzelner, herrlich im Wind wehender Fenchel das Beet. Wie ein König schaut er auf den Rosmarin, den Lorbeer und das Bohnenkraut herab, und wann immer mein Blick in Richtung Kräuter fällt, läuft mir ein wohlig warmer Schauer über den Rücken. Eine Glücksperle, mitten im Garten.

Palmkohl? Will die Familie unserer Gärtnerin nicht auf dem Teller haben.
Palmkohl? Will die Familie unserer Gärtnerin nicht auf dem Teller haben.Imago

Ebenfalls für ein warmes Gefühl sorgt in diesem Jahr mein Palmkohl. Der ist so gigantisch, damit könnte ich wahrscheinlich meine Familie eine ganze Woche lang ernähren. Wenn die denn Palmkohl essen würden, aber das ist eine andere Geschichte. Im zeitigen Frühjahr habe ich den Kohl vorgezogen und ihm beim Auspflanzen Bokashi an die Füße gesetzt. Kennen Sie Bokashi? Nein? Aaaalso: Bokashi ist fermentierter Biomüll. Der letzte Schrei in Japan und seit einiger Zeit auch hierzulande ziemlich hip. Obstschalen, Zwiebelreste, Kaffeesatz, zerknüllte ZeWa-Tücher, Pistazienschalen und so weiter werden luftdicht in einer Plastiktonne gesammelt, mit Mikroorganismen (EM-1) besprüht und fermentiert.

Das eigene Beet zeigt doch, dass es immer auch ein Morgen gibt

Die entstehende, süßlich riechende Masse wird einige Wochen in der Tonne aufbewahrt und dann etwa 20 Zentimeter tief ins Gemüsebeet gegraben. Obenauf pflanzt der findige Japaner, der trendige Instagramer oder eine Freizeitgärtnerin wie ich dann Rote Bete, Rettich, Tomaten oder eben Palmkohl. Tja, was soll ich sagen? Es funktioniert! Der Kohl jedenfalls, ein altbekannter Starkzehrer, schien in dieser Saison alles zu haben, was er zum Wachsen braucht; so groß war der noch nie.

Meine Familie findet die Sache mit der Bokashi-Tonne leider ziemlich widerlich. „Boah, wie das stinkt“, mosert regelmäßig die Tochter. „Das ist eklig“, schimpft der Sohn. Wir haben uns darauf verständigt, dass ich die Kiste im Keller aufbewahre. Das geht natürlich, allerdings trage ich nun jede Bananenschale durch den Hausflur …

Der schönste Mohn der Welt? Steht bei unserer Kolumnistin im Garten.
Der schönste Mohn der Welt? Steht bei unserer Kolumnistin im Garten.Imago

Die dritte und schönste Überraschung meines Gartenjahres war - tadaa: Mein Mohn. Ich will an dieser Stelle wirklich nicht eitel oder eingebildet klingen, nein. Aber ohne jeden Zweifel hatte ich in diesem Jahr den schönsten Mohn, den die Welt jemals gesehen hat. Jawoll! Satte 1,20 Meter hoch, riesige, dunkellila Blüten und hellgrüne, wunderschön zarte Blätter. Fragen Sie mich bitte nicht, wie die Sorte heißt – ich weiß es nicht. Und es ist mir auch egal. Ich bin einfach froh, dass er da war.

Jahrelang nämlich wollte Mohn bei mir nicht sein. Und Sie können mir glauben, ich hab nichts unversucht gelassen! Verschiedene Sorten habe ich ausprobiert, verschiedene Standorte auch. Den richtigen Zeitpunkt hab ich abgepasst – alles ohne Erfolg. Selbst als mir im vergangenen Jahr eine reizende Instagram-Bekanntschaft ein Tütchen mit Saatgut schickte, ließen sich nur ein paar mickrige Stengel blicken.

Im Herbst schließlich räumte ich die Beete ab, entsorgte den Rückschnitt auf dem Kompost und verschwendete keinen weiteren Gedanken an die Mohn-Aussaat. Ich machte – wie sagt mal so schön? – einen Haken an die Sache. Und was passiert so manches Mal im Leben, wenn man sich gedanklich längst verabschiedet hat? Genau! Das Glück kommt von hinten um die Ecke. In diesem Jahr in Form einer beeindruckend schönen Pflanze, die vollkommen eigenmächtig an diversen Stellen meines Gartens einen Platz zum Wachsen fand. Schön, oder?

Ich wünschte, auch Wladimir Putin wäre ein begeisterter Gärtner. Ich würde ihm all mein Saatgut schenken: den Fenchel, den Palmkohl, den Mohn und alles andere. Denn wenn wir Gärtnerinnen und Gärtner eines wissen, dann ist es doch: Einen Garten zu bestellen, heißt an das Morgen zu glauben.