Nights in white satin: Michael-John Harper in „Guest on Earth“.
Foto: Benjamin Alexander Huseby

Berlin-KreuzbergUnd wieder einmal eliminiert das Internet Hierarchien – Labels wie Y/Project oder GmbH finden bei „Not In Paris“ genauso statt wie Hermés, Dior oder Fendi. Mit der Online-Aktion reagiert die Berliner Fashion-Plattform Highsnobiety auf die Absage der Men’s Fashion Week in Paris. Ein Desaster für die Branche, worauf vielleicht der desolat um sich selbst kreiselnde Eiffelturm auf der Webseite verweist. Insgesamt 38 Beiträge wurden hochgeladen.

Komplette Kollektionen werden bei „Not In Paris“ nicht präsentiert, vielmehr geht es um Konzepte und Kollaborationen, um Botschaften und Identitäten. Im Fokus steht nicht nur die Kleidung, sondern vor allem die Ideen dahinter. Wie denken die Modemacher, warum sieht ein Schuh so aus, wie er aussieht? Welche Rolle spielen Herkunft und Lebensmittelpunkt eines Modeschöpfers? So erklärt der in Berlin lebende Ex-YSL-Chefdesigner Stefano Pilati, welche Codes die Entwürfe seines Labels Random Identities in sich tragen. Absolut herausragend jedoch inszenieren sich die Berliner Neo-Avantgardisten von GmbH mit dem dystopisch anmutenden Clip „Guest on Earth“, der rund um das Kottbusser Tor gedreht wurde.

Die Straße als Inspirationsraum

Regisseur Francisco Sendino, der bereits für Kollegah und Agent Provocateur gearbeitet hat, taucht Kreuzberg darin in eine warme Dunkelheit. Regiestars wie Chris Cunningham oder Jonas Åkerlund hätten es nicht besser inszenieren können. Zum hypnotischen Soundtrack von Lyra Pramuk schreitet ein Mann in Zeitlupe durch den Kiez, vorbei an den Menschen auf der Straße. „Der Fokus des Films liegt auf der Nachbarschaft, in der wir leben,“ sagt Benjamin Alexander Huseby, einer der GmbH-Gründer. „Wir wohnen und arbeiten hier. Es gibt so viele Menschen, denen wir täglich begegnen und mit denen wir nie sprechen.“ Der Protagonist, ein Engel, verkörpert durch den Künstler Michael-John Harper, liest die Gedanken der Menschen um sich herum. Der Himmel über Berlin ist graublau.

Und obwohl Harper Teile der neuen GmbH-Kollektion trägt, ist deren Präsentation im Video zweitrangig. „Der Film handelt nicht von Mode. Die Kleidung ist darin nicht wichtig“, so Serhat Isik, der zweite Gründer von GmbH. Und Huseby ergänzt: „Wir lassen uns inspirieren vom Einfachen, von der Straße. Darum geht es bei GmbH, die Geschichte beginnt bei den Dingen auf der Straße und führt irgendwann auf den Laufsteg nach Paris. Und das ist unsere Geschichte. Die Welt, aus der wir kommen ist schlicht, aber auch und gerade darin liegt eine große Schönheit.“

Ein Film wie „Guest on Earth“ zeigt, wie Kreativität in Krisenzeiten gehen kann. Die technischen Möglichkeiten nutzen, erfinderisch sein und Impulse geben – die bestenfalls in der analogen Welt nachhallen werden.

Das in Berlin ansässige Modelabel GmbH wurde 2016 von dem norwegischen Fotografen Benjamin Alexander Huseby und dem türkischstämmigen Modedesigner Serhat Isik gegründet. Mit ihren Entwürfen feierten sie in sehr kurzer Zeit große internationale Erfolge.