Fighting for Fashion an beiden Küsten: Tom Ford (Mitte) und zwei seiner Modelle für Fall/Winter 2020 auf dem Runway der Milk Studios in Los Angeles..
Foto: Getty Images/Frazer Harrison

New YorkEin Kapitän, heißt es, soll ein sinkendes Schiff als Letzter verlassen. Wenn er das nicht tut, wenn er Besatzung und Passagiere im Stich lässt, dann sollte man zumindest ein gehöriges Maß an Scham von ihm erwarten. Doch Tom Ford ist dieser Tage nichts anzumerken, was auch nur entfernt darauf hinweist. Schlechtes Gewissen, that’s just not his thing.

Er sei, sagte Ford zu Beginn der Woche, der Chairman des Council of Fashion Designers of America CFDA, der Vereinigung amerikanischer Modedesigner – und nicht etwa der Modedesigner von New York. Dass er mit seinem Label der altehrwürdigen New York Fashion Week (läuft noch bis 12. Februar) einen Korb gab, um seine Kollektion für den Herbst kurz vor der sonntäglichen Oscar-Verleihung in Los Angeles zu zeigen, sei deshalb alles andere als ein Verrat. Er fördere damit die US-Mode und zerstöre sie nicht, wie ihm in den letzten Tagen häufig vorgeworfen wurde.

The stars are out tonight: Demi Moore (rechts) mit Tochter Rumer Willis vor der Show von Tom Ford.
Foto: Invision/AP/Jordan Strauss

Ein Detail, das Ford bei dieser Argumentation unterschlägt: Das CFDA bestimmt und verantwortet, wer bei der New York Fashion Week teilnimmt. Wenn schon der Vorstand der verantwortlichen Organisation nicht mehr an „seine“ Modewoche glaubt, wer sonst sollte es dann tun?

Mode-Ikonen zeigen Manhattan die kalte Schulter

Tom Ford ist nicht der einzige Mode-Maestro, der in dieser Saison Manhattan die kalte Schulter zeigt. Ralph Lauren ist nirgendwo auf dem Programm zu finden und hat eben angekündigt, dass er seine Kollektion erst im April zeigen wird. Jeremy Scott zeigt lieber während der Juli-Couture in Paris, Tommy Hilfiger zieht London vor. Weitere auffällige No-Shows am Hudson sind diesmal Joseph Altuzarra, Batsehva, Thom Browne, Telfar und Kerby Jean-Raymond mit Pyer Moss. Calvin Klein? Seit dem Weggang von Raf Simmons veranstaltet das Label keine Fashion-Shows mehr, man investiert das Geld lieber in neues Personal.

Seit Jahren schon kämpft die New Yorker Modewoche mit Bedeutungsverlust. Mindestens seit 2015, seit die Fashion Week ihren Standort am Lincoln Center verloren hat, wird ihr dräuender Tod heraufbeschworen. Bis zu einem gewissen Grad spiegelt diese Dauerkrise jedoch bloß die dramatischen Veränderungen in der gesamten Branche wider. Das Modell, zwei Mal im Jahr Kollektionen vorzustellen, die dann ein halbes Jahr später in den Handel kommen, hat sich überholt.

Längst haben die Modelabels ihren Produktionszyklus dem Internetzeitalter angepasst. Neues wird nicht mehr in einem Rutsch, sondern immer dann vorgestellt, wenn das jeweilige Label es für passend hält. Die Marketingkampagnen online wie offline werden entsprechend angepasst. Das nennt sich „drop culture“, und ist auf dem Vormarsch.

Runway-Schauen sind in diesem System nur noch Marken-Events, die dazu dienen, das Label im Gespräch zu halten; der Rahmen einer Modewoche wird dazu nicht mehr zwingend gebraucht.Viel wichtiger als unmittelbarer Verkauf an Einzelhändler ist in der Ära von Webshopping und Instagram, dass die Show das richtige Publikum anzieht. Die New York Fashion Week lockt jedoch seit Jahren nicht mehr die A-Listen-Prominenz. Kritiker beklagen, dass sie zum Tummelplatz von Bloggern und Influencern geworden ist, die sich bloß selbst inszenieren. Die Zeiten, in denen Vogue-Chefin Anna Wintour mit Leonardo DiCaprio und Nicole Kidman in den Zelten im Bryant Park in der ersten Reihe saß und Hof hielt, sind lange vorbei.

Die umfassende Kommerzialisierung der Fashion Week, zu der sich inzwischen jeder mit dem nötigen Kleingeld ein Ticket (Kostenpunkt 50 bis 1500 Dollar, je nach Status des zeigenden Designers und Champagner-Extras) kaufen kann, hat die echte Society vertrieben. Deshalb gehen Modestars wie Tom Ford da hin, wo die Society ohnehin schon ist. In dieser Saison ist das Hollywood, wo der globale Glamourset – Topmodels, Starstylisten und Größen des Modejournalismus aus aller Welt samt Kamerateam – dank der Überschneidung von Fashion Week und Academy Awards gerade besonders vollzählig vor Ort sein dürften.

Junge New Yorker Labels profitieren von der terminlichen Verwirrung

Power-Punks: drei Herbst-Outfits von Monse, designt von Laura Kim und Fernando Garcia. 
Foto: ddp/Sipa USA/Jonas Gustavsson
City-Poncho und Overknees: Neues vom Kultulabel Rag & Bone, designt von Marcus Wainwright. 
Foto: ddp/Sipa USA/Jonas Gustavsson

Fords Entscheidung für Kalifornien markiert jedoch weitaus mehr als nur eine Kollision im Society-Kalender. Es ist ein eindeutiger Triumph für Los Angeles in der ewigen Rivalität zwischen Ost- und Westküste um den Rang der Kulturhauptstadt der Vereinigten Staaten.

Es ist 43 Jahre her, dass Woody Allen in „Annie Hall“ verkündete, Los Angeles habe nur einen einzigen Vorteil gegenüber New York: Dass man an einer roten Ampel rechts abbiegen könne. Ansonsten gab es für den Ostküsten-Grübler keinen guten Grund, die Metropole der Seichtigkeit zu besuchen. Das berühmte Zitat spiegelte die geballte Arroganz Manhattans gegenüber den Angelenos wider. In der Traumfabrik wurde Massen-Entertainment produziert, doch alles von Wert und Bestand kam aus New York.

In der vergangenen Dekade aber verschob sich das kulturelle Gleichgewicht in den USA zusehends in Richtung Westen. „New York ist ein Opfer seines eigenen Erfolgs geworden“, konstatierte 2015 DJ Moby, der zwar in New York aufgewachsen, aber nach L. A. umgezogen war. „In New York konsumieren die Leute nur noch Kultur, keiner macht mehr etwas. Junge Leute, die etwas erreichen wollen, gehen nach Los Angeles.“

Der kreative Nährboden, der einst New York ausmachte, hatte sich in einer Orgie des Immobilienluxus aufgelöst

Moby beschrieb einen Exodus, der bereits um die Jahrtausendwende begonnen hatte. Künstler und Kreative flohen aus dem immer unbezahlbarer werdenden New York, wo sich der kreative Nährboden, der einst die Stadt ausgemacht hatte, längst in einer Orgie des Immobilienluxus und der Gentrifizierung aufgelöst hatte.

Der große Profiteur war Los Angeles. Hier gab es noch Raum, um sich zu entfalten. Die Boheme aus New Yorker In-Vierteln wie Williamsburg siedelte in die neuen In-Viertel von L.A. wie Echo Park, West Adams oder Leimert Park um, wo die Preise für ein Studio höchstens ein Drittel so hoch sind.

Los Angeles wurde cool. Auf die Künstler folgten die Galerien, und auch die Museen rüsteten auf. Kuratoren wie Klaus Biesenbach und Jeffrey Deitch wechselten die Küste, Institutionen wie das Getty und das LA County Museum fingen an, MoMA und Metropolitan Museum mit hippen Ausstellungen Konkurrenz zu machen. Und die indigene Modeszene von Los Angeles machte mit Labels wie Band of Outsiders zunehmend auf sich aufmerksam.

Kleider für Instagram & Co.: Show von Brandon Maxwell im New Yorker American Museum of Natural History. 
Foto: AF/Angela Weiss

Natürlich wird die New York Fashion Week wieder Entdeckungen bieten. Es zeichnet sich bereits ab, dass die jüngere Modelabel-Generation – bereits erfolgreich gezeigt haben Rag & Bone, Priscavera und Monse von Laura Kim und Fernando Garcia – die Unruhe nutzen, um selbst ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Ihre neuen Kollektionen waren jedenfalls voller Will-ich-haben-Teile. Dazu kamen highly instagrammable Locations wie eine öffentliche Bibliothek oder das American Museum of Natural History, wo der als Lady Gagas Stylist bekannt gewordene Brandon Maxwell Samstag abend seine Modenschau veranstaltete. (Leider waren die ausgestopften Grizzlys und Riesenelche in den Dioramen deutlich spannender als seine Mode.)

Gut möglich also, dass Tom Ford recht hatte und die New Yorker Mode von der kulturellen Kampfansage aus Los Angele sogar noch profitieren wird. Welches Schicksal sonst auf sie wartet, sahen die Mode-Player von Manhattan am Samstag ja in den Dioramen des Naturgeschichte-Museums.