Lache, Terrazzo! Im La Côte isst man an steinigen Tischen, zum Beispiel den Pfifferlingstoast mit Dill-Ricotta, grünen Bohnen und gepökeltem Ei. 
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Berlin-NeuköllnIch gebe es zu, ich bin etwas großstadtmüde geworden. Die urbane Zerstreuung fühlt sich nicht mehr so dringlich an im Leben wie früher. Die Corona-Einschränkungen haben ihr Übriges getan, weswegen ich mich immer öfter bei dem Gedanken ertappe, raus aufs Land zu ziehen. Inzwischen kann ich einiges über die Vorzüge eines mobilen Hühnerstalls, den Sinn und Zweck von Habichtnetzen oder die Futterkosten von Herdenschutzhunden berichten. Dabei wohne ich im vierten Stock eines Berliner Mietshauses und besitze natürlich weder Huhn noch Schaf. Doch mein Landfluchttraum war lange Zeit durchaus real. Zumindest bis vor ein paar Tagen, als ich einen Ausflug in die wunderschöne Schorfheide machte und dort, eine Stunde nördlich von Berlin, ein Restaurant zum Einkehren suchte.

In so einer herrlichen, von der Natur geprägten Landschaft – so dachte ich – müsste ich doch ein ebenso herrliches, naturnahes Restaurant finden. Dem war nicht so. Im Gegenteil, ich hätte den dortigen Restaurantbesitzern am liebsten zugerufen, dass die Seeblick-Terrasse nichts bringt, wenn der Fisch sich als aufgetauter Pangasius aus Vietnam entpuppt. Das war der Wendepunkt: Meine Landfluchtgedanken waren verschwunden.

Ich fuhr auf der Autobahn zurück in Richtung Hauptstadt und schnurstracks ins turbo-gentrifizierte Neukölln, denn dort befindet sich das La Côte. Das Lokal liegt im Schillerkiez, ich hatte es zuvor auf Instagram entdeckt. Der Schriftzug, das schlicht-gekonnte Interieur und die abfotografierten Teller sahen vielversprechend aus.

Südfranzösisch mit Thonetstühlen: Auf der Suche nach einfallreichem Essen und Ambiente wurde unsere Autorin hier fündig.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Dabei hat das La Côte erst im Februar eröffnet und sicherlich keinen leichten Start hinter sich. Doch mit seiner mediterran-französisch inspirierten Küche sticht es selbst an einem Standort wie diesem hervor, wo sich viele tolle Restaurants gegenseitig Konkurrenz machen. Schon jetzt sitzt hier Stammpublikum aus dem Kiez. Viele kommen wegen der Drinks des Schweden Christian Cordes – wie etwa dem Cocktail „Beetstreet“, für den der Barchef Gin mit Scotch, Rote Beete, Zitrone und Honig sowie etwas Meerrettich-Tinktur fusioniert.

Ein weiterer Schwede verantwortet die Küche: Basil Gieldon, der sich schon als Küchenchef im Industry Standard und in dem inzwischen geschlossenen Wild Things einen Namen machte. Sein Tatar mit Austern-Mayonnaise und Buchweizen oder die handgemachten Gnocchi mit wildem Knoblauch, Broccoli und Pecorino werden dafür sorgen, dass das La Côte bald kein Geheimtipp mehr ist. Dafür schmecken die Gerichte schlichtweg zu gut.

Die Bar aus Terrazzo ist ein Hingucker, genau wie die Leuchter darüber, die gleichzeitig als Weinglashalter fungieren. Auch die europäisch geprägte Weinkarte, auf der die Inhaber-Gastgeber Rebbecca Gulam und Felix Bergman (beide kommen ursprünglich aus Stockholm) ihre Lieblingsweine listen, spricht für einen Besuch.

Bergman empfiehlt mir einen Muscadet von der Loire, wo die Reben auf Muschelkalk gedeihen. Das passt herrlich zu den Fines-de-Claire-Austern, den Herzmuscheln oder auch dem heutigen Eintopf mit Garnele und Tintenfisch. Alle Speisen werden je nach Verfügbarkeit auf die Karte gesetzt. Meerestiere sind Bergmans zweite Leidenschaft, schließlich hat er seinen Laden nicht zufällig La Côte, französisch „die Küste“ genannt. Bereits in Stockholm führte er ein Gourmetrestaurant, bis er seiner Freundin nach Berlin folgte. Was für ein Glück für unsere Stadt.

La Côte, Kienitzer Straße 95, 12049 Berlin-Neukölln.
Grafik: BLZ/Galanty

Am meisten faszinierte mich an dem Abend jedoch ein einfach klingender „Pfifferlingstoast mit Ricotta“, der perfekt zubereitet wurde. Bei jeder von dessen Schichten könnte man etwas falsch machen, den Geschmack verkleistern durch zu viel Ei, Fett oder Käsecreme. Doch Gieldon versteht es, Zutaten so einzusetzen, dass jede einzelne ihren Auftritt bekommt. Das von Hand geschnittene Toastbrot bester Qualität –von der Kreuzberger Bäckerei Albatross– ist kross in Butter angeschmolzen sowie mit fluffig aufgeschlagenem Dill-Ricotta bestrichen. Darauf sind in Butter geschwenkte, knackige und sehr aromatische Pfifferlinge angerichtet, die von saftig grünen Bohnen und in Zuckeressig eingelegten, hauchfeinen Zwiebelringen umspielt werden. Dillstaub und ein darüber geriebenes gepökeltes Ei bilden das Finish. Es ist schon jetzt meine Lieblingsvorspeise für die Pilzsaison.

Während ich den Toast genoss, stellte ich mir kurz vor, wie diese Speise wohl in Brandenburg schmecken würde. Bisher gibt es so etwas wahrscheinlich nur in Berlin. Restaurants wie das La Côte sind jedenfalls der Grund, warum mich diese Stadt wohl nie los wird.


La Côte, Kienitzer Straße 95, 12049 Berlin-Neukölln, Telefon +49 30 30 648 638. Geöffnet Mi–So 18–22 Uhr (Restaurant), Fr & Sa 18–2 Uhr (Bar).

Preise: Vorspeisen 11 bis 18 Euro, Hauptgerichte 14 bis 22 Euro, Dessert 7 Euro, Cocktails ab 9 Euro. Offene Weine 5 bis 10 Euro pro Glas, Muscadet de Sèvre 7,50 Euro.