Sommerlich: So werden Ceviche mit Wolfsbarsch (links) und der Wildkräutersalat mit Rettichröllchen im La Mezcla serviert.
Foto: Sabine Gudath

Berlin/FriedenauWenn man jahrzehntelang in der Gastronomie arbeitet, immer für andere, ständig sieht, was falsch läuft, was man besser machen könnte – dann entwickelt sich vermutlich irgendwann genau das: ein kristallklares Bild, wie das eigene Restaurant einmal aussehen soll. Wer dann wie Cecilia Acosta Machado auch noch den Mut und die Energie hat, es eines Tages zu verwirklichen, der schafft den nahezu perfekten Ort für Gäste. Ich spreche vom La Mezcla, einem lateinamerikanischen Restaurant in der Hedwigstraße in Friedenau. Der Bezirk wurde einst als Gartenstadt gegründet und ist von der Stadtmitte überraschend schnell zu erreichen. Trotzdem fühle ich mich hier immer wie in einem anderen Berlin.

Kulinarisch gab es für mich in dem Bezirk bisher kaum Ziele. Sicher, es mangelt nicht an Bistroküchen, Pizza-Pasta-Italienern und jeder Menge Asiaten. Aber ein Restaurant wie das La Mezcla ist ein Solitär – und ich behaupte jetzt mal, in Berlins gastronomischen Hotspots wie Neukölln, Mitte oder Prenzlauer Berg wäre dieser Laden jeden Tag brechend voll. Nun sind wir aber in Friedenau und das auch noch in Corona-Zeiten, weshalb wir an einem Donnerstagabend freie Platzwahl haben. Nur zwei, drei weitere der schönen Bistrotische sind besetzt.

Wohltemperierte Exotik: der familiäre Frontraum des La Mezcla, auf Deutsch „die Mischung“.
Foto: Sabine Gudath

Ich bin mit Christian Tänzler hier. Der Mann kennt die Köche und Restaurants dieser Stadt mindestens so gut wie ich. Für Visit Berlin, die landeseigene Tourismusagentur, vermarktet er die Hauptstadt in der Welt. Vor Corona war das vermutlich ein sehr angenehmer Job; mit 134 Millionen Übernachtungen im Jahr platzte Berlin 2019 aus allen Nähten, unter Europas Gourmets galt die Stadt als der neue Komet am Gastrohimmel. Derzeit gestaltet sich sein Job etwas zäher. Nur langsam kehren die Touristen zurück. Umso wichtiger, findet Tänzler, dass wir Berliner viel essen gehen.

Das La Mezcla ist eines seiner Lieblingsrestaurants (auch wenn ich das vermutlich nicht schreiben sollte, weil er berufsbedingt für alle gleichermaßen werben muss). Ich kann verstehen, warum. Schon das Interieur wirkt einladend, ein Hauch von tangodurchwehtem Emigrantenstil liegt in der Luft: Messingfarbene Details, dunkles Holz und Bugholzstühle treffen auf exotischen Blumenschmuck, Dschungelprint-Kissenfamilien auf Bänken und warme Wandfarben.

Design auf dem Teller 

La Mezcla bedeutet übersetzt „die Mischung“. Hier ist sie bunt, aber nicht beliebig. Die auf glasierten Tellern servierten Speisen sind effektvoll angerichtet. Trotzdem ist hier keine Zutat bloße Dekoration, sondern fügt sich gekonnt in die Geschmackskomposition. Nein, eher Geschmacksexplosion– denn auch wenn dieses Wort heute klar zu häufig benutzt wird, diesmal stimmt es ausnahmsweise. Das Ceviche zum Beispiel, aus einem köstlichen Wolfsbarsch, habe ich noch nie so geschmacklich kontrastreich und doch harmonisch kombiniert genossen. Hier mischt sich die asiatische Aromenwelt von Koriander mit dem Geschmack einheimischer Brunnenkresse. Sellerie trifft auf Zitronengras und Limette, cremige Avocado auf knusprig gerösteten Mais, der dem Gericht eine leicht bittere Erdung verleiht.

Genug Säure und gut verträgliche Chili-Schärfe fehlen ebenfalls nicht, denn der rohe Fisch ist mit der in Südamerika so typischen Tigermilch mariniert. (Auch die wird natürlich selbst hergestellt.) Und weil die Inhaberin, die zusammen mit ihrem Koch Daves Huaman die Gerichte entwickelt, sich offenbar mit „gut“ nicht begnügt, krönt sie ihr Ceviche noch meisterlich mit einem fruchtigen Süßkartoffel-Orangen-Mus.

Ursprünglich kommt Cecilia Acosta Machado aus Uruguay, einem klassischen Einwanderungsland „ohne eigene Küche“, wie sie selbst sagt. Dafür mit unzähligen kulinarischen Einflüssen aus Europa. Hier liebt man Pasta ebenso wie Crêpes, und die Gastronomin ist Tüftlerin genug, um verschiedenste Elemente überraschend zu kombinieren. Den Blick über den Tellerrand hat sie vermutlich aus ihrem ersten Beruf als Interiordesignerin mit in die Küche genommen.

Wer so denkt und arbeitet, serviert selbst einen Salat wie ein Blumenbouquet. Saisonale Wildkräuter und Frühlingsblüten werden als kleine Sträuße mit Rettich ummantelt und zusammengebunden, man teilt sie mit dem Messer und genießt sie zu einer herrlich exotischen Maracuja-Vinaigrette mit fermentiertem schwarzen Knoblauch. Ich wünschte, ich könnte Ihnen nun noch ausgiebig den knusprig gegrillten, innen hauchzarten Pulpo auf einem Bett aus cremiger Hokkaido-Schafskäse-Polenta beschreiben. Aus Platzgründen ist das aber leider nicht möglich. Nur soviel, der angerichtete Teller sieht aus, als habe ihn die mexikanische Künstlerin Frida Kahlo gemalt. Aber schauen Sie es sich doch einfach selbst an. Fahren Sie hinaus ins schöne Friedenau.


Preise: Vorspeisen 7,50 bis 13,50 Euro, Hauptgerichte 18 bis 28,50 Euro, Desserts 8 bis 8,50 Euro.

La Mezcla, Hedwigstraße 1, 12159 Berlin-Friedenau, Di–So 16 bis 23 Uhr.