Berlin - Etliche unangenehme Dinge in meinem Leben hätten vielleicht vermieden werden können, wenn ich auf meine innere Stimme gehört hätte. Vor drei Wochen (Aschermittwoch) sagte mir meine innere Stimme: „Alter, wenn du jetzt mit dem Alkoholfasten beginnst, dann hast du wirklich ein Problem!“ Gleichzeitig sagte meine Frau Catherine: „Ich bin so stolz auf dich, dass du das wirklich durchziehst, ich glaube an dich, mon amour!“

Tja, seitdem faste ich, zum ersten Mal in voller Länge, bis Ostern. Letztes Jahr hatte ich es schon mal mit einer Vorform des Fastens versucht, dem trockenen Januar, das ist so eine Art Halbmarathon für Freizeit-Alkoholiker wie mich. Wenn ich mich recht erinnere, fiel mir die Entsagung  gar nicht so schwer. Was möglicherweise auch damit zusammenhing, dass es zwei oder drei kleine Unterbrechungen gab, also Momente, in denen es mir aus Gründen der höheren Gewalt oder der völkerverbindenden Höflichkeit angemessen erschien, meine Askese für ein paar Stunden (oder Tage) zu unterbrechen.

Erschrecken am Glascontainer, traurige Blicke von der Ehefrau

Das sollte diesmal anders werden. Wie Jesus in der Wüste wollte ich Buße tun für den vielen Rotwein, den leckeren Pflaumenschnaps, den exzellenten Whisky, den herrlichen Champagner und die wunderbaren vom Barkeeper Gutsch (auch genannt Shakie Shake Jochen) gemixten Cocktails, die ich in den Monaten davor getrunken hatte.

Der Buße voraus gingen Momente des Erschreckens und der Einsicht. Einen davon hatte ich an einem Montagmorgen im Januar, als ich bei uns an der Ecke am Glascontainer stand und eine gefühlte halbe Stunde brauchte, um die von mir geleerten Flaschen der Vorwoche in den dunklen Container-Schlund zu schieben.

Ein anderer, der vielleicht entscheidende Moment, war der, als ich an einem Mittwochabend gegen 19:50 Uhr bemerkte, dass kein Rotwein mehr im Hause war. Die Panik, die mich da befiel, war schon ein wenig irritierend. Ich rannte zum Weinladen, der gerade zumachte, schnappte mir geschwind zwei Flaschen vom guten Primitivo und überlegte, wie ich meine Beute möglichst unauffällig in die Wohnung bringen könnte. Ich wollte einfach nicht wie jemand wirken, der kurz vor acht losrennt, weil er keinen Alk mehr hat. Also öffnete ich beinahe lautlos die Wohnungstür, schlich auf Zehenspitzen den Flur entlang und war gerade dabei, die Flaschen in unserer Vorratskammer zu deponieren, als meine Frau plötzlich hinter mir stand und mich mit traurigen Augen ansah.

Barkeeper Gutsch wird zum Versucher in der Promille-Wüste

Ja, das war nicht schön, und ich wusste, dass ich etwas tun musste. Wobei das Fasten die eine Sache ist. Eine ganz andere Sache ist es, in einer Pandemie zu fasten. „Bist du sicher, dass du auf den einzigen Freudenquell, der uns in diesen Zeiten bleibt, verzichten willst?“, fragte Barkeeper Gutsch mit sorgenvoller Stimme. „Das ist, als wärst du in einer trostlosen Zelle gefangen und würdest noch das einzige Fenster zumauern, durch das gelegentlich ein Sonnenstrahl fällt.“

Solcherart mental unterstützt begann ich meine Askese. Und ich muss sagen, es war noch furchtbarer, als ich gedacht hatte. Sobald der Abend nahte, fühlte ich ein Ziehen im Unterleib und es befiel mich ein fast unmenschliches Verlangen nach einem Gläschen Côtes du Rhône, einem Viertelchen Tempranillo oder wenigstens einem Schluck Brunello. Ich hatte mal irgendwo gelesen, man erkenne einen problematischen Alkoholkonsum daran, dass sämtliche Gedanken nur noch um den Alkohol kreisen. Nun, genau so geht es mir, seitdem ich nichts mehr trinke.

Was mich natürlich zu der Frage führt, ob es nicht besser wäre, diesem qualvollen Zustand ein Ende zu bereiten. Was bislang lediglich durch die noch viel qualvollere Frage verhindert wird, ob ich also wirklich nicht mehr Herr meiner Entscheidungen bin.

Was soll ich sagen? Ich habe mich noch nie so auf Ostern gefreut. Wenn ich endlich von meinen Leiden erlöst werde. Und der Weintrinker in mir Wiederauferstehung feiert.