Berlin - Ich träume gerade viel und intensiv, manchmal bin ich morgens richtig fertig von den Abenteuern der Nacht. Vielleicht wird das Innenleben automatisch dichter, je weniger da draußen passiert. Die Bilder verschwinden meist beim Aufwachen, nur wenige bleiben im Gedächtnis haften. Letzte Nacht zum Beispiel träumte ich von einem Strand, an dem ich lag. Ich sah die Wellen ans Ufer schlagen, zwei Frauen saßen in einem Schlauchboot, sie trugen Atemschutzmasken.

Soweit ich mich erinnere, war das mein erster Traum, in dem Menschen mit Masken vorkommen. Ein Jahr hat es gedauert, bis diese Realität in meinem Seelenkino angekommen ist. Bin ich besonders langsam, oder brauchen neue Wirklichkeiten immer so lange, um in uns einzudringen? Für Traumforscher muss diese Pandemie eine spannende Sache sein, wann hat man schon mal die Situation, dass Menschen auf der ganzen Welt zeitgleich ihr Aussehen verändern? Dass man die Zeit messen kann, die zwischen Traum und Wirklichkeit liegt? 

Wobei ich mich natürlich frage, ob es andersherum genauso lange dauern wird. Ob ich also ein Jahr, nachdem ich keine Maske mehr tragen muss, noch immer von ihr träumen werde? 

Ich fragte eine befreundete Psychologin nach meinem Traum. Sie sagte, interessant sei nicht die Maske, sondern das Schlauchboot. Es sei ein Symbol der Veränderung, das Schlauchboot wirke zwar sicher, sei in Wahrheit aber sehr verletzlich. „Und die zwei Frauen?“, fragte ich. „Männliche Selbstüberschätzung“, sagte die Psychologin. 

Essen am Tisch mit Tischdecke, zwischen Fremden: Irrsinn!

Interessant ist die Gewöhnung, diese lautlose, unspektakuläre und doch so mächtige Kraft, die uns dabei hilft, irgendwie mit allem klarzukommen. Ich bin immer wieder überrascht, wie schnell und umfassend die Gewöhnung funktioniert, wie sie uns vorgaukelt, es sei doch alles normal und okay. Wie unnormal es aber eigentlich ist, fiel mir neulich wieder auf, als ich zur Mittagszeit in einer Pizzeria war und auf meine Margherita zum Mitnehmen wartete. Der freundliche Pizzabäcker sagte, ich dürfe mich während des Wartens hinsetzen. Und dann saß ich da seit langem mal wieder an einem Tisch, der nicht mein Küchentisch war, und war verwirrt. Weil mir plötzlich klar wurde, wie weit das alles schon weg ist. Diese Zeit, in der es möglich war, eine Pizza außerhalb der eigenen Wohnung, an einem Tisch mit Tischdecke und umgeben von anderen Menschen, zu verspeisen.

Natürlich weiß ich noch, wie es war. Aber ich denke nicht mehr daran, ich rechne nicht mehr damit, es spielt keine Rolle mehr. Genau wie das Herumspringen in schweißfeuchter Luft, die Bässe im Bauch, der Biergeruch am Pullover, das Ins-Ohr-Flüstern, das In-die-Arme-Nehmen.

Das Seltsame ist, es fehlt mir nicht mal besonders. Ich habe jetzt einen anderen Rhythmus, andere Höhepunkte. Einkaufen gehen, spazieren gehen, mit Freunden telefonieren, die Natur bewundern. Dieses eine Jahr hat mich mindestens um zwanzig Jahre altern lassen. 

„Das eine Jahr hat mich mindestens 20 Jahre altern lassen“

Und dann sagen jetzt immer alle: Wenn diese ganze Scheiße vorbei ist, dann lassen wir es aber richtig krachen. Party, Fressen, Drogen, Exzess. Und ich denke: Na klar, aber bitte langsam. Ich müsste, glaube ich, ganz vorsichtig wieder hochfahren, wie ein Taucher, der aus großer Tiefe an die Oberfläche zurückkehrt. Erst mal nur mit Freunden zu Hause essen, sich dann schon mal in eine kleine Bar vorwagen. Später sogar in ein richtiges Restaurant. Und nach ein paar Wochen ins Theater, aber erst mal nur Kammerspiele. Dann in die Oper. Kann sich das irgendjemand gerade vorstellen: In einem Saal mit mehr als tausend Menschen zu sitzen und keine Angst zu haben? 

Na ja, bis dahin bleibt noch ein bisschen Zeit. Am Wochenende soll die Sonne scheinen. Vielleicht gehen wir spazieren.