Erst die gute Nachricht: Der Quinoa-Salat links schmeckt toll.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinGefühlt müsste der Fleischkonsum schon länger abnehmen. Jahr für Jahr wächst die Zahl der Vegetarier und Veganer, allein im letzten Jahr angeblich um 200.000 innerhalb Deutschlands. Interessant ist jedoch, dass der Fleischkonsum seit gut zwanzig Jahren mehr oder weniger unverändert bleibt: 60 Kilogramm pro Kopf und Jahr. Zuletzt kletterte der Wert sogar wieder auf 60,15 Kilogramm. Das wären 1200 Gramm pro Woche, also gut zehn Mettbrötchen.

Ganz abgesehen von Tier- und Klimaschutz: Eine solche Kost kann schlicht nicht gesund sein. Darum lautet mein Vorsatz seit Jahresbeginn, tagsüber kein Fleisch zu essen. Diese Woche zog es mich mittags deshalb ins Lia’s Kitchen, einen veganen Imbiss mit rein pflanzlichen Burgern, an dem ich fast täglich vorbeikomme.

Eigentlich gehöre ich nicht zur Zielgruppe dieses Lokals: Weder halte ich rein vegane Kost für besonders lebenswert, noch bin ich Burgerfan. Und fleischlose Gerichte findet man inzwischen auch auf jeder guten „normalen“ Speisekarte. Doch meine Neugier siegte: Warum ist der kleine Laden immer voll, warum stehen Gäste davor Schlange?

Die erste Überraschung: Hinter dem Namen Lia steckt keine gepiercte vegane Köchin mit Tattoos auf dem Bizeps, sondern die Initialen von drei Freunden. Sie heißen Lior, Itai und Alon und kommen aus Tel Aviv. Zusammen haben sie den Imbiss eröffnet, weil ihnen der Sinn nach veganem Fast Food stand, das erstens bezahlbar und gesund ist und zweitens satt macht. In Berlin gab es ihrer Meinung nach zwar vegane Avantgarde und einige schicke Restaurants, doch leider keine vegane Alltagsküche wie in ihrer Heimatstadt.

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Die Burger sind aus Bohnen, aus Pilzen oder aus Seitanstreifen mit Mandelfeta.

Die Einrichtung ist karg, aber funktional, und die Speisekarte erfreulich übersichtlich. Es gibt fünf verschiedene Burger, dazu Pommes aus Süß- oder Normalkartoffeln oder Coleslaw als mögliche Beilagen. Außerdem zwei große Salatvariationen, die in Keramikbowls serviert werden.

Die Burger-Patties sind interessant. Lia’s Kitchen setzt nämlich nicht auf Fleischersatzprodukte wie Beyond Meat, in dem pflanzliche Stoffe mit vielen Gewürzen und Aromen möglichst fleischähnlich gepresst werden. Der Laden geht selbstbewusst an die Sache ran, was mir gefällt: Der Smokey BBQ Mushroom Burger hat eine Frikadelle, die aus einem Portobello Champignon besteht. Der Chili Bean Burger ist mit schwarzen Bohnen gemacht, ferner gibt es einen Quinoa-Linsen-Burger und einen Chicken Cheeseburger aus Seitanstreifen mit veganem Mandelfeta.

Ich nehme den Oyster Shiitake Mushroom Burger, weil man mit Pilzen meiner Meinung nach am besten das Umami hinbekommt, das für Fleisch so typisch ist. Der Burger ist riesig, ebenso die Portion handgeschnitzter Pommes, auf deren Haut grobes Meersalz sitzt und die ganz hervorragend schmecken. An den veganen Burger selbst taste ich mich schrittweise heran: Das süßliche Hefe-Brötchen ist wie bei vielen Berliner Burgerläden von der Bäckerei Bekarei eingekauft, die gute Qualität liefert. Tomaten- und Salatbelag scheinen mir aber geschmacklos und eher unachtsam ausgesucht. Gut gefallen mir die hausgemachten Soßen; die vegane Mayo schmeckt auch ohne Ei, und die Senfsoße hat eine gute süßliche Schärfe.

Doch nun zum Patty aus schwarzen Bohnen, Austern- und Shiitake-Pilzen: Es hält nicht, was es optisch verspricht. Brataromen und Knusprigkeit fehlen völlig, es schmeckt zwar würzig, aber auch mehlig und ist zu kalt.

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Ich sehe ein, dass man einen veganen Burger am besten gar nicht erst mit dem Fleisch-Original vergleichen, sondern als etwas Eigenständiges beurteilen sollte. Doch dann esse ich lieber den Quinoasalat, den ein Freund von mir gewählt hat. Er schmeckt nussig, beerig und frisch.

Und keine Sorge, was meine Neujahrsvorsätze angeht, bin ich völlig normal. Falls mich ein Mittagsgericht mit Fleisch ansprechen sollte, werde ich sie wohl über Bord werfen. (Sie werden als Erste davon erfahren.) Womöglich erklären sich die jährlichen 60 Kilo Fleischverzehr ja genau so: als Summe vieler schwacher Momente.

Lia’s Kitchen

Kollwitzstraße 47, 10405 Berlin.
Täglich von 12–21 Uhr.
Burger kosten zwischen 6,90 und 8,90 Euro, Beilagen 3–4 Euro und Bowls 7,90–8,90 Euro.