Lily Nova, Felice Noordhoff und Sara Grace Wallerstedt in den Feenroben, die Maria Grazia Chiuri für die Dior-Couture H/W 2018 entwarf. New York, 2018.
Foto: Peter Lindbergh/Taschen Verlag

Berlin - Diese Frau hat etwas vor, aber noch ist es nicht soweit. Die Fotos zeigen sie auf dem Weg dahin, mal zielstrebig eine Kreuzung querend, mal für einen Moment innehaltend, wie abwartend. Mitten im Alltagsgetümmel des New Yorker Times Square wirken sie und ihre Gefährtinnen wie Engel aus einer Neuauflage von Wim Wenders’ „Himmel über Berlin“. Oder wie die Heldinnen eines Hitchcock-Films von heute. Oder wie Tänzerinnen, die gerade einer strengen Ballettmeisterin entkommen sind, um sich schnell einen Latte zu holen.

An unzureichender Garderobe kann es jedenfalls nicht liegen, wenn die jungen Frauen, die Peter Lindbergh uns hier zeigt, ihre Mission noch nicht ganz erfüllen konnten. Ihre taillierten Kostümjacken, schwingenden Röcke und luftigen Chiffonroben wurden allesamt von den besten Schneiderinnen der Welt genäht, in den Dior-Ateliers hoch über der Pariser Avenue Montaigne. Ja, es kommt noch doller: Die Kleider sind Highlights aus 70 Jahren Dior-Geschichte, und damit das textile Erbe von Glamour-Virtuosen wie Christian Dior, Yves Saint Laurent oder John Galliano.

New Look@NYC: Topmodel Saskia de Brauw in „Diorama“-Couture von 1947. Christian Dior selbst entwarf das Kleid mit ausschwingendem Rock, das Lindbergh ganz heutig inszenierte.
Foto: Peter Lindbergh/Taschen Verlag

Es kommt nicht oft vor, dass das letzte Projekt eines großen Fotografen zu seinen besten zählt, ja womöglich sein allerbestes überhaupt geworden ist. Bei dem im September mit 77 Jahren überraschend gestorbenen Peter Lindbergh ist dieser rare Fall offenbar eingetreten. Besonders der erste, New Yorker Band des von Taschen verlegten Zweibänders „Dior. Lindbergh“ ist ein atemberaubend schönes Vermächtnis.

Es zeigt den 1944 in Polen geborenen und in Duisburg aufgewachsenen Lindbergh als einen Fotografen, der mit Licht und Schatten malen konnte wie die großen Pariser Impressionisten mit Pinsel und Farbe. Nicht eine Unschärfe wirkt da zufällig, Ausleuchtung wie Bildschnitt sind so souverän, als wäre hier ein mit Academy Awards überhäufter Starregisseur am Werk gewesen.

War ein Mann mit Blick für Frauen: Peter Lindbergh.
Foto: Martin Harrison/Taschen Verlag

Wie gewohnt (und viel gerühmt) bei Lindbergh liegt über allem ein intimes Einverständnis zwischen dem Mann hinter der Kamera und den Frauen davor, die hier aus diversen Modelgenerationen stammen – da sind Amber Valletta, Alek Wek und Karen Elson, Freja Beha und Saskia de Brauw, Selena Forrest und Lily Nova. Zwischen ihnen und Peter Lindbergh spürt man ein  Vertrauen, das nicht auf so etwas Banales wie Blickkontakt angewiesen war.

Ein Hort der Stabilität in einer nervösen Branche

Dieser, man kann es ruhig so nennen, fürsorgliche Umgang mit Menschen war die große Stärke des Fotografen Peter Lindbergh. In einer nervösen Branche voll fragiler Egos und gnadenloser Intrigen war er ein Fels in der Brandung. Ein Hort der Stabilität, der bereits in den 80ern seinen Clan von Stylisten, Haar- und Make-up-Könnern um sich scharte und ihnen treu blieb. Sie sorgten ihrerseits dafür, dass als zickig bekannte Filmstars oder Models die Waffen streckten, das Handy weglegten und sich entspannten, bevor er sie vor die Kamera bat.

Was nicht heißen soll, dass Peter Lindbergh nicht auch Sinn für Extravaganzen, ja Verrücktheiten gehabt hätte. Legendär etwa seine Modestory für die italienische Vogue, in der er Milla Jovovich einen kleinen Außerirdischen an die Seite stellte. Auch der Aufwand für das vorliegende Projekt konnte sich sehen lassen: Hoch versichert und verpackt wie Statuen für eine Ausstellung im Metropolitan Museum, mussten dafür einige der kostbarsten Ensembles des Dior-Archivs über den Atlantik und wieder zurück reisen.

Dank Lindberghs Kunst erweisen sich die Dior-Kleider dann selbst im profanen Tageslicht von Manhattan als das, was sie tatsächlich sind: Superstars ihrer Art. Womöglich sah Lindbergh in ihnen auch Botschafter seiner Lebensstadt Paris, für die er 1978 sein erstes eigenes Studio in Düsseldorf aufgab und wo er am Boulevard Raspail gegenüber dem Hotel Lutetia residierte. Am linken Seine-Ufer, versteht sich.

Typisch Lindbergh: Er mochte Make-up als Highlight, nicht als Maske. Die Models Saskia de Brauw und Fei Fei Sun in Dior-Couture von Maria Grazia Chiuri, New York 2018.
Foto: Peter Lindbergh/Taschen Verlag

Auf einem der Fotos sieht man in Nahaufnahme Taschenkanten, die aus dem Jackenkörper herauszuwachsen scheinen. Auf einem anderen bricht sich das Licht auf dem höchsten Punkt einer Drapierungsfalte, um sich in feinsten Wollfasernebel aufzulösen. Oder der Hals eines Models entsteigt einer steifen, sichtlich schweren Seide, als wär’s ein Pastell von Degas. Wären diese Bilder Musik, man hörte beim Blättern in dem Band mal Eric Satie, mal Gershwin oder Miles Davis.

Die Lindberghsche Symphonie des Schauens fügt sich aufs Schönste in den Geist eines Modehauses, das 1947 auf Christian Diors Bewunderung für Frauen gegründet wurde. Entstanden aus dem Wunsch, ihren von Kriegsentbehrungen gebeutelten Körpern und Seelen mit den Mitteln der Mode wieder etwas vom Zauber zurückzugeben, den der Erfinder des „New Look“ in seiner Belle-Époque-Kindheit in der Normandie und als Junggalerist im Paris der 20er-Jahre erlebt hatte.

Der Fotograf als Passant, der einen Sekundenblick erhascht

Woran also erkennt man, dass ein Lindbergh-Foto ein Lindbergh-Foto ist? In seiner Einleitung zu dem Band verlinkt der Kunsthistoriker und Kurator Martin Harrison dessen Ästhetik mit der von Stummfilmen der 1920er wie „Das Cabinet des Dr. Caligari“ oder Murnaus „Nosferatu“. Allerdings, so betont Harrison, minus deren „Atmosphäre von hartnäckiger Schwermut“.

Tatsächlich wirken Peter Lindberghs beste Bilder wie Stills aus einer der Kurzdokus, die der Fotograf ab 1991 immer wieder gedreht hat. Dennoch sei Peter Lindbergh „kein Geschichtenerzähler im eigentlichen Sinn“ gewesen, notiert Harrison in seinem Vorwort. Eher zeigte er uns „Momente aus einer spannenden Handlung mit offenem Ende“. Man könnte auch sagen, er betrachtete seine Modelle aus der Perspektive der Moderne, wie Walter Benjamin sie definiert hat: Der Fotograf als Passant, der einen Sekundenblick erhascht, ja geradezu süchtig wird nach der nächsten zufälligen Geste, der nächsten Kopfneigung, dem nächsten Blick auf die Vertiefung zwischen den Schlüsselbeinen.

Foto: Irma Bernhard/Taschen Verlag
Peter Lindbergh: Dior

Zwei Bände im Schuber: „New York“ (hier besprochen) sowie „Archives“ mit älteren Dior-Aufnahmen, die Lindbergh für große Modemagazine gemacht hat. XL-Format. Taschen, 150 Euro.

Mehr noch als ideale Gesichtszüge brauchte Lindbergh für seine Bilder eine gewisse Offenheit und Durchlässigkeit bei seinen Modellen, aber auch eine Aura der Unabhängigkeit und des Nicht-um-jeden-Preis-gefallen-Wollens. Wenn die energetische Alchemie zwischen ihm und der Porträtierten mal nicht klappte, weil man sich nicht gut genug kannte und vertraute, schlich sich unweigerlich etwas Verqueres ins Bild, wie bei den Ende 2018 im Netz viel diskutierten Lindbergh-Porträts von Helene Fischer für die deutsche Vogue.

Kaum geschminkt, ohne eigentliche Frisur und nur lächelnd, wenn ihr wirklich danach ist: Es gehört zu den Lindbergh-Klischees, dass seine Idealfrau „eine starke Frau“ sei. Wie so oft bei Klischees trifft das nicht die ganze Wahrheit. Denn die Lindbergh-Frau ist auch eine einsame Frau: Die sich aus der selbstverschuldeten Abhängigkeit befreiende Frau zu Beginn des 21. Jahrhunderts, auf dem Weg, aber noch nicht ganz da. Peter Lindberghs Werk erfüllt damit ein zentrales Kriterium für wirklich gute Kunst: In seinen Bildern zeigt er mehr, als er selbst beabsichtigt hat. Was für ein Verlust.