Wie sehr Vintage-Mode die Gegenwart bestimmt, bemerken wir nicht nur daran, dass der Handel mit gebrauchten Luxustaschen boomt, auch für neue Kollektionen greifen die Marken häufiger auf Erfolgsmodelle aus der Vergangenheit zurück. Denn was sich vor ein oder zwei Generationen gut verkaufte, erobert jetzt auch die kommende Generation der Modekonsumenten.

Meist dienen Klassiker und Bestseller-Taschen wie die Birkin-, Kelly- oder Constance-Bag von  Hermès oder auch die gesteppte Taschenvariante 2.55 von Chanel als Vorbild. Neuauflagen orientieren sich entweder an den Ur-Modellen oder inspirieren Taschenserien mit aktualisierten Details, die dem heutigen Zeitgeist entsprechen oder einfach praktischer zu handhaben sind. Karl Lagerfeld stellte 1995 in seiner „Barbie Kollektion“ für Chanel eine herzförmige Tasche mit Griff vor, die heute auf Vintage-Plattformen enorm gefragt ist und für das Fünffache des Originalpreises gehandelt wird. Seine Nachfolgerin Virginie Viard lancierte letztes Jahr eine abgewandelte Variante mit Tragriemen, die sofort zum Verkaufsschlager wurde und für die Kundinnen Schlange in den Chanel-Boutiquen stehen.

In vielen Modehäusern sitzen heute Mitarbeiter im Designteam, die sich nicht nur mit neuen Entwürfen beschäftigen, sondern auch intensiv die Entwicklung des Vintage-Marktes verfolgen und alte Modelle der Marke zurückkaufen. Und das nicht nur, um die Archive zu vervollständigen. Sie studieren ganz gezielt die Machart der Tasche, um sie möglichst 1:1 wieder in die Sortimente und Kollektionen zu bringen.

Celine hat eine ganze Linie von Taschen und Kleinlederwaren mit dem Namen „Triomphe“. Der Verschluss und das Muster des Leders werden aus dem Markenzeichen gebildet, das dem Design der Kette, die den Arc de Triomphe in Paris umgibt, entlehnt ist. Die komplette Serie ist identisch mit der, die in den 60er- und 7er-Jahren den Erfolg des Hauses begründete. Celine-Designer Hedi Slimane setzt auf diese Wurzeln und ist damit überaus erfolgreich.

Chanel
Virginie Viards Neuauflage der Chanel-Herzchentasche für diesen Sommer. Statt Griff hat sie einen Trageriemen. Kostenpunkt: 4800 Euro.

Auch Matthieu Blazy, der neue Kreativdirektor von Bottega Veneta, setzt zusätzlich zur avantgardistischen Linie des Hauses mit Kautschuk-Boots und Clutch-Bags aus Techno-Material auf die Neuauflage von alten Taschenmodellen: die geflochtenen Ledertaschen, die Tomas Meier Anfang der 2000er-Jahre bei Bottega einführte. Die Vintage-Modelle finden reißenden Absatz, und das zu gleichen Konditionen wie zum Anschaffungspreis.

Ausschlaggebend für den Erfolg der Klassiker ist vielleicht die Sehnsucht nach guter Qualität, Nachhaltigkeit und ästhetischer Zeitlosigkeit. Eine gut gepflegte Saddle Bag, kreiert von Kultdesigner John Galliano für Dior 1998, verliert nie an Wert. Heute gibt es diese Tasche auch in der Herren-Kollektion von Kim Jones, als Hommage – und weil sie Jones' zeitgemäße Entwürfe mit einem Verweis auf das Handwerk des Hauses perfekt ergänzen.

Mit der Neuauflage von Klassikern verweisen die Marken auf ihr Erbe und bedienen gleichzeitig einen wachsenden Markt, für den es nicht genug Vintage-Klassiker gibt. So schließt sich ein nachhaltiger Kreis, an dem die Luxushäuser mehr und mehr partizipieren wollen.