Zwei mysteriöse Wesen: D’Oras Selbstporträt mit Katze erschien 1929 in der Berliner Zeitschrift Die Dame.
Foto: Courtesy Prestel

New YorkEs muss ein seltsames Bild gewesen sein: Eine elegant gekleidete Frau steht in einem Pariser Schlachthof, mit damenhaftem Hut und einer Kamera. Sie fotografiert Kühe, die auf die Schlachtung warten, gehäutete Lämmer, Gedärme am Boden. Die Frau heißt Dora Kallmus. Als Madame d’Ora war sie eine international berühmte Mode- und Porträtfotografin, doch das ist nicht nur lange her: Das war in einer anderen Welt.

Die brutalen Bilder aus dem Schlachthaus sind der wichtigste Teil des Spätwerks von Dora Kallmus, der die New Yorker Neue Galerie jetzt eine Retrospektive widmet. Sie entstanden ab 1948, nach ihrer Rückkehr nach Paris, wo sie seit den 1920er-Jahren gelebt und gearbeitet hatte.

Die Welt war nicht mehr dieselbe

Während der Okkupation war die Jüdin und gebürtige Wienerin in einem Dorf in den Ardennen untergetaucht. Ihre Schwester Anna war 1941 deportiert und ermordet, das geliebte Haus bei Graz, in dem die Schwestern eigentlich gemeinsam alt werden wollten, „arisiert“ worden. Die Welt war nicht mehr dieselbe und Dora Kallmus, inzwischen Anfang 60, auch nicht. Selbst wenn sie nicht im Schlachthof fotografierte, lag in ihren Bildern nun eine Brüchigkeit und Melancholie, die ihren früheren Fotografien gänzlich fehlte.

Pablo Picasso war 1955 der letzte Künstler, den Dora Kallmus fotografiert hat. Der erste war Gustav Klimt, der 1908 in ihr neu eröffnetes Atelier in Wien kam.
Foto: Nachlass Madame d’Ora/Museum für Kunst und Gewerbe HH

Gerade die verführerisch und gern auch humorvoll inszenierte Oberfläche war ja ihr Markenzeichen gewesen. Ihr virtuoses Spiel mit Posen, Gesten und Accessoires machte sie spätestens in den 1920er-Jahren zur Fotografin der Stunde, die die neue Frau der Weimarer Republik ins Bild setzte wie kaum jemand sonst.

Porträt der kaiserlichen Familie

Dora Kallmus selbst, 1881 in eine wohlhabende Wiener Familie hineingeboren, hatte sich noch zur Kaiserzeit erkämpft, was für Frauen damals nicht üblich war: Sie belegte Fotokurse an der Wiener Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt und eröffnete 1907 ein Fotoatelier in Wien. Bald wollte jeder von ihr fotografiert werden, die Künstler wie die gehobene Gesellschaft. In ihr Atelier kamen die Stars der Habsburger-Monarchie wie Arthur Schnitzler, Gustav Klimt oder Alma Mahler-Werfel. Besonders eindrücklich ist ihr formelles und doch ungewöhnlich direktes, menschliches Porträt der kaiserlichen Familie in der Hofburg.

Eines der bekanntesten D’Ora-Fotos: die Schauspielerin und Tänzerin Elsie Altmann-Loos 1922, als sie mit dem Architekten Adolf Loos verheiratet war.
Foto: Nachlass Madame d’Ora/Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

Madame d’Oras schier unzählige Frauenporträts sind auch ein Dokument des gesellschaftlichen Wandels: Die gerafften, gebauschten und geschnürten Stoffschichten, die Damen der Gesellschaft, Künstlerinnen und die frühen Mannequins zunächst noch umhüllt hatten, wurden immer weniger, luftiger und verschwanden manchmal ganz.

Bis wenige Jahre vor dem Tod

1925 verlegte Dora Kallmus, inzwischen auch als Modefotografin etabliert, ihre Arbeit nach Paris, die Welthauptstadt des Luxus. Als 1940 dort deutsche Truppen einmarschierten, musste sie ihr Atelier verkaufen, 1942 verließ sie die Stadt.

Dora Kallmus wurde 82, und sie fotografierte bis wenige Jahre vor ihrem Tod. In ihrem Tagebuch notierte sie in dem ihr eigenen kühlen Ton: „Dass man mir alles genommen hat, kommt den Bildern zugute.“  Always look at the bright side.

Unerschütterlich elegant: Dora Kallmus mit ihrem Terrier „Miss Penny“ in ihrer Pariser Zeit.
Foto: Nachlass Madame d'Ora/Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
Madame d‘Ora

ist die bislang größte Retrospektive von Dora Kallmus’ Werk und läuft bis 8. Juni 2020 im Privatmuseum Neue Galerie New York an der Fifth Avenue/Ecke 86th Street in Manhattan. 

Der so kluge wie schöne Katalogband „Madame d'Ora“ von Monika Faber (Hrsg.) ist bei Prestel erschienen. In englischer Sprache, Leinen mit Schutzumschlag, 232 Seiten, 180 Abb., 49 Euro.