Bei FENDI hat nun Silvia Venturini Fendi das Steuer allein in der Hand, ohne Karl Lagerfeld. Und siehe da, die padrona weiß, was Frauen (sich) wünschen..
Foto: AFP/Andreas Solaro

MailandBusiness as usual, davon ist die Mode zurzeit weit entfernt. Auch die Mailänder Fashion-Week wurde vom Covid-19-Virus überschattet und von Nachrichten zu ersten italienischen Opfern. Giorgio Armani nahm das zum Anlass, seine Schau nur zu streamen, um seine Gäste nicht in Gefahr zu bringen. Die ökonomischen Folgen, die die Abwesenheit hunderter chinesischer Einkäufer mit sich bringt, werden als dramatisch eingeschätzt. Dennoch: Der Schauenkalender wie die Frontrows waren gut gefüllt.

Bei der Milano Moda Donna für den Herbst 2020 geht es um neue Silhouetten, neue Farben, neue Accessoires. Aber diesmal auch um Fragen wie: Womit signalisiert eine Frau im Alltag echtes Selbstbewusstsein? Wie lässt sich Weiblichkeit durch Kleidung unterstreichen, ohne die Frau zum Weibchen zu machen? Nicht nur bei Prada und Jil Sander – um nur zwei der innovativen Labels zu nennen, die hier zeigen – wurde nach Antworten darauf gesucht. Durchaus erfolgreich, da waren sich die Trendauguren einig.

Prada zitiert die 1940er 

Miuccia Prada gilt als die gesellschaftspolitisch alerteste unter den Mailänder Modemachern. (Im September eröffnet im Londoner Design Museum eine große Ausstellung, die ihr kreatives Universum interpretieren wird.) Bei jeder ihrer Kollektionen geht es darum, eine weitere Facette der mitten im Leben stehenden Frau zu interpretieren, die sie selbst verkörpert. Im Mittelpunkt des von Rem Koolhaas gestalteten Show-Raums stand diesmal eine Statue von Atlas, dem mythologischen Titan, der die Last der Welt auf seinen Schultern trägt. Für Prada sind es heute allerdings die Frauen, die sich damit mühen.

Miuccia PRADA macht uns rosa Beine, gern in Form klobiger Gummibotten. Ihre wie im Reißwolf geschlitzten "Carwash Skirts" (ganz links) sind da deutlich luftiger. 
Fotos: AFP/Miguel Medina, AP Photo/Luca Bruno, Collage: Berliner Zeitung

Sakkos mit breiten Schultern, robuste Wollstoffe, Tweed und Flanell, auch Krawatten als Accessoires lassen bei Prada im nächsten Winter die Frau ihren Mann stehen. Wadenlange Fransenröcke geben nicht nur Beinfreiheit, sondern den Looks auch Femininität. Lotusblütendrucke auf seidigen Pyjama-Anzügen, die Taillengürtel mit den kleinen Taschen und immer wieder schwarze Jettperlen-Fransen tun ihr Übriges, um die strengen 1940er-Silhouetten aufzubrechen. Prada spielt seit jeher mit männlichen und weiblichen Klischees, und auch ohne den theoretischen Überbau gelingt so eine attraktive, zeitgemäße Garderobe. Die Nachricht vom Wochenende, dass sich Miuccia Prada ab nächste Saison ihren Job mit Raf Simons als gleichberechtigtem Partner teilt, weist sie selbst als großzügige und kluge Frau aus. Immerhin ist Simons einer der authentischen Kreativstars in der globalen Modeszene. Zusammenarbeiten statt konkurrieren? Wäre schön, wenn sich der Gedanke durchsetzen könnte, nicht nur in der Mode.

Ohne kreativen Partner an ihrer Seite ist seit Karl Lagerfelds Tod Silvia Venturini Fendi. Auch sie spielte diesmal auf der Skala „männlich–weiblich“. Strenge Silhouetten in noblen Stoffen – Samt, Seide, Nappa, Spitze. Die erst unterhalb der Schuler angesetzten voluminösen Ärmel wirken nicht folkloristisch, sondern amüsant elegant. „Vom Boudoir in den Boardroom“ oder „Executive Chic“ sind Schlagworte, die die Kollektion beschreiben. Am Abend favorisiert sie den Vamp als ultimative Powerfrau – die Dietrich grüßt von ferne.

Kleidung, die auf poetische Art anders ist

Für Lucie und Luke Meier, seit 2017 verantwortlich für Jil Sander, scheinen herkömmliche Rollenverteilungen nicht mehr bedeutsam zu sein. Zarte Stickereien, gebauschte Ärmel, Paspelierungen und Stickereien, capeartige Überwürfe und akzentuierte Volumen, nicht zuletzt die langen fließenden Silhouetten ergeben das Bild einer Frau, deren Kleidung auf poetische Art anders ist. Stärke bezieht sie nicht mehr aus männlichen Codes. Der androgyne Jil-Sander-Minimalismus der Markengründerin ist unter dem jungen Ehepaar zu einer romantischen Reinheit transformiert. Die Palette ist schmal: Schwarz und Weiß oder Elfenbein, mal ein leuchtendes Rot oder zartes Grün. Wenige Farben, dafür umso mehr feine Details zeichnen diese Kleider aus. Sie sind übrigens nicht nur schön, sondern dank der legeren Schnitte und des Materials – federleichte Baumwolle, Cashmere, Wolle – auch wirklich komfortabel.

Modelparade bei JIL SANDER. Auf Begeisterung bei den Modejournalisten trafen die neuen Sander-Kleider – so unkompliziert zu tragen, so alterslos anmutig in der Ausstrahlung.
Foto: AFP/Andreas Solaro

Dass Komfort ein durchaus zentraler Punkt bei der Kaufentscheidung sein kann, hat auch der 34-jährige, 2019 zum Designer of the Year gekrönte Daniel Lee bei Bottega Veneta erkannt. Viele seiner lässig eleganten Kleider mit den schmalen Silhouetten sind mit Stretch verarbeitet, schmiegen sich an den Körper, bewegen sich mit und betonen Kurven und Konturen. Die Farben sind raffiniert intensiv: Chartreuse, Scharlachrot, Schokobraun, Rosé. Auch bei Bottega Veneta sind Fransen im nächsten Winter unverzichtbar. Die Kollektion ist einen Tick sinnlicher als bei Jil Sander, dabei aber nie vordergründig aufreizend.

Als Designerin solch subtiler modischer Botschaften ist Donatella Versace nicht bekannt – offensive Sexyness ist ausdrücklich Teil ihrer Brand-Identity. (Dafür, dass das nicht Unterordnung bedeutet, kann sie selbst als bestes Beispiel gelten.) Signora Versace zeigte ihre Damen- und Herrenkollektion diesmal zusammen. Ganz klar, sie schneidert für Männer vom härteren Schlag, nicht für Epheben wie Alessandro Michele bei Gucci. Kleidungsmäßig herrscht bei ihr totale Gleichberechtigung: Die Herren bekommen dieselben psychedelischen Muster und Zebradessins verpasst wie die Damen. Nicht zu vergessen Versaces sportliche Looks: Rugby-Sweater, Jeans aus Streifen zusammengesetzt, High-Heels mit Gummiplateaus und breitem Relief, auch Gummistiefel gingen über den Laufsteg. Im Mittelpunkt standen dennoch – this is Versace, baby! – die hyperfemininen Cocktail- und Partykleider.

Model als Schattenriss bei der Schau von PRADA. Die bühnenhafte Kulisse samt harter Lichtkontraste kam, wie schon so oft, von Architekt Rem Koolhaas und dessen OMA-Büro.
Foto: dpa/APLuca Bruno

Nicht zur Party, sondern auf die Reise machten sich vom monotonen Büroalltag genervte Frauen bei MaxMara, so die Grundidee der Kollektion. Von Marokko bis Russland erleben sie die Welt und überqueren dabei die Meere. Wellenartige Volants verbreitern figurschmeichelnd die Schultern, maritime Streifen machen nicht nur an Deck gute Laune.

Das alles klingt nicht gerade nach modischer Revolution? Soll es auch nicht. Und ist gerade dadurch Mode auf der Höhe der Zeit. Frauen, die nach Kleidung, nicht nach Verkleidung suchen, konnten in Mailand glücklich werden. Den etwas risikofreudigeren französischen Chic zeigen dann die großen Pariser Häuser: Dior, Saint Laurent, Celine … Und ganz sicher werden auch hier starke, betont individuell gestylte Frauen die Laufstege dominieren. Die haben nämlich gerade einen Lauf.