BerlinMit dem Kinohit „Marathon Man“ wurde sie in den 1970er-Jahren weltbekannt, an der Seite von Dustin Hoffman und mit jener frischen Schönheit, die ihr Markenzeichen blieb. Aber sie zeigte Hollywood die kühle Schulter, inszenierte lieber Opern oder glänzte als Buhlschaft bei den Salzburger Festspielen. Wählerisch ist Marthe Keller bis heute geblieben: Mal sieht man sie in einem Episodendrama über das Jenseits von Clint Eastwood mit Matt Damon, dann in einem Autorenfilm von Barbet Schroeder oder einem Kurzfilm von Italiens Regie-Liebling Luca Guadagnino. Im Familiendrama „Schwesterlein“ beeindruckt sie nun (wegen des erneuten Lockdowns leider viel zu kurz im Kino) in einer kleinen, aber grandiosen Rolle als Rabenmutter von Nina Hoss und Lars Eidinger.

Um über diesen Film zu sprechen, verabredeten wir uns bei der Berlinale. Doch statt einer halben Stunde Standard-Interview vergessen wir beide die Zeit, trotz nüchternem Hotel-Tagungsraum und kaltem Neonlicht. Irgendwann wird die Pressedame wegeschickt, das Gespräch wird zum echten, ehrlichen Austausch über das Leben und vor allem: die Liebe. Mit 75 Jahren ist Marthe Keller schonungslos offen, eigensinnig, elegant und hochattraktiv – eine seltene, extrem faszinierende Mischung.

Berliner Zeitung: Frau Keller, Sie sind nun wieder im Kino zu sehen, als lieblose, egozentrische Mutter von Nina Hoss und Lars Eidinger in „Schwesterlein“. Eine grandiose Nebenrolle, als so gemeine Alte sah man Sie noch nie. Was hat Sie an dem Projekt gereizt?

Marthe Keller: Natürlich wollte ich mit Nina Hoss und Lars Eidinger arbeiten. Außerdem haben zwei Frauen Regie geführt, auch das war mal eine neue Erfahrung für mich. Zudem konnte ich wieder in meiner eigenen Sprache drehen, das habe ich ja schon hundert Jahre nicht mehr gemacht.(lacht) Der Hauptgrund war aber die Figur, denn diese Rolle ist unfassbar weit von mir persönlich entfernt. Früher habe ich mir Rollen ausgesucht, die zu mir passten, mit denen ich mich identifizieren konnte. Hier musste ich mal das absolute Gegenteil von mir selbst spielen.

Sie selbst sind also eher eine Glucke?

Allerdings! Wenn mein Sohn hustet, weiß ganz Paris, dass ich mir Sorgen mache!

Macht es Ihnen Spaß, so eine extreme Figur zu spielen wie diese Rabenmutter?

Oh ja. Je älter ich werde, desto mehr versuche ich, mich mit meiner Rollenauswahl von mir selbst zu entfernen. Ich fühle mich beim Spiel viel freier, wenn die Rolle nichts mit mir zu tun hat. Marcello Mastroianni sagte mir bei gemeinsamen Dreharbeiten mal: „Wir sitzen alle in einem Sandkasten und spielen einfach nur. Wir spielen! Das ist keine Arbeit!“ Seitdem versuche ich, es kindlich anzugehen.

Welcher Ihrer Charakterzüge hat Sie auf dem Weg durch Ihr Leben am stärksten gelenkt?

Ich bin geradezu abhängig von meiner Unabhängigkeit. Ich wollte immer frei sein und mein eigenes Geld verdienen Nicht, um mir einen Porsche zu kaufen – ich fahre einen alten Jeep, der mal 5000 Franken gekostet hat. Geld ist für mich da, damit ich „Nein!“ sagen kann zu den Dingen, die ich nicht will. Unabhängigkeit macht mich glücklich. Lieber spiele ich eine tolle Nebenrolle wie hier in „Schwesterlein“, als die Last einer Hauptrolle auf meinen Schultern tragen zu müssen.

Seit wann sind Sie sich Ihrem Bedürfnis nach Unabhängigkeit so bewusst?

Seitdem ich alleine lebe, also seit mindestens zwölf Jahren. Ich fühle mich sehr wohl alleine, ich bin nie einsam. Ich langweile mich auch nicht mit mir selbst, sondern finde immer etwas, das mich inspiriert. Bei langweiligen Pflichtterminen fällt mir dagegen der Kopf in die Suppe! Wenn ich aber meine Bücher habe, meine Musik und meine langen Spaziergänge, dann geht es mir gut. Ich lächle alle Hunde an, die mir unterwegs begegnen. Die Natur tut mir einfach gut. Ich merke, dass ich immer mehr Ruhe im Leben brauche. Vielleicht auch als Gegenpol zur Arbeit, zur Anstrengung.

Sie sind – auch wenn diese Zahl unfassbar unzutreffend scheint – 75 Jahre alt. Waren Sie schon immer eine Individualistin oder gar Rebellin?

Ich würde sagen, dass es drei Phasen in meinem Leben gab: Als junge Frau, mit 20, war ich an der Frankfurter Uni, um Adorno dozieren zu hören. Damals hat mich alles interessiert, von Soziologie über Philosophie, ich habe so viel gelesen! Dann kam eher zufällig dieser Erfolg und ich habe mich nur noch um Drehbücher und Theaterstücke gekümmert. Und jetzt bin ich wieder in einer Lebensphase, in der ich mich an meine alte Neugier erinnere. Ich lese jetzt wieder ganz andere Bücher, und das ist toll!

Ihr Erfolg „kam eher zufällig“, sagen Sie. Wann haben Sie zum ersten Mal gewusst, dass Sie Schauspielerin werden wollen?

Ach, das war alles ein großer Zufall! Oder sollte ich lieber Unfall sagen? Ich habe Ballett getanzt und durfte deshalb nicht Ski fahren. Das hat mich natürlich nicht davon abgehalten, es trotzdem zu tun! Mit 16 hatte ich einen Unfall und konnte nicht weiter tanzen. Ehrlich gesagt, war ich auch nie sehr begabt.

Im Familiendrama „Schwesterlein“ ist Marthe Keller (links) die egozentrische Mutter von Nina Hoss und Lars Eidinger, der den krebskranken Schaubühne-Star Sven spielt.
Foto: Vega Film

Immerhin gaben Sie mit 17 Ihr Tanzdebüt im Stadttheater Ihrer Heimatstadt Basel!

Beim Ballett wäre ich so oder so mit 30 arbeitslos gewesen. Ich hatte mit diesem Skiunfall also Glück im Unglück. Im Stadttheater bin ich dadurch einen Stock tiefer gelandet, bei den Schauspielern. Dann bekam ich ein Stipendium für eine Schauspielausbildung in München. In Deutschland wurde ich für die ersten TV-Rollen engagiert und spielte erst am Theater Heidelberg, dann am Schillertheater in Berlin.

Wie kam es dann zu Ihrer internationalen Karriere?

Auch per Zufall. Als 1968 das Filmfestival Cannes ausfiel, nutzte ein französischer Regisseur den Umstand, um nach Deutschland zu reisen. Er wurde später der Vater meines Sohnes.

Also Philippe de Broca.

Er hat mich als Schweizerin in Deutschland für Shakespeares „Sommernachtstraum“ besetzt, ich sollte darin eine Rolle auf Französisch spielen. Multikultureller und komplizierter geht’s gar nicht! Jedenfalls habe ich Berlin hinter mir gelassen und zog 1969 nach Paris, für diese Rolle.

Nicht für die Liebe zu de Broca?

Verliebt haben wir uns erst während der Dreharbeiten, und ich blieb dann auch in Paris. Obwohl ich gar nicht so gut Französisch konnte, spielte ich ein Jahr später schon Hauptrollen im Theater. Dann hörte ich mal auf dem Filmfestival Cannes das Gerücht, dass Regisseur John Schlesinger mich suchte. Ich dachte natürlich an ein Missverständnis. War’s aber nicht. Er hatte mich in Paris am Theater gesehen und bot mir die Rolle für „Der Marathon-Mann“ neben Dustin Hoffman an. So kam das! Es war alles Zufall! Ich habe nie etwas geplant im Leben: Weder wollte ich Schauspielerin werden, noch hätte ich je gedacht, dass ich mal in Hollywood drehen würde. Es hat sich alles einfach so ergeben.

1975 gingen Sie nach Hollywood. Für „Marathon Man“ wurden Sie 1976 für einen Golden Globe als beste Nebendarstellerin nominiert, drehten danach „Fedora“ mit der Legende Billy Wilder, lernten Marlon Brando kennen. Sie haben sehr rasant Karriere in Amerika gemacht.

Ja, unglaublich. Ich kann’s mir auch nicht erklären. Denn ich gab mir keine große Mühe. Mir wurde immer geraten, dass ich mich auf Partys sehen lassen muss, aber ich bin gar nicht hingegangen. Eine Party wurde sogar extra für mich geschmissen, aber ich flog lieber nach Minneapolis, zu jemandem, in den ich verliebt war. Wirklich, ich habe keinen einzigen Rat beachtet, wie man in Hollywood Karriere macht. Vielleicht war ja genau das richtig: Je uninteressierter man wirkt, desto mehr Interesse bekommt man dort. Verrückt! Man muss einen Job erst mal ablehnen, um ihn am Ende zu bekommen. Wenn man hinterherrennt, kriegt man nie, was man will.

Was passierte, wenn Sie eine Rolle bekamen, die Sie unbedingt wollten?

Wenn ich arbeite, dann auch richtig. Dann gebe ich alles für den Job. Meine Arbeit ist meine Wahrheit! Aber das ganze Drumherum brauche ich nicht, wie man sich anziehen musste oder wie man aussehen musste. Irgendwann wollte ich dann zurück nach Europa, denn in Hollywood wurden mir immer die gleichen Rollen angeboten, meist die Terroristin. In all meinen US-Filmen sterbe ich – einmal an Krebs, die anderen Male wurde ich erschossen. Da will man irgendwann etwas Abwechslung.

1971 kam Ihr Sohn Alexandre zur Welt. Sie waren alleinerziehende Mutter. Reiste er mit Ihnen um die Welt?

Ja, in meinen Verträgen stand immer, dass ich nicht länger als zwei Wochen von meinem Sohn getrennt sein darf. Mir war mein Sohn immer wichtiger als alles andere. Vor zwei Tagen hat meine Nachbarin noch zu mir gesagt: „Ich gratuliere dir, du hast einen so normalen Sohn, obwohl du so einen verrückten Beruf hast!“ Er ist ganz bodenständig. Er arbeitet als künstlerischer Leiter eines Animationsstudios und hat Filme wie „Der kleine Prinz“ oder „Asterix“ gestaltet. Ich bin sehr stolz auf ihn.

Marthe Keller in „Schwesterlein“, dem Spielfilm von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond, dessen Erfolgslauf der November-Lockdown unterbrach.
Foto: Vega Film

Wie bodenständig sind Sie selbst?

Viele sind überrascht, wenn ich sage, dass ich wie alle U-Bahn fahre. Ich will ein normales Leben. Wobei ich immer dankbar für meine Karriere war. Für mich war das nie selbstverständlich. Dustin Hoffman hat mir mal gesagt: „Ich habe die Gabe verloren, Leute einfach nur zu beobachten. Früher konnte ich das, aber jetzt kennt jeder mein Gesicht. Ich vermisse es, einfach in einem Café zu sitzen und in Ruhe Leute zu beobachten.“ Ich wollte diese Freiheit nie verlieren.

In Hollywood hat ein Mann Ihren Weg gekreuzt, mit dem Sie sieben Jahre eine große Liebe erlebt haben: Al Pacino. Wie haben Sie ihn kennengelernt?

Ganz normal, bei Dreharbeiten. Ich muss sagen, dass Al heute wie ein Bruder für mich geworden ist. Früher war ich verliebt in ihn, ohne ihn wirklich zu lieben. Und jetzt liebe ich ihn, ohne in ihn verliebt zu sein. Ich weiß, wer er wirklich ist.

Und, wer ist Al Pacino, wenn man den Schauspielgott weglässt?

Ein wunderbarer Mensch voller Liebe und Güte. Wir sind so gut befreundet, wir telefonieren mindestens drei Mal in der Woche. Ob kleine Problemen oder ganz große: Er kennt sie immer alle.

Eine hierzulande weniger bekannte Seite von Al Pacino ist seine Passion für Shakespeare.

Das stimmt, er liebt das Theater über alles, viel mehr als das Kino. Er fühlt sich da zu Hause und liebt Theaterleute.

Sie waren doch auch diejenige, die ihm die damals noch unbekannte Schauspielerin Jessica Chastain für seine „Salomé“-Theaterproduktion empfahl – der Kick-off für deren Weltkarriere!

Ich bilde mir nichts darauf ein und würde auch nicht sagen, dass ich sie „entdeckt“ habe. Jessica hat so viel Talent, sie hätte sowieso Karriere gemacht. Aber ich habe sie in Williamstown in Tschechows „Kirschgarten“ gesehen, in der Hauptrolle als Anja, und habe mir sofort gedacht: „Sie hat Klasse, sie ist sexy – das gibt es selten!“ Sie ist fantastisch.

Wie ging Ihre lange Liaison mit Al Pacino auseinander?

Er wollte nicht, dass ich zum Arbeiten weggehe. Er ist da sehr italienisch, „la mamma“ muss zu Hause sein. Aber das kam für mich nicht infrage. Ich hätte meinen Beruf für ihn nie aufgegeben. Dann wurde es immer komplizierter. Er ist ein großartiger Mann, wenn man ihn bewundert, aber er ist auch wahnsinnig anstrengend. Ich konnte nicht ohne ihn leben, aber auch nicht mit ihm. Ein Jahr lang haben wir alles versucht, aber dann mussten wir uns eingestehen, dass es nichts bringt.

Wie war es möglich, nach so viel Leidenschaft immerhin die Freundschaft zu ihm zu retten?

Ein Jahr lang haben wir nach der Trennung nicht miteinander gesprochen. Aber schließlich haben wir doch wieder zueinander gefunden, und jetzt ist es schöner, als es jemals war. Wir hatten einfach eine tiefe Verbindung, und sieben Jahre sind nicht wenig. Wir kannten uns in- und auswendig, aber es waren einfach zu viele Emotionen da. Deshalb haben wir die Zäsur gebraucht.

Was meinen Sie mit „zu viele Emotionen“?

Ich konnte nicht mit seinem Temperament umgehen. Wenn er rumgeschrien hat, habe ich drei Tage lang gezittert. Ich bin ein Harmoniemensch. Er war nie gewalttätig, aber was hat er alles kaputt gemacht! Er war damals Alkoholiker. Als ich ihn kennenlernte, stellte ich ihn vor die Wahl: Ich oder die Flasche. Er hat dann tatsächlich aufgehört zu trinken. Bis heute nimmt er keinen Essig für den Salat, weil er Angst hat, er könnte rückfällig werden. Aber auch ohne Alkohol hat er herumgeschrien. Das ging so weit, dass ich dann angefangen habe zu trinken. Ich hatte immer eine Flasche unter dem Spülbecken versteckt. Diese Situation konnte nicht so bleiben. Das war alles zu hysterisch. Ich bin dann abgehauen. So konnte unsere Beziehung wieder heilen. Aber mir war klar, dass ich niemals zu ihm zurückkehren würde. Jetzt ist es so schön, ihn als Freund in meinem Leben zu haben!

Brauchen Sie überhaupt einen Partner für Ihr Leben?

Nein, brauche ich nicht! Ich finde es herrlich, wenn’s passt. Und wenn ich ein altes Ehepaar sehe, das Händchen hält, könnte ich heulen, so sehr berührt es mich. Das beneide ich. Aber der Alltag in einer Beziehung kann schon sehr anstrengend sein. Man kann oft nicht tun, was man will.

Verlieben Sie sich schnell?

Ja, wahnsinnig schnell! Furchtbar! (lacht) Manchmal ist es sogar mir zu viel! Ständig war ich verliebt, manchmal auch nur zwei Tage lang. Ich habe nie betrogen, aber es kam einer nach dem anderen … Ich wollte niemandem wehtun! Aber es war wirklich anstrengend. Heute würde ich sagen, dass ich die Männer nicht wirklich geliebt habe, aber verliebt war ich ständig. Ich wäre aber auch nie mit einem Mann ins Bett gegangen, wenn ich nicht verliebt gewesen wäre. Aber ich war immer verliebt! Ich habe mein Leben eigentlich gelebt, als wäre ich immer ein wenig beschwipst gewesen. Ich bin so froh, dass das jetzt nachgelassen hat.

Wie, Sie finden es angenehmer, ohne Verliebtsein zu leben?

Ja, es ist gut, dass diese Zeit vorbei ist. Jetzt habe ich endlich Ruhe! Gott sei Dank … Das kostet einen ja auch so viel an Unterwäsche! Ständig muss man sich neue Dessous kaufen und schöne Höschen anziehen … wie anstrengend. Vielleicht lag das auch an der Zeit: Es gab schon die Pille, aber noch kein Aids. Da habe ich als Frau sehr frei gelebt.

Sie haben die Frauenbewegung 1968 erlebt, waren alleinerziehend und nie von einem Mann abhängig. Wie haben Sie die MeToo-Bewegung empfunden?

Ich finde toll, was da passiert. Es ist höchste Zeit, dass es in der Branche knallt! Mir hat sich zum Glück nie ein Mann aufgedrängt, nicht ein Mal.

Über die Schulter schaut Kathy alias Marthe Keller ihrer Tochter Lisa (gespielt von Nina Hoss), die in ihren Beruf als Theaterautorin zurückfinden will.
Foto: Vega Film/Anne Kearney

Glauben Sie an Schicksal?

Ja, voll! Eigentlich sollte ich im März mit Proben für ein neues Stück in New York anfangen. Aber dann war ich nach einer heftigen Lungenentzündung einfach noch nicht fit genug. Also habe ich das Projekt abgesagt …

… und damit den Lockdown in New York vermieden. Sie inszenieren seit 20 Jahren immer wieder Opern. „Dialogue des Carmélites“ von Francis Poulenc war 1999 in Straßburg Ihr Debüt, später folgten „Lucia Di Lammermoor“ und viele mehr. Wie haben Sie diese Leidenschaft entdeckt?

Daran war auch wieder Al Pacino schuld! An einem verregneten Sonntagnachmittag hat er mir mal den Unterschied zwischen Pavarotti und Di Stefano erklärt. Er hat mir so viel über Opernsänger beigebracht, dass ich mich in die Oper verliebte. Als Kind hatte ich im Ballett mit Klassik zu tun, aber Al weckte diese Liebe bei mir wieder. Hätte man ihm gar nicht zugetraut, oder? Er ist ein sehr intelligenter Mann. So kam es auch, dass ich in Salzburg 1983 die Rolle der Buhlschaft annahm.

… in der Sie drei Jahre lang neben Klaus Maria Brandauer als Jedermann brillierten.

Ich habe mir in Salzburg vor Ort alles angeschaut und war … wieder verliebt! So schnell geht das. Danach habe ich mindestens 25 Konzerte auf der ganzen Welt produziert und später habe ich mit der Deutschen Grammophon sogar eine CD veröffentlicht.

Gibt es etwas, das Sie heute bereuen, vermissen, bedauern?

Ich habe schon vieles falsch gemacht. Ich konnte Anfang des Jahres viel über mein Leben nachdenken. Ich war im Krankenhaus, mit dieser schweren Lungenentzündung – es war aber nicht Corona, ich wurde ständig getestet. Auf jeden Fall lag ich vier Wochen alleine im Zimmer, ging mir mit meinem Husten selbst auf die Nerven und sinnierte.

Und, zu welcher Erkenntnis kamen Sie?

Es gibt Momente, da vermisse ich schon jemanden an meiner Seite. Ich muss wohl lernen, mit dieser Ambivalenz im Leben umzugehen. Ich will niemanden stören, aber es wäre schön, jemanden zu haben, der einem die Hand hält und sagt: „Das wird schon wieder!“

Sind Sie überzeugte Europäerin?

Absolut! Ich bin aber auch Weltbürgerin. Wenn das Leben doch nur so sein könnte wie ein Filmset: Da arbeiten alle zusammen, verschiedene Religionen, Sozialklassen, Altersgruppen, alle treffen sich an einem Tisch. Arm und Reich, Juden, Ägypter, Katholiken – und alle verstehen sich! Alle wollen gemeinsam den bestmöglichen Film machen. Diesen Mikrokosmos würde ich gerne auf das ganze Leben ausdehnen. Man tauscht sich aus und versteht sich, es gibt keine Hindernisse, die man nicht gemeinsam meistern könnte.

Was gefällt Ihnen derzeit am besten an Ihrem Leben?

Die Ruhe, die ich zu Hause in Verbier habe, und mein Haus. Manchmal sage ich, dass mein Haus mein Psychiater ist. Egal, wie verrückt die Welt ist, dort fühle ich mich sicher. Ich habe das Gefühl, dass mir nichts passieren kann. Ich liebe Verbier, seine freundlichen Bewohner, die wunderschöne Natur, das Wasser, die Seen, die Berge, die dort seit Hunderten Jahren stehen. Die Natur ist so viel stärker als wir alle. Wenn man sich in die Natur fallen lässt, wird man wunderbar von ihr aufgefangen. Manchmal brauche ich auch die große Stadt, das gibt mir eine andere Art der Energie. Ich bin halt auch ein Mensch der Widersprüche.

Marthe Keller

  • ... wurde am 28. Januar 1945 in Basel geboren. Als Achtjährige begann sie am Basler Stadttheater eine Ballettausbildung. Nach einem Skiunfall wechselte sie das Fach und nahm Schauspielunterricht in Basel und München.
  • ... erarbeitete sich ab 1999 eine zweite Karriere als Opernregisseurin, in der sie viele Erfolge feierte; so etwa 2003, als sie an der New Yorker Metropolitan Opera die Mozart-Oper „Don Giovanni“ inszenierte.
  • ... begann ihre Karriere als Schauspielerin u.a. am Berliner Schiller-Theater; 1976 ging sie ans Pariser Theater Gaité-Montparnasse. Im selben Jahr spielte sie Dustin Hoffmans Love-Interest in dem Thriller „Der Marathon-Mann“, wofür sie eine Golden-Globe-Nominierung als beste Nebendarstellerin erhielt.
  • ... spielte zuletzt außer in „Schwesterlein“ eine Hauptrolle in der Schweizer Tragikomödie „My Wonderful Wanda“ (2020), die im September das 16. Zurich Film Festival eröffnete.