Berlin - Inzidenzwert, Homeschooling, Superspreader: Nach einem Jahr Pandemie haben einige der blitzblanken neuen Begriffe deutlich an Glanz verloren. Auch „Homeoffice“ ist für viele, die es unfreiwillig betrifft, mittlerweile ungut besetzt. Schwingt da nicht doch etwas von Zwangseinweisung mit, von Fron am Küchentisch wie im finsteren 19. Jahrhundert? Immerhin galt uns die eigene Wohnung früher als rettende Insel, auf die man sich an gewissen Bürotagen ab der Mittagspause zurücksehnte. Was machte es schon, wenn man nachts um elf auf dem Sofa noch schnell ein paar E-Mails abarbeitete: Zumindest körperlich war man in privaten Sphären.

Tempi passati. Der ehemalige Ruhepol wird jetzt als Homeoffice auf eine harte Probe gestellt. Wie wir muss er sich den Realitäten stellen und sich transformieren. Schließlich wollen, ja müssen wir es dort jetzt länger am Stück gut aushalten können. Woraus folgt: Bereiche, die bereits vor dem Lockdown der Renovierung harrten, werden zum ästhetischen Ärgernis, je öfter und länger wir hinschauen. Und ungelöste Einrichtungsfragen in den eigenen vier Wänden fangen an zu nerven.

Foto: Marset
Leicht umzustellen: Akku-Tischleuchte „Bicoca“ von Marset, in vielen Farben, um 185 Euro.

Glücklich jene, die auf den heimischen Quadratmetern genug Platz für einen festen Arbeitsplatz haben und nicht vom Ess- oder Küchentisch aus arbeiten müssen. Doch ob fixer oder mobiler heimischer Arbeitsplatz, wer Folgendes beachtet, wird sich morgens mit mehr Schwung in die Teams-Konferenz einwählen. Und nach dem obligaten Lunch-Spaziergang (mit oder ohne vierbeinige Begleitung) garantiert besser gelaunt zur Arbeit zurückkehren. 

Für mehr Wohlgefühl: Richtung Raum schauen, nicht vor die Wand

Fangen wir mit dem Schreibtisch an. Er muss in Zeiten von Laptop, Kompaktdrucker & Co. längst nicht mehr die Dimensionen von einst haben. Entscheidender sind haptische Qualitäten, also eine Arbeitsplatte, die man gern anfasst. Falls der Tisch sonst zum Essen genutzt wird, schützt eine Schreibunterlage aus dickem Sattelleder heikle Flächen aus Holz oder Glas – und macht der PC-Maus ordentlich Beine. Auch wenn es recht verführerisch scheint, den Schreibtisch platzsparend an den Rand eines Raumes zu stellen: Wichtig für das Wohlgefühl ist, dass man nicht mit dem Gesicht zu einer Wand arbeitet. Und wie schön, wenn sich zwischendurch mal jemand gegenüber zum Reden hinsetzen kann.

Foto: Norr11
Ohren steif halten! Zum „Mammoth Lounge Chair“ aus Eiche (mit Wolle oder Leder) von Norr11 gibt es passende Fußhocker.

Entscheidend bei jeder textilen Neuanschaffung: Sie sollte das Potenzial zum Lieblingsteil haben. Es gilt, sich das Heimbüro so wohnlich und angenehm wie möglich zu machen – und nicht etwa, der fernen Büroausstattung nachzueifern. Ein farbiger Teppich etwa kann Qualitäten entwickeln wie ein Gemälde, das eben mal nicht an der Wand hängt, sondern um 90 Grad gekippt auf Holzböden zum Schallschlucker und psychologisch zum Realitätspuffer wird.

Probieren Sie es aus: Steht der Arbeitsstuhl auf weichem Grund, fühlt sich die Arbeit tatsächlich weniger hart an. Ebenfalls sehr zu empfehlen ist ein gemütlicher Sessel, vielleicht sogar ein Lounge- oder Ohrensessel, von dem man ohnehin schon länger geträumt hat. Ist ein passender Hocker dabei, um die Beine hochzulegen, kann man sich sehr gut mal vom Tisch weg in eine bequemere Position begeben, in der die Gedanken hoffentlich ganz anders durch Kopf und Körper fließen.

Neben der Arbeitsleuchte braucht es auch Atmosphäre-Licht

Auch eine Ambiente-Leuchte kann im wahrsten Sinne des Wortes stimmungsaufhellend wirken. Sie sollte indirektes, warmes Licht geben und damit ein Gegengewicht zur funktionsgetriebenen Lichtsituation des Schreibtischs bilden: Man blickt von der Tastatur auf und die gestressten Augen können sich auf etwas Attraktives jenseits der Bildschirmsphäre fokussieren, ganz nach dem Trauminsel-Prinzip. Sehr entgegenkommend sind etwa die kleinen, mit Akku betriebenen „Bicoca“-Leuchten von Marset mit kippbarem Schirm, die man unkompliziert zwischendurch umstellen kann, ohne sich je um Kabel und Steckdose kümmern zu müssen.

Ja, es kann ruhig noch persönlich werden, etwa mit einem doppelwandigen Thermo-Becher, die man wie einen Coffee-to-go-Becher anfassen kann, ohne sich die Finger zu verbrennen. Umso besser, wenn sie von einer altehrwürdigen Porzellanmanufaktur wie Royal Copenhagen stammt und dadurch einen gewissen Respekt vor Qualität und Material ausstrahlt. Das schnelle Heißgetränk am Nachmittag wird damit gleich zu einer feineren Angelegenheit. Kaffee oder Tee schmecken schlagartig besser!

Die ideale Schreibtisch-Vase? So schwer wie eine Monsterdatei

Bedarf man vor einer herausfordernde Aufgabe besonderer Aufmunterung, helfen bekanntermaßen auch Blumen. Sollen sie arbeitsnah auf dem Schreibtisch stehen, ist eine absolut standfeste Vase von größter Bedeutung. Eine Überschwemmung neben der Tastatur kann einem den Arbeitstag nämlich ganz schön vermiesen. Auch hier ist eine besondere Materialität – Marmor, schwere Keramik oder dickes Farbglas – ein erfreulicher Hingucker. Bloß kein klares Glas, das einen bei jedem Aufblicken mahnt, endlich das Wasser auszutauschen.

Foto: Royal Copenhagen
Hält Heißgetränke warm: Thermobecher„ Mega Blau Gerippt“ aus Porzellan von Royal Coppenhagen, um 80 Euro.

Zusammenfassend muss gesagt werden, dass der Trend der 1970er- Jahre, sich den Wohnbereich als Quasi-Büro einzurichten, seinen Zenit klar überschritten hat. Zu lange waren lederne Polster, chromblitzendes Gestühl und die ausufernden Stahlblech-Schränke von USM das Statussymbol überhaupt in bundesrepublikanischen Wohnungen. Wann, wenn nicht jetzt ist die Zeit gekommen, den Spieß umzudrehen – und das eigene Büro so richtig wohnlich zu machen. Berlin geht voran dabei.


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