Die Rüschen schmücken und verschlanken optisch die Hüften: „Marta Maillot“ in der Farbe Navy von Casa Raki, um 200 Euro.
Foto: Casa Raki

BerlinImmer dann, wenn ich nicht weiter weiß, Trübsal blase oder ich mich dazu bereit erklärt habe, über Bademode zu schreiben, lese ich Nora Ephron. Nicht nur, weil es sofort aufheitert, in Gesellschaft dieser einmaligen Autorin und Filmemacherin zu sein, sondern weil sie einen der wenigen wirklich vernünftigen Gedanken über Bademode formuliert hat. Zu finden im Essayband „Der Hals lügt nie“, lautet er: „Oh, wie ich es heute bedauere, dass ich mit sechsundzwanzig ein ganzes Jahr lang keinen Bikini getragen habe! Wenn eine junge Frau das hier liest, sollte sie sich sofort einen Bikini anziehen und nicht mehr ablegen, bis sie vierunddreißig ist.“ Das Buch erschien 2006, und obwohl es absurd wäre, Ephron posthum redigieren zu wollen, könnte ihr Rat zu mehr Selbstliebe in 2020 wohl so lauten: „Jede Frau, die das liest, sollte sich sofort einen Bikini anziehen und für den Rest des Sommers nicht mehr ablegen.“

Zum einen, weil wir in diesem Jahr nun wirklich andere Sorgen haben als die, ob der Körper bikinitauglich ist, Corona-Kilos hin oder her. Und zum anderen, weil sich das Verständnis davon, was ein bikinitauglicher Körper ist, in den letzten Jahren normalisiert hat – durch mehr Repräsentanz und weniger Rigidität. Die feldwebelhaften Befehle „Schlank, schön, straff!“ oder „In 12 Minuten zur Strandfigur!“, die rituell ab Mai von allen Frauenzeitschriften-Titeln drohten (und die man ebenso rituell nicht befolgte), liest man seltener. Stattdessen Mantras wie „All you need for a bikini body is a bikini and a body“, die zur Aufmunterung in den sozialen Netzwerken geteilt werden.

„Jean“, der Long-Torso-Swimsuit des Berliner Retrostyle-Labels 1979, ist drei Zentimeter länger geschnitten als übliche Badeanzüge. Und das Röckchen vorne gibt eine tolle Silhouette. Auch in Rot oder Schwarz, 140 Euro.
Foto: 1979/Lucio Aru & Franco Erre

Natürlich erwartet man von einem Bikini oder Badeanzug, dass man darin gut aussieht. Nicht mehr gilt, dass man sich erst mal einer Körperumwandlung unterziehen muss, um überhaupt an den Strand zu dürfen. Der Ansatz, dass Bademode einen Bedarf decken sollte, statt neue Problemzonen zu schaffen, beschäftigt inzwischen viele Marken, drei davon aus Berlin. Bei 1979 verbindet Designerin Suzanna Kuhlemann Retro-Schnitte aus den Thirties bis Fifties mit dem Credo, dass sich Bademode dem Körper anpassen sollte und nicht umgekehrt. Die Modelle aus einem seidigen, dabei Halt gebenden Polyamid-Mix, der dem Oeko-Tex Standard 100 entspricht, gibt es etwa mit extra langem Torso, hohem oder tiefen Beinausschnitt, mit und ohne Cups und bis Größe 48. Die Designs von Belize, dem Label von Valeska Duetsch und Fiona Bansal, sind aus nachhaltigen Stoffen mit Vierwegstretch für besten Halt und erinnern mit Leo-Mustern oder Vichy-Karos an die Riviera. 

In den knappen Designs aus Lycra von Janthee dagegen ist man sofort an der Copacabana. Das Label von Linda Hausser gibt es exklusiv im KaDeWe, eine von 30 Marken im Bereich Bademode, der dort zuletzt stark weiterentwickelt wurde. „Wir setzen auf ein breites Assortiment und die Balance aus modischen Brands und klassischeren Marken“, sagt Einkäuferin Liv Möller, die High Waist Bottoms und Cut-out-Badeanzüge zu den Trends zählt. „Generell stellen wir fest, dass sich Beachwear zu einer ganzen Lifestyle-Welt ausweitet, ob Bohemian bei Zimmermann oder Streetwear bei Fendi Beach.“

Ins Netz gegangen: Das Frankfurter Label Inaska verwendet recycelte Fischernetze für das Material seiner clever geschnittenen Bademode. Hier mit dem angesagten High-Waist-Slip, der das eine oder andere Quarantäne-Pfündchen wegmogelt. Beide Bikiniteile zusammen um 90 Euro.
Foto: Inaska

Der Badeanzug als Teil einer Haltung? Warum nicht. Es gibt schließlich genug Auswahl, wie man sich darstellen möchte. Als Surferin? Dann zu My Marini. Die Minimalistin findet sich bei Casa Raki, Fisch oder Inaska wieder, letzteres ein junges Label aus Frankfurt am Main, das Bademode aus recycelten Fischernetzen herstellt und mit breiter Schnittpalette überzeugt. Ist man auf der Suche nach Modellen für eine große Oberweite, findet man Gutes bei The Fold.

Wir merken: Es gibt Auswahl wie Sand am Meer. Was einen enormen Vorteil hat: Wer sich keine Gedanken machen muss, ob sie je den passenden Badeanzug findet, kann sich mit wirklich Wichtigem beschäftigen. Etwa der Strandlektüre. Ich empfehle „Sodbrennen“ von Nora Ephron, eine spitze Abrechnung mit ihrem untreuen zweiten Ehemann. Liest sich auf dem Badetuch noch genüsslicher.


Unsere Style-Autorin Marlene Sørensen auf Instagram: 
https://www.instagram.com/marlene_soerensen/