Adrian, 33: Lieber Herr Lenné, meine Freundin, sie heißt Sophie, hat sich in den letzten zehn, zwölf Monaten stark verändert. Sie war schon immer etwas burschikos, das fand ich gerade attraktiv, inzwischen ist jedoch eine sukzessive Vermännlichung zu beobachten – Höhepunkt war nun die Offenbarung, sie wolle ab sofort als Mann leben und Sofian heißen. Was für ein Schock. Ich meine, wir sind seit vier Jahren zusammen, haben übers Heiraten geredet, über Kinder. Und jetzt das! Sie würde gerne mit mir zusammenbleiben, sagt sie, aber wie soll das gehen? Ich liebe sie, aber ich liebe sie als Frau. Ich bin nicht schwul. Ich kann doch nicht mit einem Mann zusammenleben.

Lieber Adrian, da hat dir das Leben eine ordentliche Entwicklungsaufgabe gestellt. Zu mir kam einmal eine junge Frau in die Therapie, weil ihre letzten beiden Partner nach etwa einem Jahr Beziehung sich ihrer latenten Homosexualität bewusst wurden und die Beziehung lösten, um sich dem männlichen Geschlecht zuzuwenden. Die Klientin hatte Angst, dass sie Männer so beeinflusst, das diese lieber schwul werden, als mit ihr zusammenzubleiben. Sie war erst Mitte 20, noch in der Experimentierphase.

Geschlechtswechsel haben in den letzten Jahren massiv zugenommen. Es wird einen gewissen Anteil an Mode oder Vermeidung geben, die allermeisten sind aber sicher sehr froh, dass dieses unangenehme Gefühl von „ich stimme nicht mit mir überein“ endlich einen Namen hat und ein deutlich entspannterer Umgang damit möglich geworden ist. Von Umbenennen über Kleidung und Habitus bis hin zu geschlechtsanpassender Operation gibt es jetzt eine breite Palette, sich seinem gefühlten Geschlecht anzunähern.

Es gibt Beispiele bei älteren Paaren nach der Kinderphase, bei denen der Mann zu einer zweiten Frau wurde oder umgekehrt, die ihre Liebe weiterleben konnten. Du bist mit 33 Jahren an der Schwelle zur Familiengründung. Du möchtest heiraten und Kinder bekommen und du stehst zwar auf burschikose Frauen, hast aber bisher keine bi- oder- homosexuellen Neigungen. Die Frage ist, ob du das, was du in ihr liebst auch ausreichend in ihm finden kannst. Das hängt auch davon ab, wie sehr Sophie hinter Sofian verschwindet. Je mehr operative Anpassung und Hormone, desto mehr wird sich auch ihre/seine Persönlichkeit verändern. Nicht besser, nicht schlechter, nur mehr er selbst.

Lass dir etwas Zeit. Vielleicht entdeckst du in ihm den Menschen, den du liebst, und vielleicht gibt es einen bisexuellen Funken in dir. Wenn nicht, wirst du weiterziehen müssen.