Zufällig ist hier nichts: Melania Trumps Rückansicht im kühlen Protz der White-House-Weihnacht 2019.
Foto: action press

WashingtonDie Frau scheint es eilig zu haben, den festlich geschmückten Raum, den sie durchschreitet, beachtet sie nicht weiter. Sie ist von hinten zu sehen, über ihren Schultern liegt ein cremefarbener Mantel, wie nur kurz übergeworfen. Mantelstoff und Haarspitzen flattern ein bisschen, ihre Schritte sind wohl schnell und entschlossen. Auf Louboutins – die rote Sohle! – mit extradünnem Stilettoabsatz einen polierten Marmorboden zu überqueren, macht ihr ganz offensichtlich keine Angst. Das kann sie.

Wäre dies ein Werbespot, die Frau stiege jetzt vielleicht in einen Maybach, die Szene bedient sich der kühlen Ästhetik der Werbung im Luxussegment. Das Bild ist aber das offizielle Foto des Weißen Hauses anlässlich der diesjährigen Installation der dortigen  Weihnachtsdekoration. Und nach allem, was man von Melania Trump weiß, hat sie die Spekulationen, die das Bild unweigerlich auslöst, mit einkalkuliert. Was die Sache nicht weniger kompliziert macht.

2018: Melania Trump noch von vorn, in strengem Schwarz das Werk der Dekorateure begutachtend. Für die blutroten Bäume gab es mächtig Häme. Man verglich sie mit einem Raketenarsenal oder mit den roten Kleidern der unterdrückten Frauen in der Streaming-Serie nach Margaret Atwoods „Der Report der Magd“.
Foto: The White House

Das letzte Mal, als Melania Trump die Aufmerksamkeit auf ihre Rückansicht lenkte, sorgte das auch schon für Verwirrung. Im Juni 2018 war das, sie besuchte ein Heim für Migrantenkinder und trug dabei einen Parka, auf dem stand: „I really don’t care, do you?“ Zu Deutsch: Mir ist das wirklich egal, und dir/euch? Ist das X-mas-Foto aus dem Weißen Haus nun eine kühne Fortschreibung dieses durchweg mit Befremdung aufgenommenen Outfits? Sagt es so viel wie: „Hier habt ihr euren Weihnachtsklimbim, aber erwartet nicht, dass ich so tue, als würde mich das alles interessieren“?

Melania Trump kommuniziert über ihre Kleidung 

Man würde jetzt gern Kate Bennett vom Fernsehsender CNN fragen. Bennett ist dort für die Berichterstattung über die First Lady zuständig, und was sie in knapp drei Jahren erfahren und beobachtet hat, schien ihr so mitteilenswert, dass sie soeben eine Biografie Melania Trumps veröffentlicht hat. Schon der Titel „Free, Melania“ macht klar, dass Bennett nicht die beliebte These vertritt, dass Melania Trump mit der Wahl ihres – von ihr sowieso nicht mehr geliebten – Ehemannes zum Präsidenten im goldenen Käfig der Macht gelandet ist, aus dem sie dringend befreit gehört. Bennett beschreibt die 49-Jährige als selbstbewusste Frau mit großem Einfluss auf ihren Mann, die eben ihre eigene Art zu kommunizieren habe – etwa über Kleidung. So sei die Parka-Inschrift bloß eine Botschaft an Trumps Tochter Ivanka gewesen und bezog sich auf deren Neigung, sich ins Rampenlicht zu rücken. Was Melania Trump nerve.

2017: Melania Trump inspiziert ihren ersten Weihnachtsschmuck im Weißen Haus und trägt dabei Privatjet-Chic. Die Dekoration läutet in Washington die Christmas Season ein. Geschmückt wird das ganze Gebäude, hier der State Floor im ersten Stock, wo große Empfänge stattfinden.
Foto: The White House

Kate Bennett würde wahrscheinlich deuten, das Weihnachtsdeko-Foto 2019 zeige keinen demonstrativen Abgang, sondern unterstreiche die Entscheidung dieser enigmatischen First Lady, nicht viel von sich preiszugeben. Falls Melania Trump, wie Bennett schreibt, die Wirkung jeder ihrer Schritte bedenkt, dann scheint ihr schlicht egal zu sein, dass sie mit dem Foto ein in der PR-Geschichte des Weißen Hauses wohl unerreichtes Desinteresse an Weihnachten vermittelt.

Zum Gesamtpaket gehören noch Instagram-Fotos – da ist Melania Trump dann auch von vorn zu sehen – und ein Video, auf dem sie mit manikürter Hand etwas Kunstschnee über einen Tannenbaum krümelt. Ein Bild von exquisitem Ennui. Spaß hat man dagegen in den sozialen Medien, wo gerade ein Filmchen beliebt wird, in dem das Weihnachtsvideo sich mit wenigen Handgriffen verwandelt hat: in einen Trailer des Horrorfilms „The Shining“.