„Men of the Year“-Awards der GQ: Erstmals mehr Frauen als Männer ausgezeichnet

Ausgerechnet Deutschlands bekanntestes Männermagazin kürt am Donnerstag mehr weibliche als männliche Gewinner. Chefredakteur Tobias Frericks erklärt uns, warum.

Strahlen beide mit ihrem Preis um die Wette: Die Filmstars Diane Kruger und Eddie Redmayne.
Strahlen beide mit ihrem Preis um die Wette: Die Filmstars Diane Kruger und Eddie Redmayne.Andreas Rentz/Getty Images

Sind Frauen jetzt die neuen Männer? Wie ließe sich sonst erklären, dass ausgerechnet beim „Men of the Year“-Award am Donnerstagabend in den Charlottenburger Kantgaragen mehr weibliche als männliche Gewinner auf der Bühne standen? Düzen Tekkal, Martine Rose und Diane Kruger wurden vom Männermagazin GQ, das den Preis jährlich vergibt, freilich nicht als „Männer des Jahres“ geehrt. Die Journalistin Tekkal hat einen Sonderpreis für ihr Menschenrechtsengagement bekommen, Martine Rose ist Designerin des Jahres, Schauspielerin Diane Kruger ist die „Woman of the Year“.

Dass ihnen lediglich zwei männliche Gewinner gegenüberstehen – Eddie Redmayne als Schauspieler, David Alaba als Sportler des Jahres – ist dennoch ein interessantes Signal. Eines, das gut zur Neuausrichtung von Deutschlands bekanntestem Männermagazin passt, wie uns Chefredakteur Tobias Frericks wenige Tage vor der Preisverleihung in einem exklusiven Interview erklärt.

Herr Frericks, mit Ihrem Antritt als Chefredakteur vor ziemlich genau einem Jahr wollten Sie das Männerbild, das die GQ zeichnet, bewusst verändern. Ist Ihnen das gelungen?

Ich hoffe doch. Ich bin schon seit 17 Jahren bei GQ, war allerdings immer nur für Mode zuständig. Dort hatte ich schon damals mehr Spielraum für Neues. Das starre Bild eines Zigarre rauchenden, Porsche fahrenden Gentleman finde ich längst nicht mehr zeitgemäß. Und ich finde schon, dass wir dieses Bild um eine neue, facettenreichere Maskulinität ergänzt haben.

Wie denn?

Wir wollen nicht mehr bloß die tollsten neuen Sportwagen vorstellen und erklären, wie sich der beste Martini zubereiten lässt oder welche Socken zu welchem Anzug passen. Statt Trends zu diktieren, wie es bei Lifestyle-Magazinen lange Usus war und teilweise noch ist, wollen wir viele verschiedene Möglichkeiten abbilden. Und dann können sich unsere Leser und Leserinnen aussuchen, was am besten zu ihnen selbst passt.

Von links nach rechts: Andrea Latten von Condé Nast, Moderatorin Hadnet Tesfai, Schauspieler Trystan Pütter, David Alaba, Tobias Frericks, Diane Kruger, Eddie Redmayne, Laudatorin Enissa Amani und Martine Rose.
Von links nach rechts: Andrea Latten von Condé Nast, Moderatorin Hadnet Tesfai, Schauspieler Trystan Pütter, David Alaba, Tobias Frericks, Diane Kruger, Eddie Redmayne, Laudatorin Enissa Amani und Martine Rose.Andreas Rentz/Getty Images

Also findet auch der Zigarre rauchende Porschefahrer bei Ihnen noch etwas, das ihn interessiert?

Klar, wir wollen ihn ja nicht ausschließen. Aber neben ihm wollen wir eben viele andere unterschiedliche Männer erreichen. Das entspricht ja der Welt, in der wir leben. Und das entspricht eben auch den Marken, mit denen wir zusammenarbeiten. Wenn Labels wie Prada oder Gucci neue, facettenreiche Männerbilder prägen, wollen wir nicht hinterherhinken. Darin stimmen wir übrigens international bei GQ überein. Auch die vielen anderen weltweiten GQ-Ausgaben arbeiten in diese Richtung.

Gibt es in der jüngeren Zeit eine Geschichte, die diese Neuausrichtung für Sie am besten beschreibt?

Ich erinnere mich noch gut an die erste Ausgabe, die mein Kollege Will Welch, Global Editorial Director GQ, in den USA herausgebracht hat. Auf dem Titel war Pharrell Williams in einem Moncler-Kleid von Pierpaolo Piccioli. Mir hat das sehr gut gefallen, eben weil es dabei gar nicht um Fragen der Sexualität ging, sondern um eine Männlichkeit, die jetzt generell freier interpretiert wird. Pharrell hat als heterosexueller Mann, als Vertreter des Hip-Hop-Genres obendrein, kein Problem damit, sich auch mal auf diese Weise zeigen zu lassen. Das finde ich toll.

GQ-Chefredakteurin posiert mit Diane Kruger und Eddie Redmayne.
GQ-Chefredakteurin posiert mit Diane Kruger und Eddie Redmayne.Andreas Rentz/Getty Images

Wird dieser Facettenreichtum, wie Sie ihn beschreiben, auch im Rahmen der diesjährigen „Men of the Year“-Awards sichtbar?

Ich finde schon. Als Designerin haben wir zum Beispiel Martine Rose ausgezeichnet, die für sehr legere Mode bekannt ist. Sie ist vielen von unseren alten Leserinnen und Lesern wahrscheinlich gar kein Begriff, aber wir wollen ihnen zeigen, dass Mode eben ein großes Spektrum ist, das mehr hergibt als den klassischen Doppelreiher von Ralph Lauren. Unser Schauspieler des Jahres ist Eddie Redmayne, ein wahnsinnig freundlicher, bodenständiger, reflektierter Typ.

Und das ist wichtig, wenn man einen Schauspielpreis vergibt?

Natürlich zeichnen wir Eddie Redmayne in erster Linie für seine aktuelle Rolle in „The Good Nurse“ aus. Aber uns geht es auch um die vielen Facetten, die ihn als Menschen ausmachen und die natürlich in seine Arbeit einfließen. Eddie ist eben auch für seine spannende, mutige Darstellung der transsexuellen Malerin Einar Wegener in „The Danish Girl“ vor ein paar Jahren bekannt. Auch daran will ich gerne noch mal erinnern. Ganz wichtig ist mir allerdings in diesem Jahr noch ein anderer Preis.

Nämlich?

Ich freue mich sehr, dass wir der Journalistin Düzen Tekkal einen Sonderpreis für ihr Engagement als Menschenrechtsaktivistin überreichen dürfen und dem Abend damit eine gewisse Note verleihen können. Denn natürlich stand auch für uns die Frage im Raum, wie wir aktuell überhaupt eine Award-Gala veranstalten können: nach fast drei Jahren Pandemie, in einer Zeit, in der es Krieg in Europa gibt und Gewalt gegen Demonstrierende im Iran. Wir wollen zeigen, dass man durchaus optimistisch bleiben und auch die schönen Momente feiern kann. Aber dass man sich zugleich der Lage der Welt bewusst sein und diese diskutieren muss.

Die Designerin Martine Rose hat für ihren lässigen, innovativen Stil einen GQ-Peis bekommen.
Die Designerin Martine Rose hat für ihren lässigen, innovativen Stil einen GQ-Peis bekommen.Andreas Rentz/Getty Images

Neben Rose, Redmayne und Tekkal werden außerdem Diane Kruger als „Woman of the Year“ und David Alaba als „Sportler des Jahres“ ausgezeichnet. Damit werden ausgerechnet bei einer Preisverleihung, die durch ein Männermagazin initiiert wird, mehr Frauen als Männer geehrt.

Ja, was für uns überhaupt keine Rolle spielt und doch unserer neuen Richtung entspricht. Wir schauen uns an, was in diesem Jahr passiert ist, was wir besonders gut fanden, wer uns begeistert hat. Ob es sich dann um eine Frau oder einen Mann handelt, spielt keine Rolle. Das soll der Abend schon auch deutlich machen.

Ein Abend allerdings, dessen Einladungen dann doch mit dem Zusatz „Dresscode: Black Tie“ versehen sind. Für Männer heißt das klassischerweise: schwarzer Smoking, weißes Hemd, schwarze Fliege. Klingt dann doch ein wenig traditionell, finden Sie nicht?

Zum einen ist ein Dresscode ja kein Diktat, sondern etwas, an dem sich die Gäste orientieren können. Wenn ich weiß, dass sich da viele Leute richtig Mühe geben, möchte ich ja vielleicht nicht gerade in einer Jeans auftauchen. Das bedeutet aber nicht, dass sich „Black Tie“, überhaupt das ganze Thema Abendgarderobe, im Jahr 2022 nicht auch ein bisschen weiter auslegen lässt. Im Grunde geht doch alles, du musst es nur richtig verkaufen. Wenn du nicht auffallen willst, ziehst du dir den Smoking oder einen schwarzen Anzug mit Rolli an. Wenn du doch auffallen willst, wirfst du dir vielleicht das Abendkleid deiner Freundin über. Und dazwischen gibt es ganz viele Möglichkeiten, die uns alle willkommen sind.

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GQ Germany
Zur Person
Tobias Frericks
Seit September 2021 ist Frericks Chefredakteur der GQ, die neben anderen Mode- und Lifestyle-Titeln wie Vogue, Glamour oder Architectural Digest zum Münchner Verlag Condé Nast gehört. Zuvor war Frericks mehr als 17 Jahre lang für das Moderessort des Männerheftes verantwortlich. Dass er eine ästhetische wie inhaltliche Neuausrichtung der GQ anstrebt – so wie viele andere internationale Ausgaben des Titels, die Inhalte und Fotoproduktionen teilweise untereinander teilen –, war schon bei der ersten Ausgabe unter Frericks Leitung zu spüren: Auf dem Cover im März 2022 war ein platinblondierter Robert Pattinson im Billy-Idol-Look zu sehen. Den „Men oft he Year“-Award verleiht das Magazin jährlich in Berlin; die Preisträgerinnen und Preisträger werden intern ausgewählt.