Josefine Edle von Krepl, Modedesignerin. 
Foto: ddp images/Michael Urban

BerlinIm Garten des alten Pfarrhauses in der Prignitz hängen Gebilde, die Josefine Edle von Krepl aus Atlantikmüll geknüpft hat: Fischernetze, Plastik, gelbe, grüne, türkisfarbene Strippen. Ihr letztes großes Werk, das Modemuseum Meyenburg, hat sie Nachfolgern übergeben. Jetzt richtet sie immer wieder Ausstellungen mit ihrer nach wie vor viele Tausend Exemplare zählenden Kleidersammlung aus, organisiert Lesungen und Konzerte.

Doch im Interview sprechen wir über die Pioniertat der Modegestalterin in Ost-Berlin: In der Boxhagener Straße 44 gründete sie 1980 die erste private Modeboutique Ost-Berlins – mit ausschließlich selbstentworfenen und ausschließlich aus Naturmaterialien in eigener Werkstatt genähten Stücken.

Frau von Krepl, ein privater Modeladen in Ost-Berlin – wie haben Sie das angestellt?

Leute haben mir von einer Händlerin, einer Bulgarin in der Boxhagener Straße, erzählt, die dort einen Laden als Kommissionärin führte, also halbstaatlich Sachen verkaufte. Der war es zu schwierig geworden. Für mich eine Riesenchance! Um das Geld für die Abstandszahlungen zusammenzubekommen, habe ich buchstäblich Tag und Nacht in der Küche meiner Einraumwohnung in der Greifenhagener Kleider genäht.

Mein Partner hat die Teile versäubert. Nebenher zog ich wochenlang ins Ordnungsamt beim Rat des Stadtbezirkes am Bersarinplatz und kämpfte mit der Bürokratie. Vor allem musste ich denen einflößen, dass ich Künstlerin war, dass ich Eigenes verkaufen wollte, keine geschmacklich schlechten Sachen. Ich konnte also keine Kommissionärin sein, sondern brauchte eine Gewerbegenehmigung als Private.

Josefine-Vitrine im Museum in der Kulturbrauerei. 
Foto: Stiftung Haus der Geschichte

Gab es Vorbilder in Ost-Berlin?

Nein. Aber schließlich sagte das Amt: „Machen Se, auf eigene Verantwortung.“ Und offiziell bekam man etwas zum Vorzeigen: „Seht her, wir lassen privaten Handel zu, und eine junge Frau darf was ausprobieren.“ Andererseits gab es dann ständige Kontrollen, bis hin zu Schikane.

Was geschah da?

Wenn ich zum Beispiel von einer Stoffbahn 3,50 Meter abgeschnitten hatte, habe ich den Stoff vorgekocht in der Waschmaschine. Da lief er um zehn Prozent ein. So konnte ich die Kundinnen vor späteren Problemen schützen. Das Amt hat heimlich Einkäufer geschickt, die ein Kleid auftrennten und nachmaßen. Da waren es dann nur 3,10 Meter, und es hieß: Betrug! Von Krumpfwerten verstanden die nichts. Ich musste Strafe zahlen. Und jedes Jahr hatte ich Tiefenprüfung vom Finanzamt und wurde separat geführt.

Warum haben Sie sich für den Weg entschieden?

Ich war umfassend ausgebildet und habe mich als Moderedakteurin bei der Frauenzeitschrift Für Dich nicht ausgelastet gefühlt. Auch die massive Gängelung störte mich immer stärker; jeder Text wurde bekrittelt. Allzu viel Initiative war nicht erwünscht. Mit dem Laden konnte ich etwas Eigenes machen. Und der Erfolg war ja unübersehbar. Wenn der Laden morgens um zehn aufmachte, standen die Frauen in Doppelreihen vor der Tür. Zwischendurch musste ich zumachen, weil ich keine Ware mehr hatte.

Wie haben Sie gearbeitet?

Ich habe zusammen mit einer engen Freundin ausnahmslos eigene Ideen kreiert und umgesetzt. Fünf bis sechs Angestellte nähten in der Werkstatt, halbtags, oft länger. Wir produzierten ohne Ende, ich hätte eine ganze Fabrik beschäftigen können. Die Leute haben die Sachen sooo sehr gemocht. Die kamen praktisch von der heißen Nadel auf den Ladentisch. Im Laden, der war etwa 60 Quadratmeter groß, gab es noch eine Verkäuferin, und meistens war ich auch da, zum Beraten und Erzählen. Ist immer gut für den Verkauf.

Haben Sie Kollektionen entworfen, die dann genäht wurden?

Nein, das ging ja gar nicht. Man wusste ja nie, welches Material man haben würde. Von der Materiallage hing alles ab. Die jeweils verfügbaren Stoffe breiteten wir vor uns aus und machten etwas daraus. Modewellen haben wir nicht ausgelöst. Wir entschieden völlig frei, aus dem Lameng: So oder so machen wir das. Immer nach einfachen Schnitten, tragbare Mode. Elegantes nur für Ausstellungen oder seltene Extrawünsche.

Biografisches

Herkunft: Josefine Edle von Krepl wurde 1944 in Fürstenwalde/Spree geboren. Ihr Wiener Vater arbeitete in der dortigen Torpedofabrik als Dienstverpflichteter. Seine Frau war ihm gefolgt. 1950 zog die Familie nach Berlin.

Beruf: Nach dem Abitur lernte sie Schneiderin, studierte dann Modegestaltung. 1977 wurde sie Moderedakteurin in der Frauenzeitschrift Für Dich und absolvierte ein Zusatzstudium der Journalistik.  

Künstlerin: 1985 nahm sie der Verband Bildender Künstler auf. So durfte sie auch eigene Ausstellungen ausrichten und dafür Kollektionen entwerfen. 2006 gründete sie das Modemuseum Meyenburg.

Was waren das für Stoffe, und woher kamen die im DDR-Mangelsystem?

Ausnahmslos Naturmaterial – Baumwolle, Seide, Zellstoff, also Viskose – haben wir verwendet. Das war damals in der DDR mit den vielen am Körper klebenden Kunststoffen etwas Besonderes. Seide führte der DDR-Großhandel reichlich, wegen der guten Beziehungen zu China. Allerdings meist mit grässlichen Mustern – riesigen Blumen und grellen Farben. Das ließ sich durch Färben bessern. Leinen und Spitzen besorgte ich bei Reisen übers Land. Bauern verkauften Tisch- und Bettwäsche und anderes.

Das wurde aufgetrennt, umgearbeitet, neu zugeschnitten, anders zusammengenäht. Aus Bauernleinen entstanden zum Beispiel lange Schlabbermäntel oder Latzhosen. Baumwolle war schwierig. Aber um Berlin gab es ja die Russenenklaven, Militärsiedlungen im Wald, ganze umzäunte Städtchen mit Schulen und Kaufhäusern. Durch ein Loch im Zaun bin ich in die Russensiedlung bei Röbel. Einer mir vertrauten Verkäuferin im „Magazin“ brachte ich West-Bohnenkaffee oder Nagellack aus dem Intershop und bekam ganze Ballen reinweiße Baumwolle – 50 bis 100 Meter. Das war Goldstaub! Daraus haben wir Kleider gemacht. Farbpigmente holte ich aus dem Chemiekombinat Bitterfeld. Zum Imprägnieren gegen das Ausbluten nahmen wir Salz und Essig.  

Gab es besonders begehrte Stücke?

O ja, die Pullover aus Viskose-Damenschlüpfern. Die Unterhosen mit langem Bein in Rosa und Hellblau, ich nannte sie Sturzbomber, gab es für vier bis fünf DDR-Mark zu kaufen. Sie hatten eine glatte Außenseite, innen waren sie aufgeraut. Wir kauften die großen Größen. Die wurden aufgetrennt, als Pullover wieder zusammengenäht und mit wilden Mustern gesteppt und verziert: mit Perlen, Blumen, Lederapplikationen. Dafür benutzten wir zum Beispiel Fensterputzlappen aus Hirschleder.

Die gab es im Handel. Daraus haben wir Hot Pants oder kleine Westen mit Fransen gemacht – ein Renner. Bei der PGH Orthopädie im Prenzlauer Berg durfte ich Lederreste holen. Daraus habe ich auch Accessoires wie Täschchen gebaut. Und von volkseigenen Kleiderfabriken konnte ich ausgediente Stoffmustermappen erbetteln. Da klebten auf jeder Seite drei Musterproben, manchmal ein Muster in zehn Farben. Aus diesen Stoffflecken ließen sich witzige Blusen nähen. Wir haben alles, wirklich alles verwendet. Man musste sich was einfallen lassen.

Klingt nicht nach Serienproduktion.

Eine Auflage vom Ordnungsamt verlangte Unikate, höchstens vier bis fünf Stücke von einem Schnitt, um die Serie zu vermeiden. Aber das war kein Problem, es wurde ohnehin immer variiert – an Kragenecken, Taschenschlitzen oder -klappen, Applikationen.

Wer waren Ihre Kundinnen?

Frauen, die mal etwas anderes als die recht eintönige Ware aus dem staatlichen Einzelhandel wollten. Etwas Besonderes, Ausgefallenes, Einzigartiges. Es kamen Schauspielerinnen; die Damen des Maxim-Gorki-Theaters kleideten sich bei mir ein: Uta Schorn, Ursula Werner. Gregor Gysi hatte sein Büro um die Ecke und schaute rein, um für seine Frau einzukaufen. Es kamen Leute aus anderen DDR-Städten, mache kauften rauschhaft auf Vorrat, viele suchten Jugendweihekleider. Auch aus West-Berlin kamen Kunden, Diplomatinnen … Und viele normale Frauen, Studentinnen, denen der Exquisit zu teuer war. Bei mir kosteten die Kleider um die 180 Mark, die feineren für die Jugendweihe 220 Mark.

Die erste Modeboutique Ost-Berlins, in der Boxhagener Straße 44, vor der Eröffnung 1980. 
Foto: Stiftung Haus der Geschichte

Bei so großer Popularität interessierte sich doch sicherlich auch die Staatssicherheit für Ihr Treiben?

Wenn ich zum Beispiel in dem kleinen Laden neben dem Hauptgeschäft Ausstellungen machte – und das geschah oft –, gab es Vernissagen, ganz einfach mit Schmalzstullen, Stierblut, Kerzen und 40-50 Freunden. Da liefen immer Leute rum, die ich nicht kannte. Wenn ich fragte, wer sie seien, sagten sie, jemand habe sie mitgebracht und eierten herum, wenn ich fragte, wer denn. Oder es stand ein Lada mit vier Männern vor der Tür.

Die Herren habe ich dann gefragt, ob sie Kaffee oder Tee wollten. Dann sind sie weggefahren, und waren bald wieder da. Die interessierten sich vor allem für die Ausländer und für die Künstler, die ich bei mir ausstellen ließ: Das waren oft Leute, die Ausreiseanträge gestellt hatten und nicht arbeiten durften. Ich bin mit den Stasi-Sachen gelassen umgegangen, habe mich nicht verrückt machen lassen. ich sagte mir: „Solln se doch, bei mir gibt’s nichts zu spionieren.“ Höchstens Gespräche waren aufzuschnappen. Meine Stasi-Akte umfasst drei fette Ordner.

1987 haben sie einen Ausreiseantrag gestellt. Warum? Sie hatten doch mit dem Laden vergleichsweise viel Freiheit und direkt sichtbaren Erfolg?

Ich wollte nicht, dass meine beiden Söhne in der DDR aufwachsen. Und es war doch zu eng geworden. Außerdem war die Hälfte meiner Freunde schon weg. Im Sommer 1989 durfte ich schließlich meinen Partner aus dem Westen heiraten und reiste aus kurz bevor die Mauer fiel. Erst lebte ich im Lager Marienfelde, dann in einem Aussiedlerhaus. Kaum saß ich einer eigenen Wohnung, fiel die Mauer. Da habe ich Rotz und Wasser geheult: So viel durchgemacht, wartend und hoffend. Und dann – alles umsonst.

Wie war es in West-Berlin?

Sehr schwierig. Ich hatte mir eingebildet, ich sei clever, gut, hoch qualifiziert, gesund und tatendurstig. Ich würde etwas finden, zum Beispiel als Kostümbildnerin in einem Theater. Doch das Arbeitsamt wollte mich als Textilarbeiterin an ein Fließband schicken. Dann habe ich alles Mögliche angestellt und schließlich einen Laden für Antik-mode in Wilmersdorf übernommen. Aber der lief nicht. Die Damen hielten das Geschäft für ein Museum mit Sachen zum Anprobieren, kauften aber nichts.

Hochzeit im Sommer 1989. Josefine Edle von Krepl und Für das Foto fuhr man zum Kino International, wo gerade „Schrei nach Freiheit“ lief.
Foto: Stiftung Haus der Geschichte

Sie haben den Vergleich: War die DDR-Frau modemäßig eine graue Maus?

Gezwungenermaßen, vor allem außerhalb der Städte. Die Frauen lebten nicht hinterm Mond, aber im Mangel an Möglichkeiten. Wo sie konnten, saugten sie Inspiration auf, suchten Schnitte oder Tipps zum Umarbeiten von Kleidern. Sie machten viel selbst, da war enorme Kreativität unterwegs. Viele konnten tatsächlich nähen. Und die Gestalter vom staatlichen Modeinstitut entwarfen zwar tolle, richtunggebende Kollektionen für die Textilindustrie, verfügten über tolle Materialien – aber die Industriedesigner, die die Vorgaben für die Produktion umsetzen sollten, schlichen mit hängenden Köpfen davon, weil sie nicht die Voraussetzungen dafür hatten.

Wie sehen Sie die heutige Mode?

Die Wertschätzung für Textilien ist durch Massenproduktion und -konsum verloren gegangen. Neulich sah ich in der Oper in Frankfurt am Main junge Leute in Sportkleidung! Ich konnte das nicht fassen. Wie stillos. Und es ist eine Unsitte, zu jeder Saison Neues zu kaufen und dann wegzuwerfen. Das geht so nicht weiter. Welche Kleider aus heutiger Mode sind denn noch museumsfähig?