Liebe Leserinnen und Leser, wie Sie sich vielleicht erinnern, habe ich eine neue Polen-Serie gestartet, die Ihnen die Möglichkeit bieten soll, Osteuropa und vor allem mein Heimatland Polen besser kennenzulernen. Die Resonanz auf die ersten beiden Texte über das Ostseebad Kolberg (Kolobrzeg) und Warschau waren derart umwerfend, dass ich weitermachen möchte. Im dritten Teil meiner Serie soll es um die polnische Hafenstadt Gdynia (Gdingen) gehen, eine Stadt am Meer, die sich in enger Nachbarschaft zu Gdansk (Danzig) befindet, gleich neben dem Ostseebad Sopot. Wie immer gilt: Wenn Sie Feedback haben oder ich Ihnen bei Ihrer Reiseplanung helfen kann, schreiben Sie mir einfach per E-Mail: tomasz.kurianowicz@berliner-zeitung.de.


Lesen Sie Teil 1 der Reihe: ein Wochenende in Kolberg (Kolobrzeg) an der Ostsee

Lesen Sie Teil 2 der Reihe: ein Wochenende in Warschau


Anna Matuszak
Der Strand in Gdynia

Warum sollte man nach Gdynia fahren?

Ähnlich wie im Falle von Warschau gibt es mit Blick auf Gdynia einen unschlagbaren Vorteil: Man kann nach Gdynia direkt von Berlin aus mit dem Zug fahren. Doch Vorsicht, dies habe ich beim Ticketbuchen nicht gewusst: Der tägliche Zug fährt nicht vom Berliner Hauptbahnhof ab, sondern vom Bahnhof Berlin-Gesundbrunnen. Um 12.35 Uhr geht es los, nach sechseinhalb Stunden landet man im Hauptbahnhof in Gdynia und kann direkt mit dem Koffer an den Strand beziehungsweise ins Hotel spazieren. Der Zug ist ähnlich wie bei der Verbindung nach Warschau mit einem polnischen Speisewagen ausgestattet. Das heißt: Sie können dort aus dem Fenster gucken, die Füße baumeln lassen, ein Bier trinken, polnische Pirogen oder ein Schnitzel (Schabowy) bestellen und sofort in den Urlaubsmodus schalten.

Sie werden sich jetzt sicherlich fragen: Warum sollte ich nach Gdynia fahren und nicht nach Gdansk (Danzig) oder Sopot, in die prunkvolleren, bekannteren Städte? Das kann ich Ihnen sagen: Gdansk ist für Anfänger, für Touristen, die es sich einfach machen wollen. Gdynia ist komplizierter, ein Ort, der sich erst in den 20er- und 30er-Jahren nach einem Industrie- und Hafen-Boom zu einer wirklichen Stadt entwickelte und der nicht die Bekanntheit hat wie das nur 20 Minuten entfernte Danzig. Kurz zur Orientierung: 1926 hatte Gdynia 12.000 Einwohner, nach dem Industrie-Boom 1938 waren es schon über 100.000 Menschen.

Ein besonderer Hingucker: der Hauptbahnhof von Gdynia

Dementsprechend ist die Architektur ganz anders als im altehrwürdigen Danzig: modernistischer, schlichter, zukunftsorientierter, konzipiert für die Massen. Man muss ein Interesse für Geschichte mitbringen, um sich für Gdynia zu begeistern. Doch es gibt ein paar Vorteile, die auch ohne historisches Interesse gelten. Zum Ersten: Selbst Danziger gestehen neidlos ein, dass Gdynia über eine konkurrenzfähige, wenn nicht gar die bessere  Gastro-Szene verfügt. Zum Zweiten: Gdynia hat einen wunderbaren Ostseestrand, der ganz schnell vom Zentrum aus zu erreichen ist. Samt Flaniermeile, samt Beach Bars, samt Restaurants mit Roof-Top! Das alles hat Danzig so nicht.

Aber der Reihe nach. Wenn Sie nach der langen Zugfahrt in Gdynia ankommen, sollten Sie sich erst einmal vom Bahnhof überraschen lassen. Denn der Hauptbahnhof in Gdynia wurde in den 50er-Jahren von Waclaw Tomaszewski entworfen und ist ein prunkvolles Beispiel moderner kommunistischer Architektur. Der Bahnhof vereint Elemente des schlichten Bauhausstils mit Formen des sozialistischen Realismus, als wäre ein Zuckerbäckerhaus im Stil der Berliner Karl-Marx-Allee mit Ideen von Le Corbusier gekreuzt worden. Besonders die Haupthalle bringt mich immer wieder zum Staunen. Außerdem kann man dort sozialistisch geprägte, abstrakt gehaltene Mosaike bewundern.

Wenn Sie nun weiter Richtung Zentrum laufen, finden Sie die ersten Hotels und Restaurants. Das 3-Sterne-Hotel Mercure Gdynia Centrum (Armii Krajowej 22) galt in kommunistischer Zeit als das beste der Stadt, heute ist der Hochhausklotz eher mittelklassig, aber dafür sehr günstig im Zentrum in der Nähe des Strands gelegen, gleich gegenüber dem Musiktheater (Teatr Muzyczny).

Falls Sie es lieber ruhiger und gemütlicher mögen, kann ich Ihnen entweder das Hotel Rozany Gaj empfehlen (es befindet sich in einer edlen Einfamilienhaussiedlung von Gdynia, ist aber besser mit dem Taxi zu erreichen, Jozefa Korzeniowskiego 19) oder aber die Willa Wincent (die Pension befindet sich in der gleichen Gegend wie das Hotel Rozany Gaj, Wincentego Pola 33). Die Willa Wincent wurde von einem jungen Unternehmer renoviert und im Stil der Moderne für ein junges, hippes Publikum gestaltet. Im unteren Teil des Gebäudes befindet sich eine fantastische Bar. Eine ideale Wahl für Menschen mit Geschmack.

Warum ich Gdynia liebe: die modernistische Architektur

Apropos Stil: Das ist der Grund, warum ich Gdynia liebe und immer wieder herkomme. Die Architektur ist umwerfend. Die schlichten, hell gestalteten Häuser sind Ergebnis eines historischen Experiments, das entstand, als die Stadt mit dem neuen Hafen und dem touristischen Schiffsverkehr rasant wuchs und Menschen aus ganz Europa anzog, die ihr Glück in Gdynia suchen und finden wollten. Das schnelle Wachstum erforderte neue Gebäude. Und da Menschen von der Küste ja tolerant und weltoffen sind, hat sich das auch in der Gestaltung der Architektur niedergeschlagen.

Przemek Kozlowski
Der Bankowiec in Gdynia

Junge, experimentelle Architekten kamen nach dem Ersten Weltkrieg in die Stadt und wollten ihre Utopien von modernem Wohnen umsetzen: schlichte Formen, zweckmäßige Räume, ein kluger Einsatz von Lichteinfällen. Wenn man durch Gdynia läuft, kann man nun diese Architektur der Moderne bewundern, die ein wenig an Tel Aviv erinnert (schauen Sie sich im Internet Bilder an und vergleichen Sie die beiden Städte!). Die runden Häuserbögen erinnern an maritime Kulissen und zitieren Elemente der Schiffsarchitektur – ebenso die Bullaugenfenster oder Terrassen und Balkone an den Häusern, die dem Besucher das Gefühl vermitteln, man wäre an Deck eines Schiffes.

Spazieren Sie durch Gdynia oder machen Sie einen Stadtrundgang. Die Stadtverwaltung hat einen „szlak modernizmu“ zusammengestellt, zu Deutsch: einen „Pfad der Moderne“, der die wichtigsten Bauten der Moderne auflistet (auf der Website modernizmgdyni.pl werden Führungen angeboten). Ein prunkvolles Beispiel für die moderne Architektur in Gdynia ist der sogenannte „Bankowiec“ in der Nähe des Bahnhofs, ein moderner Bau des Architekten Stanislaw Ziolowski, der zwischen 1935 und 1939 errichtet und von einer Bank bezogen wurde. Unten befindet sich ein herrliches Café, „Cyganeria, Kawiarnia“, das hip und doch artgerecht im Stile der dreißiger Jahre eingerichtet wurde. Der typische Schiffsstil und die Verarbeitung von edlem Material verraten, wie modern und zukunftsgewandt Gdynia sich aufstellen wollte. Das Haus ist ein typisches Beispiel für die Architektur der Moderne, die die Stadt geprägt hat. Großartig!

Przemek Kozlowski
Der Bankowiec in Gdynia

Auch ein Hingucker: die Wandmalereien in Gdynia

Lassen Sie die Häuser auf sich wirken und schauen Sie sich um (und auch mal nach oben!). Achten Sie auf die Wandmalereien, die in der ganzen Stadt verteilt sind und von dem lokalen Kunst- und Designkollektiv Traffic Design organisiert und kuratiert wurden. Eine Google-Maps-Karte zeigt die vom Kollektiv betreuten Objekte, auch jene, die sich in Gdynia befinden.

Gehen Sie auch unbedingt ins Stadtmuseum von Gdynia in der Nähe des Musiktheaters, wo die Geschichte der Stadt und insbesondere ihr rasantes Wachstum in den 20er- und 30er-Jahren wunderbar erklärt werden – wie auch die Idee hinter der modernistischen Architektur (Gdynia City Museum, Zawiszy Czarnego 1, 81-374 Gdynia, Polen, dienstags bis sonntags, etwa 10 bis 18 Uhr).

Ein absolutes Highlight: die Restaurants in Gdynia

Aber kommen wir jetzt zum Kern der Sache und zum Grund, warum man überall auf der Welt und auch in Gdynia Urlaub macht: Entspannung. Das geht in Gdynia ganz vorzüglich, weil es hier auf kleinem Raum sehr viele sehr gute Restaurants, Bars und Cafés gibt, in denen man nicht nur polnische, sondern auch internationale Speisen findet.

Natürlich könnte ich Ihnen unzählige Lokale nennen, die einen Besuch wert wären. Ich konzentriere mich auf die Highlights. Erst einmal: Besuchen Sie die Strandbars! Welche Stadt hat schon einen Strand, der in der Nähe des Stadtkerns liegt? Wenn Sie vom Zentrum aus zur Strandpromenade spazieren, werden Sie einen wunderschönen Blick auf die Ostsee und auf hellweißen Sand haben. Trinken Sie ein Craft-Bier bei Browar Port Gdynia (Bulwar Nadmorski im. Feliksa Nowowiejskiego 2).

Wer international essen möchte, dem sei ganz in der Nähe das Strandrestaurant F. Minga empfohlen, aus dem man einen fantastischen Blick aufs Meer hat. Wer ein Rooftop-Restaurant sucht, der wird bei Vinegre fündig (allerdings gibt es hier keine polnische, sondern internationale bzw. italienische Küche: Zawiszy Czarnego 1).

All das sind Lokale, die über einen Meerblick verfügen. Wer richtig gut essen möchte, der muss aber in Gdynia woanders hin. Erst einmal: Wo findet man polnische Küche in Gdynia? Für die Polen ist sie Alltag, daher sind in Gdynia (und auch anderswo in polnischen Großstädten) eher die hippen exotischen Küchen „in“. Ein sehr gutes polnisches Schnellrestaurant hingegen ist die Pyra bar Gdynia. Sie ist im kommunistischen Stil eingerichtet und bietet perfekte polnische Hausmannskost.

Das Restaurant spezialisiert sich auf Gerichte, die aus Kartoffeln gemacht sind, wie etwa die „Babka Ziemniaczana“ (Kartoffelkuchen). Es befindet sich in der Nähe des Strands (Skwer Kosciuszki 24). Laufen Sie nach dem Essen am besten die Hauptstraße und Flaniermeile Swietojanska entlang, schauen Sie sich die wunderbare modernistische Architektur an und testen Sie so viele Restaurants wie möglich! Wenn Sie genug gesehen und gegessen haben, gehen Sie ein Bier trinken in der alternativen Bar Fyrtel (Swietego Piotra 19). Die Kneipe befindet sich in einem puristisch gehaltenen Haus der Moderne, das so auch in Tel Aviv stehen könnte.

privat
Architekturpreiswürdig: die Unternehmer Oskar Kubicki und Krzysztof Czop

Wer hippe Restaurants mag, die an London und New York erinnern, wird in Gdynia ebenso fündig. Das ist unter anderem zwei jungen und engagierten Unternehmern zu verdanken: Die beiden Männer Oskar Kubicki und Krzysztof Czop haben vier Restaurants im Zentrum von Gdynia eröffnet, die allesamt internationale Küche auf höchstem Niveau bieten. Jedes der vier Lokale könnte sicherlich einen Innenarchitektur-Preis gewinnen.

Mit dem Restaurant Srodmiescie fing es an, wo es fantastische Burger gibt (Msciwoja 9). Dann kam das italienische Restaurant Serio hinzu (Pizza aus einem neapolitanischen Ofen, 3 Maja 21). Asiatische Küche gibt es bei HAOS in der Starowiejska Straße 14. Ganz neu und umwerfend gestaltet ist das mexikanische Restaurant Luis Mexicantina gleich nebenan.

PION Studio
Das mexikanische Restaurant Luis Mexicantina

Es ist so hell und modern eingerichtet, dass es manche Restaurants in Berlin in den Schatten stellen könnte. Probieren Sie dort unbedingt die Tacos und die Drinks! Die beiden Unternehmer haben mit ihren Restaurants einen magischen Großstadt-Flair nach Gdynia gebracht und legen in all ihren vier Lokalen Wert auf Authentizität und Geschmack. Ganz große Empfehlung!

Das war es für diesmal. Besuchen Sie Gdynia und schreiben Sie mir, wie es Ihnen dort gefallen hat.

Empfehlungen im Überblick

Anfahrt: Der polnische Zug nach Gdynia fährt täglich von Berlin-Gesundbrunnen ab und braucht 6,5 Stunden. Ein Sparpreisticket kostet für beide Fahrten etwa 60 Euro. Die Fahrt mit dem Auto dauert etwa 6 Stunden.

Übernachten: Das Hotel Rozany Gaj ist zu empfehlen (Jozefa Korzeniowskiego 19), allerdings ist es vom Bahnhof eher per Taxi zu erreichen. Das 3-Sterne-Hotel Hotel Mercure Gdynia Centrum (Armii Krajowej 22) liegt im Zentrum. Die Willa Wincent ist stylisch und ebenso zu empfehlen, Wincentego Pola 33. Wenn Sie in Danzig schlafen wollen, dann wählen Sie das Puro Hotel Gdansk, Stagiewna 26, Gdansk.

Essen: Polnisches Essen gibt es in der Pyra bar Gdynia. Sehr gutes Frühstück gibt es bei Flow Cafe Gdynia oder im Malika Restaurant mit Blick aufs Musiktheater (eigentlich gibt es hier marokkanische Küche). Ansonsten ist das Burger-Restaurant Srodmiescie zu empfehlen (Msciwoja 9), das italienische Restaurant Serio (Maja 21), die Asia-Fusion-Küche bei HAOS (Starowiejska 14) und das mexikanische Restaurant Luis Mexicantina (3 Maja 21). Gut trinken kann man in der Bar Fyrtel (Swietego Piotra 19).

Transparenzhinweis: Diese Polen-Serie wird vom Polnischen Fremdenverkehrsamt Berlin unterstützt.

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