LOUIS VUITTONs Modenschau H/W 2020 im Louvre: ein Runway aus Schlossdielen, dazu Minimal Music mit barockem Einschlag live von einem Chor, dessen Kleidung aus allen möglichen Modeepochen stammte. Merci für den Augenschmaus, Monsieur Arnault.
Foto: AFP/Anne-Christine Poujoulat

ParisWenn es nicht mehr nur um Kleider geht, sondern um gesellschaftliche Phänomene, dann wird Mode interessant. Designer haben in der Regel ein feines Gespür für die großen Fragen unserer Zeit. Dass bei den eben zu Ende gegangenen Pariser Herbst-Defilees ungewöhnlich viel Historisierendes zu sehen war, verdient also ein genaueres Hinschauen.

Starten wir mit Virginie Viards Chanel-Kollektion. Trotz aller Sorgen um die Verbreitung des Coronavirus war bei der Show eine eigentümliche Zuversicht und Unbekümmertheit zu spüren. Über einen verspiegelten Laufsteg, von dem Nebel wie über einem   zugefrorenen See emporstieg, kamen die Models in kleinen Gruppen gelaufen, zu zweit oder zu dritt. Sie lächelten und unterhielten sich wie Freundinnen, die gerade spazieren gehen. Eine Ode an die Frauenfreundschaft.

Renaissance-Spenzer mit federbesetzten Ärmeln, dazu Hotpants, bei CHANEL.
Foto: AP/Invision/Vianney Le Caer
Nochmals CHANEL – Kaia Gerber als gestiefelte Shakespeare-Schöne.
Foto: AP/Invision/Vianney Le Caer

Aber auch eine Reise in vergangene Zeiten. In weißen Rüschenshirts, dunklen Jodhpur-Hosen und schwarzen Reiterstiefeln mit braunem Umschlag hatten die Models etwas von Jane Austens Mr. Darcy oder „D’Artagnan und die drei Musketiere“. Die besten Zeiten der Männlichkeit, inkarniert von jungen Frauen. Die Stiefel kombinierte Viard zu ausnahmslos jedem Look, ob nun zum blassgrünen Tweedtailleur, scharfen Hotpants oder zum Taftkleid mit biedermeierlich gebauschten Handschuh-Ärmeln, das Topmodel Kaia Gerber vorführte. (Ideal für die frösteligen Temperaturen bei Charity-Dinners in Schlössern oder Museumshallen.)

In solchen Stiefeln fühlt man sich beschützt

Ein derart konsequentes Styling will jedenfalls etwas heißen, denn Kleidung ist schließlich nicht nur zum Instagrammen da. Sie gibt uns immer auch ein Gefühl. Das unterscheidet sich bei Stiefeln doch sehr von dem in hohen Stilettos, die uns zwar Allüre und mehr Höhe geben, aber auf denen wir wackelig stehen. In Lederstiefeln, die die Beine umschließen, fühlt man sich dagegen beschützt und sicher.

Was aber sagt uns eine Modenschau, bei der nicht nur eine Epoche, sondern gleich fünf Jahrhunderte Kleidung zu sehen sind? Wie ein lebendes Gemälde bildete ein 115 Personen starker Chor plus 85 Statisten den Hintergrund der Louis-Vuitton-Show im Louvre (geschichtsträchtiger geht es kaum), gekleidet in Gewänder von Renaissance bis in die 1950er-Jahre. Sie waren das Werk der mehrfach oscarprämierten Kostümbildnerin Milena Canonero, die nach Stanley Kubrick und Francis Ford Coppola nun mit Sofia Coppola („Marie Antoinette“) und Wes Anderson arbeitet.

Punk de luxe: Nicolas Ghesquières Petticoat-Kleider mit Rüschen aus PVC und Goldlamé in der Schau von LOUIS VUITTON.
Foto: AFP/Anne-Christine Poujoulat

„In der Mode ist der Begriff der Zeit fundamental“, erklärte Vuitton-Designer Nicolas Ghesquière in seinen Shownotizen. „Alle diese Vergangenheiten, verkörpert durch die Tribüne aus Personen in historischen Kostümen, befinden sich in derselben Gegenwart wie wir. Wir schauen alle gemeinsam auf eine Kollektion, die selbst von einem lebendigen, sich ständig erneuernden Clash der Stile erzählt.“

Ein Clash der Epochen war Ghesquières Kollektion allemal. Sportliche Parkas kombinierte er mit übertrieben wippenden Petticoat-Röcken, die an die Fifties erinnerten. Die 80er-Jahre waren in breiten, starken Schultern zu erkennen, die 70er-Jahre in Ledermänteln mit kontrastierendem Fellkragen. Daneben mischte der Vuitton-Designer üppig bestickte Stierkämpfer-Boleros zu coolen Bikerhosen und elegante Herrenwesten zu funktionalen Kampfpiloten-Overalls.

Unten Landsknecht-Lederstrümpfe, oben Paradekleid wie die Queen of Hearts: Model in ALEXANDER McQUEEN von Sarah Burton.
 Foto: AFP/Francois Guillot

So demonstrativ wie bei Louis Vuitton wurden die historischen Referenzen natürlich nicht in allen Shows nach außen getragen, doch auch andere Designer tauchten tief in die Geschichte ein. Sarah Burton etwa, die Kreativdirektorin von Alexander McQueen, fuhr für ihre Recherchen nach Wales, in das St. Fagans National Museum of History. Dort stieß sie auf eine fast 200 Jahre alte Steppdecke: Am „Wrexham Tailor’s Quilt“ soll der Schneider James William zwischen 1842 und 1852 jede Nacht gestichelt haben. Er wurde Ausgangspunkt für eine Kollektion, in der nicht nur Patchwork, Clan-Schärpen und Glasfenster-Vierpass ihren Auftritt hatten, sondern auch die großen Petticoats, die walisische Frauen einst unter den Röcken trugen.

Schößchen, Capes, bauschige Ärmel und züchtige Krägen: „The Handmaid’s Tale“ inspirierte so einiges

Selbst bei Balenciaga, sonst der Streetwear verpflichtet, wimmelte es vor Anspielungen auf Vergangenes. Designer Demna Gvasalia hatte diesmal die orthodoxe Kirche in seiner Heimat Georgien vor Augen, aber auch die spanisch-katholische Herkunft des Labelgründers Cristóbal Balenciaga. Beides verband er in seiner Kollektion mit düsteren Zukunftsvisionen. Seine Models liefen förmlich übers Wasser, während ein Video-Himmel mit wechselnden Wetterkrisen auf alle herabzustürzen schien. In langen schwarzen Roben marschierten sie, wie eine Armee aus Priestern, Forscherinnen und PreCogs. Bei all den Kutten, Capes und teils blutunterlaufen geschminkten Augen musste man unwillkürlich an die Inquisition denken – und an Margaret Atwoods „The Handmaid’s Tale“.

Präraffaelitisch: das Defilee von JW Andersons LOEWE-Kollektion für den Herbst.
Foto: AFP/Francois Guillot
Gesehen bei spanischen Malern wie Zurbarán: JW Andersons barocker Brustlatz mit gerafftem Rockteil bei LOEWE.
Foto: AFP/Francois Guillot

In anderen Kollektionen stand eher der schneiderische Rückgriff im Detail im Zentrum. Bei Loewe zum Beispiel: Erinnerte dieses Brokatkleid-Trio in Grün, Blau und Creme nicht an Barock und Rokoko, mit dem schwarzen Brustlatz samt gerafftem Rockansatz? Dazu die ausgestellten Schößchen, Puffärmel und aufwendig gewebten Seidenstoffe. Ins Geniale driften die Entwürfe von JW Anderson dann, wenn Historisches und Zeitgenössisches zusammenfinden. Wenn also der Schößchenpullover an Ärmel und Kragen mit mintgrünen Stiftpailletten verziert ist, oder die Pluderhose am Knöchel mit Satinbändern zusammengebunden wird.

Immer auf dem Grat zwischen schön und scheußlich

Gleiches gilt auch für Glenn Martens von Y/Project. Seine besten Entwürfe sind die, in denen er sich am weitesten aus dem Fenster lehnt – etwa wenn er einen roséfarbenen Brokatblazer als Body schneidert und einen Rock mit frontalem V-Ausschnitt darüber hängt, als schwebe der in der Luft. In Brügge aufgewachsen, einer Stadt die sich baulich seit dem Mittelalter kaum verändert hat, war Martens mit Geschichte täglich konfrontiert. In seinen Kollektionen setzt er sie nun trashigen Streetwear-Elementen gegenüber, als ein gewiefter Wanderer auf dem schmalen Grat zwischen schön und scheußlich.

Glenn Martens' Goldmarie: wie ein Body mit superweiten Beinen geschnittenes Lamékleid bei Y/PROJECT.
Foto: AFP/Francois Guillot

Bei Hedi Slimane wäre so etwas undenkbar, dabei schwelgen auch seine Celine-Kollektionen von Beginn an in Nostalgie. Bloß hat er sich dafür eine zeitlich relativ nahe Epoche ausgesucht, die er quasi eins zu eins ins Heute hebt. Vor einem Jahr präsentierte der Designer zum ersten Mal seine bourgeoise Rive-Gauche-Pariserin, die geradewegs aus den 1970ern eingeflogen schien. Seither zieht er diese Silhouette bei Celine konsequent durch: mädchenhafte Faltenröcke, elegant kombinierte Bermudas, Schluppenblusen und schwungvolle Capes, alles gepaart mit kleinen Lederhandtaschen und blockigen Absätzen.

Mal bedienen sich die Ladys bei den Boys, mal umgekehrt

Neu war diesmal nur, dass er Outfits für Frauen wie Männer zeigte, bei denen die Gender-Grenzen betont diffus verlaufen. Mal bedienen sich die Ladys bei den Boys, mal ist es umgekehrt. Schuhe mit Absatz, Rüschenhemd, Ohrringe oder ausgestellte Samthosen, bei Slimane kann sie tragen, wer möchte. Die Rockstar-Szene von Swinging London und die Fotomodelle von Seventies-Paris lassen grüßen.

Als Hedi Slimane von Saint Laurent zu CELINE wechselte, nahm er die Rive-Gauche-Frau der 1970er mit – samt Bolero, Schlapphut und Schnute.   
Foto: AP Photo/Francois Mori
Mehr Chabrol als Warhol: eines der subversiv dezenten (Knielänge!) Tageskleider, mit denen Slimane seine CELINE-Mademoiselle fit für den Aufsichtsrat in Papas Firma macht. 
Foto: AFP/Anne-Christine Poujoulat

Warum sich ausgerechnet jetzt so viele Designer mit Vergangenem befassen, lässt sich durchaus erklären. In unsicheren Epochen wie dieser kann man sich natürlich vage nach einer guten alten Zeit zurücksehnen, die es so nie gegeben hat. Oder, und dies scheint eher die Strategie der meisten Modedesigner zu sein, man versichert sich seiner eigenen kulturellen Wurzeln bzw. denen der europäischen Luxusmarke, für die man allsaisonal entwirft.

Und wir, die Kundinnen? Wir können die eigenen Wurzeln natürlich ebenfalls in Museen, Archiven, Bibliotheken oder Fotoalben finden. Zumindest im kommenden Herbst aber auch in der aktuellen Mode. Wir können sie entdecken, anprobieren, mit den bereits vorhandenen Teilen unserer Garderobe verbinden und so unsere eigene Modestory damit weiterspinnen.

Sartre hatte wohl unrecht: Das Spiel geht immer weiter.