Tatsächlich wirkt das Lächeln wie angeklebt. Das Lächeln auf makellosen Modelgesichtern; eine Modefotografie mit dem Titel „Marisa und Liane“, aufgenommen 1981 in Sellin. Die beiden Models tragen schlichte schwarze Bademode, die versetzt aufgestellten Strandkörbe im Hintergrund zergehen in einer M.-C.-Escher-artigen Unendlichkeit aus Holz und gestreiftem Textil – ein wirklich schönes Bild, erschienen in der DDR-Zeitschrift Sibylle.

„Aber als meine Mutter dieses Heft in die Hände bekam, hat sie gedacht, sie wird nicht mehr“, erzählt Frieda von Wild, die Tochter Sibylle Bergemanns. Ihre Mutter habe die Models bewusst mit grimmigem Gesichtsausdruck fotografiert – in der Druckerei seien die Mundwinkel dann nach oben retuschiert worden. „Die Frauen auf Modefotografien in der DDR sollten eben auch einen sozialistischen Optimismus ausstrahlen.“ Dass auch die Mode oft für Propaganda-Zwecke missbraucht wurde, lässt sich gerade anhand der Geschichte und Kulturgeschichte Deutschlands gut erzählen.

Schon im bürgerlichen Trauerspiel des 19. Jahrhunderts wurden Kleider und Kosmetik mit moralischen Werten belegt, im Zentrum des Genres stand stets die naive, aufrichtige Frauenfigur, völlig frei von jeder Eitelkeit.

„Die deutsche Frau schminkt sich nicht“, proklamierten später auch die Nationalsozialisten. Nachdem sie die kreative, jüdisch geprägte Szene Berlins zerstört hatten, schufen sie eigene Modeblätter mit eigenen Modebildern darin, die abgebildeten Kleidermodelle hießen „Gretel“ und „Liesel“, waren ausgestattet mit Ärmelchen und Blümchen, mit Anleihen aus dem Bereich der Trachten zudem.

Estate Sibylle Bergemann/Ostkreuz
Das Original: Ein Lächeln zeigt die Fotografie von 1981 bewusst nicht.

In der DDR wiederum sollten Modefotos eine Leichtigkeit suggerieren, die der Alltag im sozialistischen Staat nicht immer bereithielt. Oft suchte Sibylle Bergemann, die legendäre Ost-Berliner Fotografin, dies zu umgehen. Mit einem abgebildeten Gesichtsausdruck oder der Wahl des Hintergrundes übte sie subtile Kritik. Auf einem Berliner Modefoto aus dem Jahr 1984 etwa steigt schräg hinter dem Mannequin pechschwarzer Rauch bedrohlich aus einem schmalen Industrieschornstein. Und auf dem Foto der Strandkorb-Szene blickten Marisa und Liane düster ins Leere.

Bergemanns Straßenszenen wirken wie Street Styles aus der DDR

Sichtbar wird das nun in der Berlinischen Galerie, die der Künstlerin unter dem Titel „Stadt Land Hund – Fotografien 1966–2010“ eine Retrospektive widmet, die am Donnerstag (23. Juni) eröffnet wird. Hinter Glas liegt das Sibylle-Heft mit den angeklebten Grinsemündern, an einer Wand weiter hinten hängt die Originalfotografie mit den Originalgesichtsausdrücken.

Gezeigt werden rund 220 Fotografien Sibylle Bergemanns, das Gros entstammt dem Nachlass der Künstlerin, den ihre Tochter Frieda von Wild verwaltet. Die Schau will sich dem Œuvre der Fotografin annähern, zeigt somit das ganze Spektrum ihres Schaffens, vom Porträt bis zur Reportage. Aber: „Keine Ausstellung über Bergemann ohne ihre Modefotografie“, sagt Kuratorin Katia Reich – das Genre bildet einen Kern der Schau.

Estate Sibylle Bergemann/Ostkreuz
Könnte eine Celine-Kampagne sein: Die Straßenszene hat Sibylle Bergemann 1968 Unter den Linden fotografiert.

Sibylle Bergemann, 1941 in Berlin geboren, verstorben 2010 bei Gransee in Brandenburg, war eine der bedeutendsten Fotokünstlerinnen Deutschlands. 1990 war sie an der Gründung der renommierten Fotografie-Agentur Ostkreuz beteiligt, 15 Jahre später an der Gründung der entsprechenden Schule in Weißensee.

Schon in der DDR wurde sie durch ihre Modebilder und Alltagsfotografien berühmt – Ost-Berliner Straßenszenen, die anmuten wie frühe Street Styles aus dem Arbeiter- und Bauernstaat. Ein Bild aus dem Jahr 1968 zeigt eine Passantin und zwei Passanten, fotografiert Unter den Linden, die Herren in akkurat geschnittenen Anzugjacken dunkler Farben, die Dame im lässig aufgeknöpften Mantel mit länger geschnittenem Bubikragen, einer trägt eine Sonnenbrille.

Die Modefotografien der Künstlerin sind noch immer modern

Auch die inszenierten Modefotografien, die Bergemann selbst nach dem Retusche-Eklat im Auftrag für das Modeheft Sibylle anfertigte, wirken noch heute durchaus modern. Es ist nicht viel, was die Strandkorb-Szene oder das Schornstein-Bild von manchen aktuellen Bilderstrecken in Vogue oder Harper’s Bazaar trennt. Sie könnten auch dem Werk des niederländischen Fotografie-Duos Inez van Lamsweerde und Vinoodh Matadin entstammen, könnten stattfinden in Modekampagnen von Saint Laurent oder Celine.

Wie die zeitgenössischen Beispiele arbeitete auch Bergemann hauptsächlich in Schwarz-Weiß, was nicht nur ein Stilmittel, sondern auch ein Ausdruck des Mangels war: In der DDR waren Farbfilme nur schwer zu haben. Wie sich die Innovation, der Stil aus der Entbehrung ergibt, ist nicht nur durch Sibylle Bergemanns Fotos zu erleben. Überhaupt trieb die Modeszene gerade in Ost-Berlin mitunter besonders kreative Blüten. Wer nicht tragen wollte, was im sozialistischen Staat auch alle anderen hatten, schneiderte selbst – im privaten wie im künstlerischen Kontext.

Estate Sibylle Bergemann/Ostkreuz/Loock Galerie
Ein Selbstporträt: Sibylle Bergemann 1986 am Schiffbauerdamm 12.

Die Gruppe „chic, charmant & dauerhaft“ zum Beispiel, zu der Kostümbildnerin Sabine von Oettingen und Berghain-Türsteher Sven Marquardt zählten, agierte im modeaffinen Untergrund der Stadt, machte Kleiderentwürfe aus DDR-Verbrauchsmaterialien wie Folien oder Haushaltstextilien. Auch Frieda von Wild, Bergemanns Tochter, war schon damals als Strickkünstlerin aktiv – auf einigen Porträts ihrer Mutter ist sie mit dunkel umrandeten Augen und Punker-Haarschnitt zu sehen.

Der Rückzug ins Private hatte auch eine politische Dimension

Überhaupt: Die privateren Aufnahmen Sibylle Bergemanns. Auch sie bilden einen starken Teil der Ausstellung. Viele davon sind bei Bergemann und ihrem Mann Arno Fischer zu Hause entstanden. Die Wohnung des Fotografen-Paares am Schiffbauerdamm 12 war ein beliebter Treffpunkt für Künstlerinnen und Künstler der DDR, nach dem Mauerfall auch für internationale Stars wie Henri Cartier-Bresson, Barbara Klemm und Helmut Newton.

„Man trug vorwiegend Schwarz bei Fischer Bergemann, und man sah melancholisch aus“, wird die Berliner Journalistin Jutta Voigt in einem begleitenden Ausstellungstext zitiert. „Es gab mit Käse überbackene Hackepeterbrötchen und Lichtenberger Doppelkorn, den mit dem gelben Etikett.“

Was beinahe putzig nach betulichen Abenden unter Nachbarinnen und Freunden klingt, hat auch eine politische Dimension. Es seien viele Bilder aus der Wohnung Sibylle Bergemanns in die Ausstellung integriert, „weil der Rückzug ins Private in der DDR so wichtig war für das offene Gespräch“, so drückt es Kuratorin Katia Reich aus – „hier wurde gefeiert, getanzt und gelacht. Hier konnte frei über die Fotografie diskutiert werden“. So ist einer von mehreren Ausstellungsteilen – von denen ein weiterer auch Bergemanns spätere Arbeiten nach dem Mauerfall zeigt, Bilder aus einer Zeit, in der die Künstlerin ihre Fotos endlich in Farbe tauchen, produzieren konnte in New York und Paris – schlicht mit „Schiffbauerdamm 12“ überschrieben.

Estate Sibylle Bergemann/OSTKREUZ
Politisch wie privat: Das Bild von Bergemanns Tochter von 1982 erzählt viel vom Leben und Arbeiten in der DDR.

Unter diesen Teil der Schau ist auch jenes Motiv sortiert, das die Ausstellungsplakate der Berlinischen Galerie ergibt: Es zeigt Frieda von Wild, die Tochter, fotografiert im Jahr 1982. Das Porträt verdeutliche, dass Sibylle Bergemann in einer Gesellschaft gelebt und gearbeitet habe, in der viele Freiheitsrechte eingeschränkt waren, so Reich. Wie sie versucht habe, ihre künstlerische Autonomie zumindest jenseits des offiziellen DDR-Kunstbetriebes zu wahren und trotzdem unbehelligt an allen großen, von den Kulturfunktionären legitimierten Ausstellungen teilzunehmen. „Sie wollte über ihre Fotografie eine Sprache, einen Beitrag zur Gesellschaft leisten, der anders war“, so die Kuratorin. „Aber sie wollte gleichzeitig kein Veröffentlichungsverbot riskieren.“

Für Frieda von Wild ist die Fotografie auch mit privaten Erinnerungen verknüpft, die wiederum exemplarisch sind für den Umgang mit und den Zugang zur Mode in der DDR. „Es war gerade eines der wunderbaren Päckchen von Eva Windmöller aus New York angekommen mit ganz wunderbaren Sachen darin, unter anderem dieser Pullover und der Ohrring“, sagt sie. „Das ist eines der Fotos von mir, die ich am meisten liebe.“

Stadt Land Hund – Fotografien 1966–2010, Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124–128, 10969 Berlin. Bis 10. Oktober, Mittwoch bis Montag 10–18 Uhr. Tel.: +49 (030) 789 026 00, bg@berlinischegalerie.de, www.berlinischegalerie.de

Eine Besprechung der Schau in ihrer Gesamtheit, auch abseits von Bergemanns Modefotografie, folgt hier in den kommenden Tagen.