Berlin - Es ist nicht egal, wer am Entwurfstisch oder vor dem Tablet sitzt. Wer Silhouetten aufs Papier und Formen auf den Bildschirm bringt, sich überlegt, wie die Menschen aussehen sollen. Es ist nicht egal, wer Mode macht. „Designerinnen und Designer, die wenig erlebt haben, wenig Spannendes, Verrücktes, vielleicht auch Traumatisches“, sagt Mokhtar Benbouazza, „werden inhaltlich nie starke Künstlerinnen und Künstler werden.“

Benbouazza ist Vizepräsident für Marketing und Digitales beim Outdoor-Label Jack Wolfskin. Und er ist Teil des Komitees, das sich bis September dieses Jahres auf einen oder mehrere Gewinner des Wettbewerbs „Reference Incubator“ einigen wird, inszeniert von der Berliner PR-Agentur Reference Studios in Kooperation mit Slam Jam, einer bekannten italienischen Plattform für Mode und Musik.

Jack Wolfskin
Mokhtar Benbouazza ist Vizepräsident für Marketing und Digitales bei Jack Wolfskin

Nun gibt es viele Nachwuchs-Wettbewerbe im Bereich Mode. Die meisten konzentrieren sich auf die großen Modeschulen und richten sich an Menschen, die auf klassische Ausbildungswege vertrauen. Oder besser gesagt an diejenigen, denen diese nicht verschlossen sind. Genau hier will „Reference Incubator“ ansetzen. „Eigentlich ist die Branche so strukturiert, dass man etwas Bestimmtes studiert haben muss, am besten noch an einer bestimmten Uni, die eine Art Eintrittskarte ins Business garantiert“, sagt Benbouazza. „Bei der Auswahl geht es vielen Unternehmen zu selten um Talent und Leidenschaft.“

Die Folge: Weltweit haben es viele jungen Menschen schwer, in der Modeszene Fuß zu fassen, weil ihnen der Zugang zu renommierten internationalen Modeschulen verschlossen blieb – sei es, weil die Kosten für ein Studium außerhalb ihrer finanziellen Möglichkeiten liegen, weil private Netzwerke und familiäre Unterstützung fehlen, oder weil sie mancherorts diskriminierende Auswahlverfahren ihrer Chancen beraubt haben. So gehen der Branche zahllose Talente verloren.

„Reference Incubator“ richtet sich an Kreative, die zwar mindestens ein Jahr Erfahrungen im Modemachen gesammelt haben sollen – dafür spielt der Ausbildungsgrad keine Rolle. „Für Kreativität gibt es kein Einstiegsniveau, also ist das Programm vollkommen inklusiv“, wird Hans Ulrich Obrist, Künstlerischer Leiter der Londoner Serpentine Galleries und ebenfalls Teil des Komitees, in einer Vorankündigung zitiert. Oft sind es Menschen marginalisierter Gruppen, denen, wie oben beschrieben, der klassische Weg in die Mode verschlossen bleibt.

„Das ‚Incubator‘-Programm ist unsere Initiative zur Förderung von Talenten mit den Mitteln, die uns als Agentur zur Verfügung stehen“, meldet Mumi Haiati, Gründer der Reference Studios. „Da ich selbst Kind einer Migrantenfamilie bin, erlebe ich jeden Tag, welche Auswirkungen die Unterrepräsentation haben kann – und dass auch die Modebranche keine Ausnahme macht.“ Für den Wettbewerb hat Haiati ein internationales Komitee zusammengebracht, zu dem neben Hans Ulrich Obrist und Mokhtar Benbouazza auch der Designer Kenneth Ize, der Slam-Jam-Gründer Luca Benini und das Model Soo Joo Park gehören.

Am Ausdruck arbeiten

Das Bewerbungsformular – seit Anfang Juni abzurufen unter www.referencestudios.com/incubator - stellt einige wenige Fragen nach Hintergrund und Lebensweg der Bewerberinnen und Bewerber und bietet außerdem die Möglichkeit, Arbeitsproben im PDF-Format hochzuladen. Möglich ist das noch bis zum 31. Juli, ab dem 2. August werden Shortlists erstellt und ausgewählte Arbeiten auf Instagram präsentiert, auch das Publikum kann votieren. Und wer gewonnen hat, steht dann im September fest.

Denn vom 6. bis 12. September soll während der Berliner Fashion Week das nächste Reference Festival stattfinden. Schon im Mai 2019 wurde die erste Ausgabe dieser Veranstaltungsreihe als innovative Präsentationsplattform für Modemarken initiiert – damals mit Paneltalks, Performances und Installationen von Labels wie Comme des Garçons Parfums, Magazinen wie 032c und Händlern wie Dover Street Market. In diesem Jahr soll auch die Gewinner-Kollektion des Wettbewerbs gezeigt werden. Darüber hinaus winkt ein unterstützendes Programm durch Slam Jam, die Reference Studios wiederum bieten dem Nachwuchstalent PR- und Marketing-Beratung an.

„Ich hoffe sehr, dass gute Wege gefunden werden, sich in der Bewerbung auszudrücken“, sagt Mokhtar Benbouazza von Jack Wolfskin, sich selbst und seine Arbeit kommunizieren zu können, sei schließlich gar nicht leicht. Insofern solle sich auch niemand durch eine Absage einschüchtern lassen. „Lass dich nicht abbringen von deinem Weg, sondern arbeite lieber an deinem Ausdruck“, rät Benbouazza. „Denn vielleicht haben wir dich nur nicht richtig verstehen können – auch wir sind schließlich nicht die Messlatte.“