BerlinIm Gegensatz zu den Städten Paris und Mailand ist Berlin als Ort für Modeveranstaltungen nicht von Belang. Sämtliche Anstrengungen, für die Branche relevant zu werden, schlugen in den vergangenen Jahrzehnten fehl. Auch über die mühselig etablierte Berlin Fashion Week machte man sich so lange lustig, bis Premium-Chefin Anita Tillmann einen Deal mit Frankfurt am Main machte.

In den Zeiten einer weltweiten Pandemie, die alles lahmlegt und Großveranstaltungen unmöglich macht, ist das vielleicht egal. Doch Berlin ist ja nicht grundlos unwichtig: Weder steht die Stadt in der Tradition hoher Schneiderkunst noch ist sie für das besondere Stilgefühl ihrer Bewohner bekannt. Der einzige echte rote Faden sind schwarze Hoodies, Limited Edition Sneakers und Survival-Accessoires, sprich: die Trends aus der Clubszene.

Aber Moment mal ... Entwirft Demna Gvasalia nicht womöglich genau in diesem Moment die nächste Camouflage-Jacke für Balenciaga, oder denkt sich Virgil Abloh in dieser Sekunde einen Sweatshirt-Print für Louis Vuitton aus? Das ist doch genau der Look, für den Berlin steht: Überlebenskleidung für Club und Straße. Jetzt machen es alle, und wir sind nicht dabei?

Sind wir doch. Unsere Geheimwaffe heißt GmbH, das derzeit einzige Berliner Modelabel, das im offiziellen Kalender der Pariser Männerschauen vertreten ist. Serhat Isik und Benjamin Huseby sind die Männer dahinter. Zwei kluge Feingeister, die sich seit der GmbH-Gründung 2016 in kürzester Zeit mit viel Können und Mut im System der Mode hochgearbeitet haben, ohne dass wir das hierzulande überhaupt so richtig mitbekommen haben. Die beiden brauchen Berlin nicht als Bühne, wohl aber zum Leben.

Serhat Isik bei der Arbeit im Kreuzberger Studio, wo die Entwürfe zu Schnitten werden.
Foto: Laura Tran

Isik bringt das folgendermaßen auf den Punkt: „Ich finde sie unnötig, diese deutsche Obsession, Berlin in Sachen Mode endlich groß machen zu wollen. Berlin hat auf anderen Gebieten so viel zu geben. Und man denke zum Beispiel an die großen belgischen Designer wie Martin Margiela oder generell die Antwerp Six: Antwerpen wollte deswegen auch nicht gleich Paris werden oder eine Antwerp Fashion Week veranstalten. Die Stadt hat ihre Designer unterstützt und es Ihnen ermöglicht, von Antwerpen aus erfolgreich zu arbeiten.“

Recht hat er. Hinzu kommt die Kritik, in der das System der Mode schon länger steht. Bevor Corona alles lahmlegte, war das Stresslevel kaum noch zu ertragen, und zwar für alle Beteiligten. Nun verlieren die Mode-Pilgerorte seit Monaten an Relevanz und es herrscht allerorten Ratlosigkeit. Die verfliegt jedoch sofort, wenn man mit den beiden GmbH-Machern spricht: Dann werden die Auswirkungen einer Krise spürbar, die einen Paradigmenwechsel in der Mode herbeiführen könnte. Endlich frei, endlich wieder in Ruhe kreativ sein, endlich die Strukturen aufbrechen, das System sprengen und etwas Neues etablieren.

Das Studio der Modedesigner liegt am Mehringdamm in Kreuzberg. Auf einem der Firmenschilder, die neben der Toreinfahrt in die Wand geschraubt sind, steht: Ghembehha GmbH. Mit ihrem eigentlichen Namen kamen sie bei den deutschen Behörden nicht durch: GmbH GmbH, nein, das geht nicht. Aber egal, dann eben den Eintrag fürs Handelsregister in Lautschrift. Als Markenname ist das schlichte GmbH ja erlaubt.

Alles vorbereitet: Benjamin Huseby fotografiert die GmbH-Kampagnen selbst.
Foto: Laura Tran 

Über den dritten Hof des weiß geklinkerten Gewerbehauses erreicht man die Tür. Diese Art von Hintereingang passt irgendwie zu dem Label: Geheimtipp bei uns, aber weltweit gehypt. Die Kollektionen werden im Dover Street Market in London und Tokio verkauft, in den Galeries Lafayette in Paris und Peking, sowie auf High-End-Plattformen wie Net-a-Porter vertrieben. Der Voo Store in der Oranienstraße und The Store im Soho House an der Torstraße haben GmbH auch im Sortiment. Ganz so verschlafen ist Berlin dann doch nicht.

Im Studio von Isik und Huseby stapeln sich unzählige Kisten. Metallregale voller Ordner und Bücher wachsen an den Raumgrenzen empor, Kollektionsteile hängen an überall verteilten Rollkleiderständern. Skizzen und Stoffproben sind an die weißen Wände gepinnt. Gerade wurde die vierte Generation des GmbH-Asics-Sneakers gelauncht, sie war binnen Minuten weltweit ausverkauft (bis auf wenige Paare in Extremgrößen). Jetzt wird an der Herbst/Winter-Kollektion 2021 gearbeitet. Im Januar ist Deadline, denn im Frühjahr müssen die beiden in Paris präsentieren. Oder auch nicht, das weiß im Moment noch keiner. Es könnten auch wieder Filme werden, die dann im Internet laufen, wie bei der letzten Präsentation im Sommer.

Asymmetrisch koloriert und im Oktober 2020 lanciert: GmbH x Asics GEL-Quantum 360 6.
Foto: Asics 

„Wir sehen die neue Situation optimistisch“, sagt Benjamin Huseby. Er hat einen weiten Pullover aus der aktuellen Herbst/Winter-Kollektion an: komplizierter Intarsienstrick in Schwarz, Navy und Off-White mit gesticktem GmbH-Logo auf Brusthöhe. „Weil wir die Chance sehen, eine Industrie zu verändern, die so viele Dinge so lange falsch gemacht hat.“

Auch wenn Corona das System lahmgelegt hat, die Arbeit für die Designer verdreifachte sich. Webereien und Fabriken schlossen von einem Tag auf den anderen. Lieferungen kamen nicht an, persönliche Schicksale drückten die Stimmung, während die Herausforderungen einer noch nie da gewesenen Situation eine kräftezehrende Restrukturierung sämtlicher Prozesse forderte.

Trotzdem, so Huseby weiter: „Uns gibt diese Zeit sowohl das Gefühl, mehr Kontrolle zu haben, als auch die Fähigkeit, sich nicht so viele Gedanken machen zu müssen darüber, wie man dem System am besten entsprechen kann.“

Isik steht neben ihm. Er trägt ebenfalls ein Oberteil aus der aktuellen GmbH-Kollektion: einen schwarzen Hoodie mit anthrazitfarbenen Patches an Schultern und Arm, dazu auf dem Kopf ein Basecap von The North Face. Er fügt hinzu: „Durch die Krise wurde das System demokratischer, finde ich. Man fährt schnell fest in diesem System und denkt: So läuft das eben und es gibt keine Alternative, um erfolgreich zu sein.“

Isik bezieht sich damit auf den Irrsinn des zuletzt komplett freidrehenden Modesystems, die Algorithmen, die Gesetze, die Frequenz der Kollektionen, das Timing des Schedules. Große Player wie Gucci, Saint Laurent, Armani oder Marc Jacobs hatten bereits während der ersten Corona-Welle im Frühling ihren teilweisen Ausstieg angekündigt.

„Wir haben immer von Berlin aus gearbeitet, da agiert man so ein bisschen außerhalb des Systems“, so Isik weiter. „Das haben wir uns bewusst so ausgesucht, trotzdem sind wir in Paris vertreten, weil es immer noch das Zentrum der globalen Fashion Community ist. Aber die bisherige Etikette spielen gerade keine Rolle mehr.“

Huseby fügt hinzu: „Es gibt eine immense Bürokratie drumherum. In Frankreich ist die Modeindustrie ein sehr wichtiger Wirtschaftszweig, alles ist auf das Genaueste festgelegt, die Abläufe sind streng reglementiert.“ Und das kostet natürlich alles auch Geld, das von den Labels bezahlt werden muss – die Organisation, die Location, eben alles.

Inspiration stapelt sie sich im GbmH-Büro in Form von Fotografie- und Reisebänden. Die Schuhe mit dem Bergbau-Symbol gehen Anfang Dezember in den Verkauf.
Foto: Laura Tran

Gerade für erfolgreiche junge Modedesigner sind die Schauen vergleichbar mit dem Rummel, dem sich ein plötzlich berühmt gewordener Popstar gegenübersieht. Aber die Großen der Branche haben die bessere Lobby. Und die besseren Time-Slots. „Natürlich ist es toll, auf dem Kalender zu sein“, erklärt Serhat Izik dazu. „Zu Beginn hatten wir Zeitfenster, die weniger herausfordernd und gleichzeitig weniger attraktiv waren. Mit Wachstum und dem Vertrauen der Fédération bekamen wir dann die besseren Slots, gleich nach großen Häusern wie Dior.“ Da die Show aber immer so gezeigt werden muss, dass die Journalisten es per Shuttle zeitlich zur nächsten wichtigen Show schaffen, „muss man an Orten in der Stadt zeigen, deren Miete teuer ist. Also nicht zu weit außerhalb, was viel günstiger wäre. So einfach ist das alles dann leider nicht. Mit der Erfüllung des Traums ist auch Druck verbunden.“

Dazu sollte man wissen: Um die Aufnahme in den offiziellen Schauenkalender in Paris kämpfen viele Fashionlabels lange oder auch vergeblich. GmbH wurden sofort akzeptiert. Robin Meason, die PR-Frau der beiden, erzählt vom ersten Aufschlag Husebys und Isiks in Paris: „Sie hatten sofort eine Relevanz für die Presse. Und das ist sehr wichtig. Die Kollektion hatte eine enorme Wirkung auf das Publikum. Der Look cool und leicht, aber eine unglaubliche Perfektion im Schnitt. Die erfahreneren Journalisten sagten, sie hätten diese Art des Schneiderns zuletzt bei Alexander McQueen gesehen. Aber auch die persönliche Geschichte der beiden berührte, und so standen sie sofort für etwas.“

Diese Geschichte erzählt wiederum auch etwas über Berlin. Serhat Isik hat türkische Wurzeln, geboren wurde er in Deutschland. Benjamin Alexander Huseby kam in Norwegen zur Welt, als Kind einer norwegischen Mutter und eines pakistanischen Vaters. Eine typisch europäische Geschichte, die in der deutschen Hauptstadt mit GmbH weitergeht. Vier nüchterne Buchstaben, die nun schon seit vier Jahren die menschliche Silhouette feiern. In filigran ausgearbeiteten Schnitten legen sich die Kollektionsteile unprätentiös um die Körper, die Taille oft extrem hoch. Auf den Stoffen ranken sich florale oder hochpräzise geometrische Muster, in denen sich das von der Symbolik der Arbeiterklasse inspirierte GmbH-Logo wie eine geheime Formel versteckt. In diesen Entwürfen trifft hohe Schneiderkunst auf Berlinische Work- und Streetwear-Elemente. Gekonnt zusammengeführte Gegensätze.

Geschneiderte Neo-Neunziger: links die genderneutrale Vinyl-Hose, rechts die Kampf-Couture aus Recyling-Polyamid, beides aus der Frühjahrskollektion 2021. 
Foto: Benjamin Alexander Huseby 

Den Startpunkt einer GmbH-Kollektion setzt immer die Musik, erzählt Isik weiter. „Ich sehe eine Person, die sich zu Musik bewegt. Damit beginnt alles.“ Daraus entwickeln sich die Formen und Farben. Und dann kommen die Stoffe; neben Selbstentworfenem sind sie oft aus alten Lagerbeständen, sogenannter Deadstock-Ware. „Wir kaufen unsere Materialien so verantwortungsbewusst wie möglich ein.“ Und Huseby ergänzt: „Das hatte erst ganz pragmatische Gründe. Wir konnten es uns einfach nicht leisten, Stoffe eigens herstellen zu lassen. Aber auf die Dauer ist Deadstock ja total sinnvoll, denn es ist die umweltfreundlichste Art zu arbeiten.“ Und Isik weiter: „Als Corona einschlug, haben die Webereien geschlossen. Die letzte Kollektion haben wir deshalb nur aus Stoffen gemacht, die wir noch in unserem Lager hatten.“

Die beiden kommen nicht ins Reden, wenn es um die Schnitte und das Warum von Details geht, an denen sie gerade arbeiten. Aber man fragt ja auch keinen Maler, was er mit einem Farbfeld in seinem Bild meint. Das Motiv fließt einfach aus ihm heraus. Wenn es jedoch um ideologische Fragen geht, dann werden die GmbH-Designer sofort konkret. Irgendjemand muss ihnen mal gesagt haben, dass Mode nicht politisch sein kann: Denn es scheint beiden ein großes Anliegen zu sein, das zu widerlegen. Aus ihnen spricht dabei eine fast schon anrührende Leidenschaft.

Und es ist toll, wie Huseby und Isik zeigen, dass Kämpfen auch schön aussehen kann. Ihnen geht es dabei weniger um Botschaften auf T-Shirts. Vielmehr verstehen sie es als politisches Statement, mit ihren Einwandererwurzeln ganz oben mitspielen zu können. „Bei GmbH ging es schon immer darum, als Kinder von Immigranten den Raum einzunehmen, der uns sonst vorenthalten wurde“, sagt Isik. „Für uns gehen Mode und Politik Hand in Hand. Wir leben in einem Zeitalter, in dem nichts unpolitisch ist. Mode hat diese kraftvolle Eigenschaft, dass sie Entwicklungen schnell resoniert und ihre Botschaften erreichen die Menschen sofort. Das ist für uns eine große Antriebskraft. Wir sind hier, um zu widerlegen, dass Mode und Politik nicht zusammengehören.“

Präzision zählt für GmbH: Model Isha Naina in Veganleder-Bermudas aus der Frühling-2021-Kollektion „Rituals of Resistance“.  
Foto: Benjamin Alexander Huseby

Das demonstrieren sie auch mit dunkelhäutigen Models und Transgender-Testimonials, mit Soundtracks von arabischen Musikern und mit Filmen wie „Guest on Earth“. Aber, auch das geben sie zu bedenken: Es ist eine Sache, mit den Models auf dem Runway „Diversity“ zu demonstrieren; eine andere, in der eigenen Firma wirklich diverse Teams in zusammenzustellen. „In den letzten Monaten hatten alle Magazine schwarze Models und Aktivisten auf dem Cover“, sagt Huseby. „Auch die großen Brands buchten viele schwarze Models. Aber die Teams dahinter, die Redakteure, Kreativdirektoren, Agenten und Stylisten – die Leute, die Entscheidungen treffen, sind weiß.“ Diese Leute würden ihre Macht nicht abgeben wollen, so Huseby weiter. Die Leute. Das System.

„Corona hat uns diesbezüglich auch noch mal die Augen geöffnet. Sogar wir selbst müssten eigentlich noch viel mehr Leute einstellen, die Minderheiten angehören. Es ist ein strukturelles Problem. Wir haben Probleme, farbige Leute zu finden, die wir anstellen können“, erläutert Huseby, der lange als erfolgreicher Modefotograf gearbeitet hat. Und weiter: „In den meisten finanziell benachteiligten Immigrantenfamilien ist es den Kindern ja auch gar nicht erlaubt, in kreative Berufe zu gehen. Geschweige denn, eine entsprechende Bildung zu durchlaufen. Ich habe kürzlich in einer Statistik gelesen, dass 96 Prozent der Kreativindustrie in Großbritannien ihre familiären Wurzeln in der Mittelklasse und höher haben. Nur vier Prozent kommen aus der Arbeiterklasse. Und das trifft wahrscheinlich auf die ganze Welt zu.“

Isik fügt hinzu: „Leute wie wir an einer Position wie wir, sind eine Minderheit. Aber wir wollen keine Ausnahmen mehr sein. Und deswegen ist es ebenfalls unsere Aufgabe, sozial benachteiligt aufgewachsene Menschen zu ermutigen, sich bei uns zu bewerben und für sie als Mentoren zu fungieren.“

Huseby und Isik wollen nicht aus Berlin wegziehen. Hier haben sie sich getroffen, hier haben sie ihre Freunde, zu denen die Musikerin Honey Dijon oder der Modedesigner Stefano Pilati gehören. Und vielleicht ist Wegziehen auch gar nicht mehr nötig, denn die Dinge verändern sich. Corona hat das System der Mode unterwandert, und vielleicht kann diese Tatsache Berlin oder jede andere x-beliebige Stadt zum Ort des Geschehens in der Mode machen. Allerdings nur unter einer Voraussetzung: dass sie Protagonisten wie Benjamin Huseby und Serhat Isik hat.

Vom 28. November (11 Uhr) bis 2. Dezember (23 Uhr) 2020 findet auf der GmbH-Website ein Archive-Sale statt. Preise ab 50 Euro.