Nackt durch den Winter: Das ist ein Trend auf der Berlin Fashion Week

Eigentlich werden auf der Modewoche die Kollektionen für den nächsten Winter gezeigt. Trotzdem gibt es viele Bauchfrei-Looks und kurze Shorts. Was ist da los?

Bibber! Das sind die Entwürfe für den kommenden Winter des Labels Sia Arnika.
Bibber! Das sind die Entwürfe für den kommenden Winter des Labels Sia Arnika.Fashion Council Germany

Draußen, vor den Türen der Berliner Fashion Week, wird schon recht deutlich, in welcher Jahreszeit wir uns derzeit befinden: Die Temperaturen tänzeln um die 0-Grad-Marke herum, die Mantelkrägen werden hochgestellt, die Schals ein bisschen enger geschnürt, Strickmützen überall. Drinnen aber, auf den Laufstegen dieser Montag gestarteten Modewoche, ist man sich nicht mehr ganz so sicher, ob es so etwas wie Jahreszeiten überhaupt noch gibt.

Dicke Pufferjacken werden über dünnen Bauchfrei-Tops getragen, nach einem nackigen Netzkleid kommt der wärmende Wollmantel den Laufsteg herunter. Es gibt Miniröcke und Pullover, kurze Ärmel, lange Ärmel. „Sommer oder Winter, egal, Hauptsache Mode“ – das könnte eine Überschrift vieler Kollektionen sein, die seit Montag auf der Berlin Fashion Week gezeigt werden. Dabei sollen es doch die Entwürfe für den Herbst und Winter dieses Jahres sein, die nun der Öffentlichkeit präsentiert und ab September in den Verkauf gehen werden.

Jahresübergreifend gedacht

Und trotzdem: Auf der Show der Designerin Sia Arnika gab es am Montag neben aufgeplusterten Winterjacken und festen Lederhosen auch Netzkleider und transparente Oberteile zu sehen. Die Modenschau des neuen Nachhaltigkeitskollektivs Vorn, die Entwürfe verschiedener Marken zusammenbringt, war voll von sommerlichen wie winterlichen Ensembles; die Entwürfe der Marke Bobkova changierten zwischen Negligé und Wollkleid. Bei dem etablierten Label Odeeh gab es neben üppigen Strickteilen am Dienstag immerhin auch ein minimalistisch gestaltetes Bustier zu sehen; bei den jungen Avantgardisten von SF1OG ein paar Stunden später rasant kurze Shorts nebst großzügigen Mantelentwürfen.

Was sich hier zeigt, ist eine Entwicklung, die sich in der internationalen Mode schon länger abzeichnet: Die Loslösung von den klassischen Saisons nämlich, was nicht immer gleichbedeutend mit einer Absage an das Modesystem ist, das die Produktion und den Verkauf von mindestens zwei Kollektionen im Jahr vorsieht – eine für Frühjahr/Sommer, eine für Herbst/Winter. Eher sind es die Produkte an sich, ihre Funktionsweisen und gestalterischen Prinzipien, die nun jahresübergreifend gedacht werden.

Kurze Hosen in den Winterkollektionen, lange Mäntel in der Sommerlinie: Dahinter steckt auch die Erkenntnis, dass die Mode heute eine globale Kundschaft erreichen muss. Eine Klientel, die nicht nur in unterschiedlichen Teilen der Welt, in unterschiedlichen Klimazonen lebt, sondern die überdies viel reist – im Winter also ein Höschen für den Bali-Urlaub braucht und im Sommer ein leichtes Mäntelchen für die Reise in den hohen Norden. Und selbst wenn nicht jedes Label, das auf der Berlin Fashion Week seine Kollektionen vorstellt, auch international verkauft – das Prinzip einer jahresübergreifenden Mode hat sich überall etabliert.

Zudem – und das weiß man gerade in Berlin sehr gut – ist aufs Wetter doch ohnehin kein Verlass mehr. Klimawandelwarme Winter gibt es, grau-trübe Sommer, ein kühles Frühjahr, den milden Herbst. Auch dieser Entwicklung wird auf den Berliner Laufstegen Rechnung getragen. Und übrigens auch an ihren Rändern: In den ersten Reihen der Modewoche, die noch bis zum Samstag läuft, blitzten jedenfalls einige freie Bauchnabel durch – bis draußen, im winterkalten Berlin, der dicke Mantel darüber zusammengerafft wurde.