Los Angeles/ZürichWo stehen wir in 30 Jahren? Was werden wir als Menschheit richtig gemacht haben, was falsch? Womöglich stehen wir sogar vor dem Ende unseres Planeten, sinniert George Clooney im Apokalypse-Szenario seines neuen Films „The Midnight Sky“ (ab 23.12. bei Netflix). Gerade, als man dachte, der 59-Jährige Schauspieler, Regisseur und Produzent würde sich nur noch um sein privates Glück mit Frau und Zwillingen kümmern, meldet er sich eindrücklich zurück. Im persönlichen Zoom-Interview bewies Clooney, dass ihm weder Humor noch Haltung noch Hoffnung abhanden gekommen sind: Mit souveränem Augenzwinkern gewährte er uns durchaus private Eingeständnisse über Leben und Tod, das Wickeln seiner Zwillinge und den Wert des Menschlichen.

Berliner Zeitung: Herr Clooney, haben Sie selbst je die Erfahrung wie in Ihrem neuen Film gemacht, also zwischen Leben und Tod zu stehen?

George Clooney: Ja, sogar drei Mal. Ich hatte einen Motorradunfall in Italien, vor anderthalb Jahren. Mit über 100 Sachen bin ich mit einem Auto zusammen gestoßen, flog durch die Luft – und kurz vor dem Aufprall habe ich schon gedacht: Das war’s, jetzt ist es aus. Ich hatte dann einfach nur riesiges Glück in der Situation. Dann gab es auch mal einen sehr gefährlichen Moment im Süd-Sudan. Da wurde unser Auto von einer Gruppe Männer gestoppt, und uns wurden Waffen an den Kopf gehalten. Aber sie wollten uns nur ausrauben. Später war ich dann in den Nuba-Bergen im Sudan, als es dort einen Raketenangriff mit Missiles auf unser Dorf gab. Auch da dachte ich, es ist vorbei. Aber ich hatte wieder Glück und kam unbeschadet raus. Unfassbar.

Welche Konsequenzen hatten solche Momente im Angesicht des Todes für Sie? Haben Sie etwas daraus gelernt, also  danach etwas verändert in Ihrem Leben?

Aus dem Unfall habe ich „gelernt“, dass ich mich in Zukunft lieber nicht auf ein Motorrad setzen sollte. (lacht) Meine Frau hat es mir seitdem verboten. Sie meinte: „Es reicht!“ und ich habe ihr recht gegeben. Nach den Erfahrungen im Sudan ist mir natürlich noch einmal klar geworden, wie wertvoll das Leben ist. Weil es so zerbrechlich ist ... nur eine falsche Bewegung, und es ist vorbei.

Foto: Netflix/Philippe Antonello
Am Filmset: Regisseur Clooney mit Schauspielerin Tiffany Boone und (links) Produzent Grant Heslov.

Wie haben Sie den Unfall auf dem Motorrad überhaupt überstanden? Waren Sie richtig schwer verletzt?

Bei dem Motorradcrash landete ich zufällig auf meinen Händen und Knien. Bei jedem anderen Körperteil wäre ich vermutlich tot gewesen, ich hätte mir wahrscheinlich das Rückgrat gebrochen. Wir sind uns selten bewusst, was für eine große Rolle Glück in unserem Leben spielt. Das beginnt schon bei der Geburt: Der Zufall entscheidet, ob wir in ein Krisen- oder gar Kriegsgebiet wie Syrien hineingeboren werden oder nicht.

Sie zeigen in „Midnight Sky“ das Ende der Menschen auf Erden – aber ohne zu verraten, was genau mit unserem Globus passierte. Warum so mysteriös?

Wir wollten nicht zu spezifisch sein, sondern den Weltuntergang der Vorstellungskraft des Publikums überlassen – die Fantasie ist stärker als alles, was man im Film zeigen kann. Es bleibt daher jedem selbst überlassen, ob ein Loch in der Atmosphäre die Klimakatastrophe verursacht hat oder ob eine nukleare Krise der Auslöser gewesen sein könnte. Wir wollten nur eines klar machen: Bei all dem Hass und der Spaltung, die wir derzeit in der Welt sehen, vor allem 2020, müssen wir uns eingestehen, dass die Menschheit zerbrechlicher ist, als wir es je für möglich hielten.

Prägen Spaltung und Zorn derzeit nicht vor allem Ihre Heimat?

Die USA hatten definitiv einen Löwenanteil daran! Aber unsere gesamte Gesellschaft ist fragil, wir alle müssen aufpassen. Präsident Jimmy Carter sagte einmal, dass nicht nur Krieg, sondern auch Frieden mit großer Anstrengung erkämpft werden muss. Frieden erhält sich nicht von selbst. Es ist leider gar nicht so abwegig, dass wir in 30 Jahren am Abgrund stehen. „The Midnight Sky“ handelt davon, was Menschen sich selbst als Spezies antun können. Ich habe mich in das Buch verliebt, weil es eine so wichtige Frage stellt: die Frage, ob die Menschheit es wert ist, für sie zu kämpfen. Ich bin überzeugt, dass die Antwort ein klares „ja“ ist.

Sie inszenierten also eine fiktive Apokalypse. Bis dann durch Covid-19 ein reales Endzeitszenario Ihre Fiktion einholte?

Ja. Kaum waren wir fertig mit dem Dreh, ging die Pandemie los. Wir hatten noch Glück, wir wurden im Februar fertig. Ich flog nach Hause nach L.A., zusammen mit Grant Heslov, als jemand uns erklärte, dass nun bei der Postproduction besondere Sicherheitsmaßnahmen erforderlich wären. Wörtlich sagte der Typ noch: „Aber keine Sorge, Covid ist nur für alte Leute gefährlich!“ Und ich darauf: Na prima, dann gibt’s ja kein Problem. Woraufhin er entgegnete: „Na, alte Leute ab 55 Jahren aufwärts.“ Und ich dachte: „Waaaas? Dann bin ich also – alt??? Was für eine Frechheit!“ (lacht)

Dann haben die Pandemie und das seltsame Jahr 2020 Ihrem Projekt also eine neue Lesart gegeben.

Ja, dadurch ergab sich für uns eine übergeordnete Relevanz: die Erkenntnis, wie wichtig ein Zuhause ist und das Zusammensein mit den Menschen, die man liebt. Sich mit ihnen auszutauschen. Es reicht nicht, wenn man nur über Computerscreens miteinander kommuniziert. Das gilt ja auch für uns beide hier. Dieses Gespräch ist sicherlich das seltsamste Interview, das wir je hatten: Statt an einem Tisch zusammen zu sitzen, starren wir in Bildschirme hinein.

Foto: Netflix
Auch Astronautin Sully (Felicity Jones) hat überlebt: Sie ist zur Zeit der irdischen Katastrophe auf Jupiter-Mission.

Ein Magazin nannte Sie vor Jahren, als Sie noch Single waren, mal den „einsamsten Mann Hollywoods“? Hatte es mit dieser Annahme Recht, rückwirkend betrachtet?

Für mich war es nie ein Problem, allein zu sein, dazu kann ich mich viel zu gut beschäftigen. Ich lese gern in Ruhe oder nehme mir Zeit für etwas anderes. Natürlich möchte ich nicht lange allein sein. Aber ich habe mittlerweile Zwillinge, die drei Jahre alt sind. Bei uns zuhause gibt es nicht einen Moment Ruhe! Ich sehne mich gerade schon nach einem winzigen, bisschen Einsamkeit.

Was haben Sie über sich selbst gelernt, während Sie den Film drehten?

Der Film war eine der größten Herausforderungen für mich, als Schauspieler und auch als Regisseur. Auf Island mussten wir meine Schneeszenen bei minus 30 Grad drehen, dazu wehte ein fieser Wind von fast 120 km/h. Und ich war nicht sicher, ob mir der Doppeljob gelingt. Ich habe dabei gelernt, dass ich auf Hilfe von Freunden und Kollegen zählen kann, wenn ich sie brauche. Meine Frau war richtig froh, als der Dreh vorbei war. Ich hatte mir dafür ja den Schädel rasiert und trug einen David Letterman-Bart.

Irgendwelche neue Erfahrungen während des Lockdowns?

Na ja, wie viele andere habe ich in der Zeit hauptsächlich Wäsche gewaschen, den Boden feucht aufgewischt, Geschirr gespült und Windeln gewechselt – nicht meine Windeln, so alt bin ich noch nicht, sondern die Windeln meiner Kinder. (grinst) Während der Pandemie fühlte ich mich oft in die Zeit zurückversetzt, als ich noch allein in einem Apartment wohnte. Ich habe gelernt, dass ich mir vertrauen kann und noch gut klar komme. Ich bin immer noch ein passabler Handwerker, kann immer noch Lampen neu anschließen, das Waschbecken austauschen und Kleinigkeiten reparieren. Ich war froh zu merken, dass ein einfaches Leben bei mir immer noch richtig gut funktioniert.

Eine goldene Regel der Filmbranche lautet: „Drehe nie mit Kindern oder Tieren.“ Dieses Gesetz haben Sie schon einige Male gebrochen, so auch bei diesem Film. Was hat die Arbeit mit Kindern Sie gelehrt?

Na, eine Zeitlang habe ich mir gesagt, es ist besser, keine eigenen Kinder zu kriegen. Aber das habe ich ja nun auch gründlich in den Sand gesetzt! Nein, mal im Ernst: Das Spielen mit der achtjährigen Caiolinn hier war fantastisch. Die Kleine hatte noch nie zuvor einen Film gedreht, aber sie ist ein Naturtalent. Jedesmal war ihre Szene nach einem einzigen Take im Kasten, wie bei einem Profi! Ich habe die erwachsenen Kollegen damit gern getriezt und unter Druck gesetzt: „Heute brauchte Sie wieder nur einen einzigen Versuch!“ Die Kollegen, die derweil noch probten, während ich mit Caiolinn auf Island drehte, waren fassungslos. Wenn ich nur sagte: „Mach’ mal für mich dein trauriges Gesicht“, dann war’s gleich … perfekt!

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imago images/Cinema Publishers Collection
Ein Santa Claus der durchaus coolen Art: George Clooney als Dr. Augustine Lofthouse in „The Midnight Sky“.

Wie zufrieden war der Regisseur Clooney mit seinem Hauptdarsteller Clooney? Im Ernst: Wie bewahrt man sich in der Doppelfunktion vor Fehleinschätzungen?

Bei dieser Konstellation gab es nur einen einzigen Vorteil: Ich wusste als Schauspieler genau, was der Regisseur von mir erwartet! Für den Rest bekam ich glücklicherweise Hilfe von meinem Freund Grant Heslov. Wir kennen uns seit bald vierzig Jahren, seit der Schauspielschule. Er hat mir 1982 mal 100 Dollar geliehen, damit ich professionelle Porträtfotos von mir machen konnte.

Wir betreiben heute zusammen eine Produktionsfirma, für „Argo“ haben wir sogar gemeinsam den Oscar gewonnen. Als ich vor der Kamera stand, saß Grant immer neben dem Monitor und behielt alles im Blick. War ich schlecht, kam von ihm sofort: „Noch mal, du Schmock!“. Ich wusste, dass ich ihm vertrauen konnte. Wenn er zufrieden war, war ich es auch.

Macht es Ihnen keinen Spaß, mal „nur“ für einen normalen Schauspieljob vor der Kamera zu stehen?

Doch, und außerdem kann ich damit meine Rechnungen bezahlen. Ob Sie es glauben, oder nicht: Als Regisseur werde ich gar nicht gut bezahlt. Ich mache das, weil es mir viel bedeutet. Um Geld zu verdienen, muss ich weiterhin ab und zu als Schauspieler arbeiten.

Ihr Film startet am 23. Dezember. Abgesehen vom Schnee und einer Figur, die schwanger ist, ist das kein typischer Weihnachtsfilm. Warum haben Sie sich gerade dieses Datum ausgesucht?

Über Weihnachten sind viele Leute zuhause, also brauchen sie Unterhaltung. Und Netflix gibt ihnen genau diese Unterhaltung. That's it, wir haben uns gar nicht mehr dabei gedacht. Davon abgesehen finde ich aber schon, dass der Film zu Weihnachten passt: Die Menschheit wird am Ende gerettet und der alte Mann mit dem weißen Bart wird erlöst – wenn das mal nicht weihnachtlich ist! (lacht) Ernsthaft, wir sehen, wie die Menschheit um ihr Überleben kämpft, um ihr Zuhause, um die Verbindung zu ihrem Planeten. Unser Film bejaht ganz klar, dass die Menschheit es wert ist, für sie zu kämpfen. Am Ende dieses verrückten Jahres ist das doch eine wichtige Botschaft.