Nach Skandal-Show auf der Berlin Fashion Week: Jetzt reagiert Adidas

Ohnehin steckt die Sportmarke in der Krise, nun wurde ihr in einer Performance die Ausbeutung von Arbeitskräfte in Asien vorgeworfen. Adidas nimmt Stellung.

Die Aktivistengruppe The Yes Men hatte sich relativ glaubhaft als die Sportmarke Adidas ausgegeben. „Ich kann nicht atmen“ steht auf der Folie, die sich das Model um den Kopf gewickelt hat.
Die Aktivistengruppe The Yes Men hatte sich relativ glaubhaft als die Sportmarke Adidas ausgegeben. „Ich kann nicht atmen“ steht auf der Folie, die sich das Model um den Kopf gewickelt hat.Michael Wittig Berlin

Die Berliner Modewoche hatte am Montag - und das war ihr schon lange nicht mehr gelungen - mit einem Knall gestartet. Mit einer Fake-Show nämlich, einer Art gefälschter Pressekonferenz samt Modenschau. Die Aktivistengruppe The Yes Men hatte sich relativ glaubhaft als die Sportmarke Adidas ausgegeben - so glaubhaft jedenfalls, dass eine vorab im Namen von Adidas versendete und ebenso unechte Pressemitteilung mehrere Stunden unter anderem auf der Branchenplattform Fashion United online stand. Bis die ganze Sache aufflog.

Guerilla-Performance mit satirischen Zügen

In der Mitteilung stand, was dann auch am Montagnachmittag in der alternativen Mode-Location Platte durch einen angeblichen "Senior Creator“ des Labels verkündet werden sollte: Man wolle sich zu katastrophalen Arbeitsbedingungen in zuliefernden Textilfabriken Kambodschas bekennen, eine ehemalige Arbeiterin von dort zur Co-CEO ernennen, um mit ihrer Hilfe endlich eine faire Lieferkette auf die Beine zu stellen. Es folgte eine Modenschau, auf der - angeblich ebenso von Arbeiterinnen und Arbeitern aus dem asiatischen Billiglohnland - eine neue Kollektion an zerfetzten Adidas-Artikeln vorgestellt wurde. Zu diesem Zeitpunkt dämmerte es dann wohl auch den letzten im Publikum, dass es sich um eine kritische Guerilla-Performance mit satirischen Zügen handelte.

Die Aktivistengruppe um den Initiator Mike Bonanno wirft der Herzogenauracher Marke konkret vor, auf die Forderungen von acht Gewerkschaftern bei Tram Apparel in Kambodscha nicht eingegangen zu sein: Sie hätten gerechtere Löhne verlangt, wären stattdessen allerdings entlassen worden. Die NGO Kampagne für saubere Kleidung habe berechnet, so geben The Yes Men an, dass Adidas mehr als 5000 Beschäftigten einer Textilfabrik in Kambodscha gesetzlich vorgeschriebene Abfindungen in Höhe von insgesamt 3,6 Millionen US-Dollar schulde und zudem Arbeiterinnen und Arbeitern in acht weiteren Zulieferbetrieben des Landes insgesamt 11,7 Millionen Dollar an entgangenen Lohnzahlungen. So die Zahlen, die die Aktivistengruppe nach ihrer Berliner Performance vom Montag ihn Umlauf gebracht hat.

Die Sportmarke Adidas weist die Vorwürfe ihrerseits zurück. Auf Anfrage der Fachzeitschrift Horizont vom gestrigen Dienstagabend teilte das Label mit: „Adidas stellt seit mehr als 25 Jahren mit vielfältigen Maßnahmen faire und sichere Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten seiner Lieferkette sicher.“ Entsprechende Arbeitsplatzstandards seien für sämtliche Zulieferer verpflichtend, Entlohnungssysteme, Zusatzleistungen und Sozialprogramme würden im Sinne der Arbeiterinnen und Arbeiter kontinuierlich weiterentwickelt. Das Einkommen der Arbeiterinnen und Arbeiter in den Zulieferbetrieben liege regulär erheblich über dem gesetzlichen Mindestlohn des jeweiligen Landes.

Weiter heißt es von Adidas, man beschäftige weltweit rund 50 Expertinnen und Experten, die die Einhaltung dieser Standards kontinuierlich kontrollierten. Und: „Bei Verstößen gegen unsere Standards gibt es einen Sanktionsmechanismus bis hin zur Beendigung der Geschäftsbeziehung.“ So oder so dürfte das Label durch die Berliner Performance einen weiteren Imageschaden erleiden - und der kommt für Adidas und seinen vor drei Wochen erst neu ernannten Vorstandsvorsitzenden Bjørn Gulden zu einer herben Zeit.

Denn die Marke steckt ja ohnehin in einer Krise: Weil sie zu lange an einer äußerst lukrativen Zusammenarbeit mit dem Rapper Kanye West festgehalten hatte, der nach mehreren Ausfällten zuletzt auch antisemitische Äußerungen getätigt hatte. Und weil Adidas gerade vergangene Woche erst eine Klage gegen den New Yorker Designer Thom Browne verlor: Der Sportriese hatte Browne auf 7,8 Millionen Dollar Schadenersatz verklagt, weil dieser ein Streifen-Design entworfen habe, das jenen von Adidas zu ähnlich sei. Letztendlich endlich entschied die Jury eines New Yorkers Gericht aber zugunsten des Designers. An der Börse machen sich die unruhigen Zeiten der Herzogenauracher indes nur wenig bemerkbar: Die Aktie des Dax-Unternehmens hält sich laut Branchenzeitschriften stabil, kann aber keine überragenden Ergebnisse erzielen.