Fruchtige Vorspeise à la carte: Garnele mit Tomate und Melonenbällchen.
Foto: Manuel Krug

Berlin-Neukölln - Daniel Achilles ist ein, ich kann es nicht anders sagen, stilles Genie. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen in seiner Kategorie fühlt er sich nicht im Fernsehen, sondern am Herd am wohlsten. Zwei Michelinsterne hat er zuletzt in seinem Restaurant Reinstoff erkocht, das er vor knapp eineinhalb Jahren aufgab. Achilles ist Perfektionist, jemand, der nie stehen bleiben will, ein Überkoch mit ausgeprägtem Gespür für die besten Produkte und Aromaharmonien. 

Ich nehme an, dass Corona ihm die Pläne durchkreuzt hat, bald wieder einen eigenen Laden zu eröffnen. Weshalb er nun als freier Berater das kulinarische Konzept sowie die Abläufe im Eins44 weiterentwickelt. Für mich war er der eigentliche Grund, das Restaurant erneut zu besuchen.

Fine Dining bedeutete lange, dass Gäste ein Menü mit mindestens drei Gängen essen, damit die Küchenprofis ihre geschmacklich ausgetüftelten Abläufe angemessen präsentieren können. So war das früher auch im Eins44, doch der Betreiber und Achilles wollten offenbar weg vom diesem behäbigen Konzept; weshalb man ab sofort wöchentlich wechselnde Gerichte à la carte bestellen kann.

Zugegeben, das Eins44 und ich hatten einen schwierigen Start, ich wurde nie so richtig warm mit dem Restaurant. Was schade war, denn es liegt wunderschön – versteckt in einem gründerzeitlichen Neuköllner Hinterhof, ehemals eine Likör-Destillerie, deren industrieller Charme samt Originalfliesen nun als von Werkstattleuchten beschienene Restaurantkulisse mit Emporen-Etage dienen darf. Ein paar Monate nach der Eröffnung wollte ich damals spontan dort essen gehen. Es war 19 Uhr und der weite, kathedralenhohe Gastraum fast leer. Dennoch fand sich angeblich kein freier Tisch. Erst als ich zum ziemlich arrogant auftretenden Kellner sagte: „Schade, ich hätte so gern das gesamte Menü probiert“, gab es überraschend dann doch einen Platz.

Hier wurde früher Likör destilliert: der Emporenbereich des Restaurants Eins44.
Foto: Manuel Krug

Das ist Jahre her, und ich neige nicht dazu, nachtragend zu sein. Schon gar nicht in diesen Zeiten. Längst gibt es einen neuen Küchenchef, was mich hoffen ließ, denn von der französisch inspirierten Küche seines Vorgängers war ich nicht sehr angetan. Tim Tannenberg, der Neue, ist ein junges Kochtalent, das eher Wurzelgemüse als Luxusprodukte schätzt. Und wie gesagt: Seit ein paar Wochen steht ihm nun Daniel Achilles zur Seite. In der Politik würde man Achilles einen Elder Statesman nennen, in der Gastronomie heißt das neuerdings „Kreativpartner“.

Zum Dessert ein Crumble: raffinierte Combo aus Erdbeere, Yuzu-Frucht und Cheesecake.
Foto:  Manuel Krug

Jeweils drei Vor-, Zwischen- und Hauptgerichte stehen zur Wahl. Ich sehe es auf der Karte und freue mich, dass ich nicht über Stunden festgeklemmt am (durchaus schönen) Tisch sitzen muss. Da mein Appetit nicht übermäßig ist, nehme ich erst mal den Sommer-Borschtsch als Einstieg. Es ist ein sehr frei interpretierter Borschtsch – kein Eintopf oder Süppchen, eher ein Salat aus unterschiedlich lang gegarten und marinierten Beten, von rot über gelb bis weiß, mal weich und mal knackig, mal mit mehr Fruchtsüße, mal mit mehr Essigsäure und erdigen Noten. Das schmeckt erfrischend und ist hübsch anzusehen. Die dazu obligatorische Crème fraîche findet sich mit Betensaft aufgeschlagen am Grund der Schüssel und als gefrorenes Bruchstück aufgestellt.

Ich meine, schon hierin die Handschrift von Daniel Achilles zu erkennen. Im Reinstoff, seinem ehemaligen Restaurant in Mitte, blieb mir seine gefrorene Crème unvergesslich, die ein mit Liebstöckel gewürztes Ceviche und Fliedergelee verdeckte.

Polster auf Transportpaletten: Auch die Terrasse des Eins44 gibt sich nostalgisch industriell.
Foto: Manuel Krug

So ausgetüftelt ist es hier natürlich nicht, das Essen im Eins44 legt es nicht auf Sterneniveau an. Meine im Anschluss bestellte Morchelsauce erreicht trotzdem Bestnoten. Unfassbar, dass ein Pilz und kein Braten so ein intensiv-fleischiges Aroma hervorgebracht hat. Nur leider stimmt die Kombination nicht: In Salz gegarter Kohlrabi als Einlage passt zwar von den Aromen, ist jedoch geviertelt als Brocken schwer zu essen. Damit er die Sauce gut aufnimmt, hätte man aus dem Kohlrabi vielleicht Nudeln drechseln können. Interessant sind die Gnocchi, die ich mir als Hauptgang ausgesucht hatte. Auch sie sind durchaus ambitioniert zubereitet, mit Halmen von wildem grünem Spargel, sauer eingelegten Zwiebeln, einer Orangen-Soja-Sauce und Fenchelsamen. Das ist durchaus experimentell, aber mir persönlich ist damit deutlich zu viel los auf dem Teller.

Mein persönliches Fazit: Der Koch, sein Kreativpartner und ihr neues Konzept brauchen nun etwas Zeit, um wirklich zusammenzufinden. Aber es wird sicher keine Jahre mehr dauern, bis ich wieder im Eins44 sitze und genieße.

Preise: Vorspeisen 10 bis 12 Euro, Zwischengänge 13 bis 16 Euro, Hauptgänge 21 bis 26 Euro, Desserts 12 bis 15 Euro. Wein im Glas ab 6 Euro.

Eins44 Kantine Neukölln, Elbestraße 28/29, 12045 Berlin, +49 30 6298 1212. Geöffnet jeden Tag von 18 bis 23 Uhr.