Sogar der Teller passt farblich: Hummerbisque im Anouki.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Berlin-CharlottenburgNoch bevor Sie irgendetwas über das Anouki wissen, möchte ich Ihnen schon einmal versichern: Es ist eine Sensation. Und das in vielerlei Hinsicht. Nicht zuletzt, weil es die erste gastronomische Neueröffnung dieser Stadt ist. Wir haben es ja nun mit einer neuen Zeitrechnung zu tun: P. C., post bzw. nach Corona.

Vor Corona wäre eine Neueröffnung in Berlin, wo man zuletzt im quasi Wochentakt neue Restaurants, Wein- und Gastrobars aufsuchen konnte/sollte/musste, nicht zwingend eine Nachricht wert gewesen. Nach Corona ist dies jedoch das sehnsüchtig erwartete Signal, ein Hoffnungsschimmer und Testballon für die Gastroszene: Kann das klappen? Zumindest garantiert eine trotzige Eröffnung gerade jetzt, dass die Branchenmedien flugs darüber schreiben.

Auf dem Weg ins Anouki habe ich noch mit meinem Bekannten, der ebenfalls beruflich mit Restaurants zu tun hat, gewitzelt, wie viele der Kollegen wir wohl an diesem dritten Abend nach Eröffnung im Anouki sichten werden. Es waren zwei. Beide arbeiten für führende Gourmet-Guides. Beide sind wie ich entgegen unserer üblichen Herangehensweise also nur semi-inkognito im Gastraum: Als Gast muss man sich jetzt ja namentlich in eine Kontaktliste eintragen.

Alles scheint Neuland für die Gastronomie in diesen verrückten Zeiten, fürs Personal wie für die Gäste. So darf etwa die Bedienung die Jacken nicht abnehmen, dadurch soll Körperkontakt verhindert werden. Ob das aber auch bedeutet, dass man dem Gast beim Hinsetzen nicht den Stuhl zurechtrückt? Schwer zu sagen. Und wie serviert man einen Teller, ohne sich nahe zu kommen?

Ich finde ja, bisher meistern die allermeisten Restaurants diese Hindernisse fantastisch. So auch das Anouki, in dessen etwas zu grellbuntem, aber auch gute-Laune-machendem Gastraum ich mich sehr schnell sehr wohl fühlte. Ein feinperliger Crémant de Limoux als Aperitif tat das Übrige.

BLZ/Hecher

Klassische französische Brasserie meets Snackfood

Aber was ist das Anouki eigentlich? Ich könnte jetzt kurz antworten: eine französische Brasserie mit ziemlich klassischer Steak-Frites und Bouillabaisse. Doch das ist zu kurz gegriffen: Im Anouki kann man morgens Canapés, Omelette und Croissants zu verschiedensten Kaffeeröstungen frühstücken, mittags einfache Bistrokost und Snackfood wie Frites Marocaine (das sind Pommes mit Hummus) essen, nachmittags Petits Fours naschen und abends Klassiker auf einem hohem Niveau zu deutschen und französischen Weinen genießen.

Die Bar mit Cocktailtischen, die sich im linken Lokalteil befindet, wurde vor Covid-19 geplant. Ebenfalls aus Prä-Corona-Zeiten stammt die Idee, für Businessleute, die sich auf Zeit in die darüber liegenden Appartements einmieten, könnte das Anouki so etwas wie ein zweites Wohnzimmer sein: Das Wohnbauprojekt B.Loved, das samt Restaurant vom Vater-Tochter-Duo Marisa und Egbert Möller entwickelt wurde, steht weitgehend leer. Vor Corona war es zu 40 Prozent ausgelastet und die Zuversicht groß. Das Team um Sascha Lissowsky, der sechs Jahre lang Küchenchef im 3-Sterne-Restaurant La Vie in Osnabrück war, hatte alle Gerichte der Karte mehrmals probegekocht. Doch zwei Tage vor Eröffnung kam der Shutdown. Weshalb nun, nach zweimonatiger Kurzarbeit, alles erneut einzustudieren war.

Ich muss sagen, allein das Amuse-Gueule, eine im Miniatur-Bräter gebackene Brioche mit aufgeschlagener Haselnussbutter und Kakaonibs, gelang nahezu perfekt. Ebenso die saftige kleine Kalbsboulette mit einer süßlichen Dijon-Senfcreme, auch ein Gruß aus der Küche. Allerdings ließen erst die Hummer-Cannelloni, meine Vorspeise, das wahre Können des Küchenchefs erkennen. Der buttrige Teigmantel war so hinreißend fein gearbeitet wie die Füllung selbst: zerkleinerter Hummer zu einer fruchtig-vegetabilen Aromatik aus Paprika, Dill und Zuckerschotenpüree.

Getoppt wurde das Ganze noch von einer darüber gegossenen Bisque, so geschmacksintensiv, dass man sie am liebsten als Süppchen löffeln will. Auch über das Tartar kann ich handwerklich nichts Schlechtes sagen. Mein Bœuf Bourguignon, das klassischste aller französischen Schmorgerichte mit Champignons, essigsauren Perlzwiebeln und einem herrlich buttrigen Kartoffelbrei hätte vom Fleisch her zwar zarter sein können, aromatisch ist es aber kaum zu verbessern.

Ich wünsche dem Anouki allen Erfolg, den man haben kann. Und bedanke mich hiermit aufs Innigste für das Aufbruchssignal.

Anouki, Gerviniusstraße 43 , 10629 Berlin. Tel.: 030 – 31016500 

Vorspeisen kosten 12–19, die Hauptgerichte 15–37 und die Patisserie 3–13 Euro.