Hat sich Virgil Abloh beim „Project Geländewagen“ verzettelt oder hatte er schlicht keine Zeit, das Auto zu Ende zu denken?
Foto: Mercedes-Benz AG

StuttgartDie Woche stand bei Mercedes ganz im Zeichen der Enthüllung eines Konzeptfahrzeugs, das eigentlich keins ist – entwickelt von Chefdesigner Gorden Wagener und Louis-Vuitton-Kreativdirektor Virgil Abloh. Unter dem etwas sperrigen Namen „Project Geländewagen“ wurde mit viel Tamtam eine skelettierte G-Klasse im Abloh-Look präsentiert, die aussah wie ein Turnschuh. Von der Zukunft ist dabei die Rede und von etwas noch nie Dagewesenem. Okay. Unstrittig bleibt, dass beide Männer derzeit zu den wichtigsten Designern der Welt gehören: Wagener ist ein Mercedes-Urgestein und seit 2016 als Chefgestalter bei allen Modellen des Autoherstellers, von Pkw bis Bus, federführend. Abloh, einst Berater von Kanye West und Gründer des Modelabels Off-White, ist seit 2018 für die Männerlinie bei Louis Vuitton verantwortlich. Aber die G-Klasse so zu vermurksen – also meine Herren, bitte!

Was hatten Abloh und Wagener eigentlich im Sinn? Ihre Idee: Der ikonische Offroad-Wagen, der seit 1979 bei Mercedes vom Band läuft, sollte im Zuge einer Designstudie zum Rennfahrzeug werden. Gedacht, getan. Die beiden nahmen sich einen Mercedes-AMG G 63 vor und verspoilerten ihn rundherum, statteten ihn mit Rennreifen aus, entfernten Scheinwerfer und Blinker. Massive Eingriffe erlebte auch der Innenraum, der komplett ausgeweidet wurde: Verkleidung, Himmel und Rückbank wurden entfernt, stattdessen Schalensitze und Sportlenkrad eingebaut.

Sämtliche Bedienelemente sind analog gestaltet. Das heißt, Touchpanels und flache Tastschalter wurden durch Schlaufengriffe und Kippschalter ersetzt – in Anlehnung an die Cockpits im Rennsport oder auch in Flugzeugen, was das Ertasten bei Erschütterung möglich macht. Sämtliche Fenster, bis auf die Frontscheibe, sind mit Netzen statt Glas bestückt. Das ist ebenfalls dem Rennsport entlehnt, wo Glas aus Sicherheitsgründen manchmal weggelassen wird. Die grauweiße Lackierung, in die der Wagen samt Kühlergrill mit Mercedes-Stern getaucht wurde, ist stellenweise im „Used Look“ aufgebrochen. Weitere benutzte Farben: Rot, Hellblau und sonniges Gelb.

Papamobil ist er bereits: Nach Virgil Ablohs Color-Kur ist der Mercedes G jetzt auch Playmobil. 
Foto: Mercedes-Benz AG

Was Abloh und Wagener beibehalten haben, ist die eckige Karosserie des G. Damit ist das klobige Vehikel jedoch seit jeher die Antithese zur windschnittigen Kontur eines klassischen Rennwagens. Auch wenn der Gedanke der Reduktion radikal und disruptiv umgesetzt wurde, so wirkt der Wagen ästhetisch einfach nicht stimmig. Vor allem das hohe Dach und der nur wenige Zentimeter über dem Boden schwebende Spoiler machen ihn optisch behäbig. Möglicherweise hätte man hier einfach noch ein bisschen weitermachen müssen.

Keine Zeit, keine Lust, keine Ahnung? Und wo ist eigentlich Bruno Sacco, wenn man ihn braucht? Sein C 111 ist ein Musterbeispiel an Eleganz, gleichzeitig sah man in ihm schon 1969 die Zukunft heranrauschen. Aber das war ja auch ein richtiges „Concept Car“. Zugegebenermaßen will das „Project Geländewagen“ das gar nicht sein, denn es gibt kein eigenes Konzept für den Antrieb. Vielleicht bezeichnend.

Rudimentäre Ausstattung im Shabby-Chic statt Nappaleder und Edelhölzer, wie sie in der Manufakturlinie des G zu haben sind. 
Foto: Mercedes-Benz AG

Der Anblick ist jedenfalls ernüchternd, nach derart lautem Ankündigungsgetrommel. Ablohs und Wageners Werk wirkt unvollendet, weil es eine formale These und deren Antithese aufeinandertreffen lässt, ohne daraus eine neue (Syn-)These entstehen zu lassen. Die Summe zweier Autotypen, deren angespitzte Funktionalität in der Stadt rein dekorativen Zwecken dient, ergibt eben nicht zwangsläufig eine tragfähige mobile Vision. Und wenn das wirklich eine Skizze der Zukunft bei Mercedes ist, dann sind das leider keine schönen Aussichten.

Ein Prototyp (Maßstab 1:3) wird im Oktober 2020 online bei Sotheby’s versteigert.