Ideal für Videokonferenzen: Ringe wie diese von Mailaika Raiss signalisieren der Kollegenrunde, dass man die Stellung hält – modisch und überhaupt.
Foto: Courtesy MailaikaRaiss

BerlinSeit zehn Jahren arbeite ich im Homeoffice. Ich erwähne das nicht, um Sie zu beunruhigen. Vermutlich kamen Ihnen schon die letzten zwei Wochen wie eine Ewigkeit vor – mit der Progression von anfänglicher Euphorie darüber, zu Hause bleiben zu können, hin zur Erkenntnis, dass man dennoch irgendwie arbeiten muss, über die Verunsicherung, wie das alles nur weitergehen soll, bis zur aktuellen Erschöpfung allein davon, alle Tipps umzusetzen, die derzeit zum Heimbüro zu lesen sind. Einen festen Arbeitsplatz einrichten, Routinen für Kaffee und Mahlzeiten etablieren, normale Arbeitszeiten einhalten und so fort.

Falls Ihnen genau das bisher nicht gelungen ist: Ich kann Sie beruhigen. Auch ich scheitere seit zehn Jahren immer wieder daran. Es ist jetzt 23.36 Uhr, ich liege beim Schreiben auf dem Sofa und habe gerade die zweite Schüssel Schokomüsli in 20 Minuten gegessen. Ich würde gern behaupten, das sei die Ausnahme und komme vor, weil alles gerade eine Ausnahmesituation ist, mein Mann und ich tagsüber die Kinderbetreuung im Wechsel machen und daher oft Nachtschichten schieben müssen.

Tatsächlich ist es immer eine Herausforderung, es sich zu Hause so einzurichten, dass man konzentriert arbeiten kann – statt „nur mal schnell“ die Waschmaschine anzuwerfen oder 15 Minuten lang in den offenen Kühlschrank zu starren, in der Hoffnung, der nächste geniale Satz für den Text liege irgendwo im Gemüsefach. Gewiss, es hilft, Strukturen zu schaffen. Auch duschen ist förderlich. Was mir jedoch am meisten nützt: mich so anzuziehen, als ginge ich ins Büro. Die passende Kleidung nimmt einem die fordernden Telefonate und 143 neuen E-Mails nicht ab. Aber sie wirkt sinnstiftend, gibt innerlichen Halt und hilft dabei, die Contenance zu wahren.

Fleckiges Sweatshirt? Kein guter Look für die Konferenzschalte 

Bezeichnenderweise sind es Schriftsteller, eine nolens volens einsam tätige Berufsgruppe, bei denen man nun Vorbild und Anleitung findet. Ernest Hemingway in Shorts oder im Leinen-Zweiteiler, Donna Tartt in akkuraten Hemdblusen, Virginia Woolf in langer Strickjacke über dem federleichten, gemusterten Kleid – sie alle legten sich eine individuelle Uniform zu. Denn wenn man nicht über die Kleidung nachdenken muss, ist der Kopf frei für wirklich Wichtiges. Was nicht heißt, dass man jetzt im Sweatshirt mit Eisflecken am Bund in die Konferenzschalte kommen sollte. Während man noch zwischen Zoom, Teams und Skype herumtippt, um sich richtig einzuwählen, sehen einen die Kollegen längst auf ihren Bildschirmen. Eisflecken sind da kein guter Look.

Im Folgenden finden Sie darum lauter Teile, die praktisch und bequem sind, aber auch die Freude daran wecken, sich jeden Morgen fürs Heimbüro anzuziehen. Also keine Klischees à la Tracksuit oder sackiges Strickkleid. Was für ein richtig gutes Shoppinggefühl sorgen sollte: Alle Modeteile und Accessoires stammen von kleinen Labels und unabhängigen Modedesignern aus der Nähe, die meisten aus Berlin, die gerade in Zeiten geschlossener Läden unsere volle Unterstützung brauchen.

Bestellt werden kann im Netz oder per Telefon, geliefert wird prompt. In manchen Fällen ist innerhalb Berlins auch Direktlieferung möglich. Könnte es sein, dass es erst eine handfeste Kaufkrise brauchte, um der Berliner Fashion-Scene die nur teils charmante Wurstigkeit in Sachen Service auszutreiben? Wie auch immer, hier wären wir dann bei einem tatsächlichen Vorteil des Homeoffice: Keiner muss je erfahren, dass Sie während der Arbeitszeiten einkaufen waren.

Partisanen-Anzug von Nobi Talai

Chic an der Homefront: Look 1 der Kollektion Spring/Summer 2020 der aus Teheran gebürtigen Berlinerin Nobi Talai. Jacke (man beachte den comfy Bindeverschluss) 789 Euro, Hose 390 Euro.
Foto: Nobi Talai

Der urbane Safarianzug von Nobi Talai hat alles, was es jetzt braucht. 1. Er lässt an ferne Abenteuer denken, während man im Heimbüro in Mitte feststeckt. 2. Die dezente Armee-Anspielung suggeriert Hemdsärmeligkeit und zupackenden Elan – ein modischer Trick, an dem sich in Krisenzeiten auch Staatspräsidenten und andere Würdenträger bedienen. 3. Der Khaki-Farbton passt ideal zum roten Lippenstift, den man vor wichtigen Telefonaten schon deshalb auflegt, um den eigenen Kampfgeist zu wecken. Zu bestellen über +49-30-4036-70810 oder per Mail an info@nobitalai.com

Retro-Scrunchie von James

Ich war ein Hermès-Carré: James-Scrunchie für 130 Euro. 
Foto: James Castle

Und? Sind Sie auch kurz davor, sich selber einen Pony zu schneiden? Solche, bei aller Verzweiflung über die geschlossenen Friseursalons nicht zu empfehlende Wagnisse bleiben Ihnen erspart, wenn Sie ungestutzte Mähne per Scrunchie in Form bringen. Die gerafften Haarbänder des Berliners James Castle (full disclosure: der Mann der Autorin, der nach Designassistenz bei Alexander McQueen 2010 sein eigenes Label gründete) werden aus Vintage-Tüchern von Hermès, Gucci, Chanel oder Yves Saint Laurent genäht. Zufällig hingezwirbelte Dutts verwandeln sie in eine absichtlich wirkende Frisur. Seide ist zudem sehr viel sanfter zum Haar als die Bastelschere. shop.jamescastle.de

Schriftstellerinnen-Strick von Wolfen

Nichts zuviel, nichts zuwenig: V-Pulli „Elaine“ aus bester Merinowolle von Wolfen, 155 Euro.
Foto: Zoe Beausire/WolfenGermany

Ein Look wie auf den kultigen Fotos von Joan Didion, die den leichten Pullover (gern mit locker geknotetem Halstuch) als ihre Signatur etablierte. Modische Mühelosigkeit ist allerdings nicht so leicht, wie es die US-Schriftstellerin stets wirken ließ. Wird aber leichter, wenn Material (idealerweise Merinowolle) und Schnitt (gerader Fall und bloß keine Gags am Ausschnitt) stimmen. Die Pullover, Cardigans und Strick-Ts  von Wolfen werden alle in Deutschland gestrickt, aktuell gibt es im Onlineshop 20 Prozent Rabatt auf das gesamte Sortiment. Übrigens: Der Name des Labels hat nichts mit Wölfen zu tun. Die Gründerin benannte ihre Marke nach ihrem Geburtsort in Sachsen-Anhalt, nahe Bitterfeld. wolfengermany.com

Seidensticker x Murkudis: Kapselgarderobe aus Hemden

Damit ist man für warme Tage am Schreibtisch gerüstet: die lange Variante der Hemden gibt es aus Baumwolle, leichter Wolle oder Seide. Natürlich auch in Weiß. Ab 270 Euro.
Foto: Seidensticker x Murkudis

Die aktuelle Krise ist eine, nun ja, interessante Zeit für Partnerschaften. Über eines sollte man sich aber nicht streiten: Wem das letzte saubere Hemd gehört. Kostas Murkudis, Modedesigner und Bruder von Retail-Guru Andreas Murkudis, hat für Seidensticker eine Mini-Kollektion entworfen, von der beide etwas haben, die Dame und der Herr. Sprich, sie ist unisex. Die Hemden gibt es in drei Basicfarben und in drei Längen, vom Normalshirt über die mittellange Hemdjacke bis zum Kleid, sie sind aus feinsten Stoffen und tragen ein gewisses Extra: Die Lasche, die Murkudis an die Front geknöpft hat, erfüllt keinen weiteren Zweck, als da zu sein. Schöne Sinnlosigkeit für besinnungslose Zeiten. Mehr Info gibt es nach einer Mail an floor@andreasmurkudis.com oder auf Instagram @andreasmurkudis

Gartenkleid von Horror Vacui

Bereit für die digital Renaissance: Model Laura Henze im Kleid „Laura“ aus feinster Baumwolle, Horror Vacui, 795 Euro
Foto: Phil Blandow/Courtesy Horror Vacui

Hätten Sie gedacht, dass die Vorlage für dieses Kleid ein Nachthemd war? Dann wird es Ihr Gegenüber bei der Konferenzschaltung auch nie erraten, sondern eher (so es die kunsthistorische Bildung hergibt) an Arts & Crafts und Präraffaeliten denken. Für ihre berückenden Entwürfe mit den charakteristischen Muschelsäumen, die von Schlafgewändern aus dem 15. und 16. Jahrhundert inspiriert sind, verwendet Designerin Anna Heinrichs ausschließlich Liberty-Prints aus ägyptischer Baumwolle. Der Stoff fällt glatt wie Seide, bleibt dabei aber angenehm knitterarm. Fun Fact beim Tragen im Homeoffice: Horror Vacui ist Latein und bedeutet „Angst vor der Leere“. Aber das nur nebenbei. horror-vacui.com

Ringe von Malaika Raiss

Solange Modeschmuck so aussieht, ist er okay. Die Preise sind es ohnehin: ab 89 Euro. 
Foto: Courtesy Mailaika Raiss

Wenn man schon den ganzen Tag beim Tippen die eigenen Finger im Blickfeld hat, darf der Anblick wenigstens ein schöner sein. Die Ringe der Berliner Designerin Malaika Raiss – mit Siegel, Perle oder in abstrakten Formen – sind aus vergoldetem Messing und also durchaus erschwinglich. Am besten großzügig über beide Hände verteilen und den Neideffekt beim nächsten Zoom-Meeting genießen. Im Stillen, versteht sich. malaikaraiss.com oder styleserver.com

Berlin-Pullover von Manheimer

Stinknormal, wenn da nicht diese Farbe wäre? Also perfekt. Und bloß nichts darunterziehen. Kaschmirpulli von Manheimer, für 300 Euro. 
Foto: Manheimer

Erster Gedanke, nachdem die tägliche Anzugpflicht aufgehoben war: Endlich. Zweiter Gedanke: Und jetzt? Können Sie entweder das übliche hellblaue Hemd anziehen. Oder sich mit einem pinkrosa Melee-Pullover aus fein gestricktem Kaschmir selbst überraschen. Dieser hier ist so leicht, dass Sie ihn unter dem Sakko tragen können, wenn wieder Anzug angesagt ist. Den finden Sie dann ebenfalls bei Manheimer, einer Berliner Traditionsmarke, die erst im Vorjahr wiederbelebt wurde und die Coolness der 1920er-Jahre mit der von heute verknüpft. manheimerberlin.com

Shirt-Dress von Odeeh

Superbequem, dabei proper: Odeehs Streifenkleid„ Amaranth“ aus Bio-Baumwolle kommt mit Kordelgürtel, um 599 Euro.
Foto: Odeeh

Die gute Regel, dass man nie länger als exakt 20 Minuten ein Nickerchen machen sollte, ist hinfällig, wenn man die Matratze quasi den ganzen Tag mit sich herumträgt. Wobei: Der Print mag ans Bett erinnern, doch Otto Drögsler und Jörg Ehrlich von Odeeh haben nicht nur ein Gespür für Muster, sondern sind Schnittexperten. Ihre Kleider sitzen nie zu knapp, die Details beweisen modische Aufgewecktheit. shop.odeeh.com oder telefonisch bei Ines Wyst vom Berliner Odeeh-Store unter +49-172-414-2688