Ob hier oder in Mendoza: Freunde und Familie sind entscheidend fürs Bleiben

Unsere Kolumnistin ist bei ihrer Weltreise in Argentinien in Mendoza angekommen. Und erzählt die unglaubliche Geschichte, wie sie ihren Mann kennenlernte.

Bergwanderin in der Provinz Mendoza in Argentinien
Bergwanderin in der Provinz Mendoza in Argentinienimago/UIG

Vor sieben Jahren flog ich für eine Konferenz nach Puerto Rico und landete auf einer Hochzeit, auf der ich niemanden kannte. Einer der Hochzeitsgäste hatte meine Freundin eingeladen, als beide sich ein Taxi teilten. Ich hatte wenig Lust, aber sie überredete mich. Anfangs standen wir herum, alle sprachen spanisch. Schließlich ging ich zum Bräutigam und gratulierte ihm zur Vermählung. „Ich bin nicht der Bräutigam, ich bin der Trauzeuge,“ antwortete er auf Englisch. Das war der erste Satz, den mein Mann zu mir sagte.

Drei Jahre später heirateten wir – auf unserem Lieblingswanderweg in Arizona, im Südwesten der USA. Er lebte dort, und ich zog zu ihm. Es war eine kleine Hochzeit mit Freunden, Gedichten und viel Natur. Unter den Gästen war auch der „richtige“ Bräutigam von damals und meine Freundin, die sich das Taxi geteilt hatte. Beide erzählten ihre Version der Geschichte, wie mein Mann und ich uns trafen. Bis heute schütteln wir alle ungläubig den Kopf.

„Es war höhere Macht, und ich war ausführendes Organ,“ meinte neulich der Taxi-Kumpane meiner Freundin von damals. Er lebt mit seiner Familie in Mendoza, Argentinien, und auf unserer Reise gen Süden besuchen ihn mein Mann und ich. Es ist das erste Mal, dass wir uns alle treffen. Trotzdem fühlt es sich an, als kennen wir uns ewig. Wir grillen mit Freunden und teilen Geschichten bis morgens um vier. Alles auf Spanisch, versteht sich, denn der Taxi-Kumpane spricht kaum englisch. Wie meine US-amerikanische Freundin mit ihm kommunizierte, bleibt ein Rätsel. Sie spricht kaum spanisch.

Als in Mendoza allen Western-Union-Filialen das Geld ausging

Dann reden wir über die Gegenwart, die Wirtschaft Argentiniens und unsere Reise: unsere dreistündige Jagd nach Bargeld, zum Beispiel, als allen Western-Union-Filialen in Mendoza das Geld ausging. Oder davon, dass scheinbar einfache Erledigungen, wie ein Busticket kaufen, so kompliziert sind. Danach erzählen uns unsere Freunde ihre Geschichten, und mein Mann und ich verstehen, wir haben keine Probleme. Beispiel: Hauskauf. Dank der 100-Prozent-Inflation ist der in Argentinien fast unmöglich. Denn argentinische Banken geben keine Kredite – die Vorhersage der Wirtschaft auf 15 Jahre ist ein zu großes Geschäftsrisiko. Am Ende müssen für ein Haus das Ersparte und die Familie herhalten. Passierte das in Deutschland, gebe es Revolten auf den Straßen.

Immer wieder treffen wir deshalb junge Menschen, die wegwollen aus Argentinien. Sie erhoffen sich eine bessere Zukunft anderswo. Ich erinnere mich an die Nachwendezeit. Auch im Osten Deutschlands, erzähle ich, war es so. Rund vier Millionen Menschen zogen seit der Wende in den Westen. Mit den Folgen leben wir bis heute. Zerrüttete Familien, verwaiste Städte und Dörfer, schleppende Entwicklung. Auch in Argentinien sehe ich diese Spuren.

Gleich, ob im Osten Deutschlands oder in Argentinien

Am Ende ist es gleich. Ob im Osten oder in Argentinien, die Dinge, die es wert machen zu bleiben, sind Freunde und Familie. Wir sind froh, diese Menschen zu haben – in Puerto Rico, Arizona und Mendoza. Sie machen das scheinbar Unmögliche möglich: Vor sieben Jahren stiegen zwei Fremde in ein Taxi und kommunizierten ohne Sprache. Heute ist mein Mann Erstleser jeder Kolumne – dank digitaler Übersetzung. Dreht sich eine Kolumne um ihn, hat er Vetorecht. Davon hat er diesmal keinen Gebrauch gemacht. Das ist Liebe, das ist das Leben. Es geht nur dank Anderer.