Sitzt perfekt und wirkt geradezu gediegen: das feine Schwarze von Seidensticker.
Foto: Michael Mann Photography

BerlinMan braucht sich nur die tägliche Flut Büroangestellter in den öffentlichen Verkehrsmitteln anzusehen, um zu dem Ergebnis zu kommen, dass teutonische Herrenoberbekleidung nur zwei Farben kennt: Grau und Blau. Letzteres hat als Indikator für Seriosität längst alle anderen Farben abgelöst. Dunkelblau wirkt sympathisch, es hat Tiefe und Vitalität, ohne hibbelig zu wirken. Dunkelblau kann man vertrauen. 

Schwarz hingegen suggeriert nicht nur Gefahr, es birgt sie auch, und zwar fürs Image des allzu naiven Trägers. Als Nichtfarbe muss man es tragen wollen – und können! Flapsig ausgedrückt: Für ein schwarzes Oberhemd braucht man Charakter, für alles andere reicht ein Bausparvertrag. Und da wir nicht alle Tom Ford sind (oder unbedingt sein wollen), muss der Normalsterbliche auf ein paar Dinge achten. Was sich durchaus lohnt, immerhin kann das schwarze Oberhemd auch aus dem Stuttgarter, Dresdner oder Zehlendorfer einen verwegenen Typen machen, sofern er die richtige Wahl trifft.

Verwandelt den Schlacks von nebenan in einen „Reservoir Dog“: Slimfit-Hemd von Cos mit vorbildlicher Knopfleiste.
Foto: Cos

Das schwarze Oberhemd hat immer noch etwas Verwegenes, denn Schwarz schafft eine klare Grenze zwischen Träger und Betrachter, dessen Auge sich schwertut, einen Anhaltspunkt im Dunkel des Hemdes zu finden. Mit anderen Worten: Sie oder er sieht schwarz. Keine Wunder also, dass Schwarz auch gerne gewählt wird, wenn das Bäuchlein spannt. Tatsächlich lässt ein schwarze Oberhemd schlanker wirken – allerdings nur jemand, der schon schlank ist, hahaha.

Doch wie kombinieren? Mann kann natürlich zum scheinbar Nächstliegenden greifen und das schwarze Oberhemd mit der schwarzen Hose kombinieren. Das gilt gemeinhin als elegant, birgt aber die nicht zu unterschätzende Hürde, dass Hemdstoff und Hosenstoff dieselbe Schwarznuance haben müssen. Richtig gelesen: müssen! Denn nichts sieht beknackter aus, als zwei verschiede Schwarztöne zusammen.

So, wer ist hier der Boss? Marlon Brando in der 1955-Verfilmung des Musicals „Guys and Dolls“.
Foto: Mary Evans/AF Archive

Also lieber gleich mit einer dunkelblauen Jeans kombinieren, das funktioniert immer und sieht nicht gleich nach einer Trauerfeier oder nach Mafiosi-Treffen aus. Ohnehin scheint die Halbwelt längst abgekommen vom einst stilprägenden Vito-Corleone-Look. Im kriminellen Mittelbau dominieren nun Jogginghose und Lederjacke, modisch orientiert man sich eher am amerikanischen Gangsta-Rap als an der Camorra. Der Clan-Boss indes entsteigt am Kudamm zumeist in ordentlicher Designerwear seinem PS-Boliden, da kann es zum Anzug durchaus mal ein schwarzes Oberhemd sein.  Passt einfach besser zu den Ledersitzen als durchgewetzte Sweatpants.

Sobald es verblasst, ab in den Müll damit

Wer weder Clanmitglied ist noch dem Klerus angehört, kombiniert das schwarze Oberhemd also am besten mit den erwähnten dunklen Bluejeans oder einem grauen Anzug. Oder mit einer hellbraunen Wildlederjacke plus blaue Jeans oder Chinos. Das hat was!

Wer es hormonell auffangen kann, der darf das schwarze Oberhemd sogar unter einem Pullunder tragen, dessen Revival uns in Krisenzeiten auch mal wieder droht, weil er ein so verlässliches Stück Schmusewolle ist. Man benötigt dazu indes eine gehörige Portion Testosteron, sonst sieht man darin schnell aus wie ein leptosomer Erdkunde-Lehrer aus den 1970ern.

Soviel Avantgarde darf sein: weich fallendes Black Shirt mit Rolli darunter, beides von Acne.
Foto: Acne Studios

Wichtig ist das Material. Bitte zu durchgefärbter Baumwolle greifen, denn die ist matt und hält die Farbe bei Kaltwäsche ganz gut. Sobald das Hemd an den Kanten verblasst, schmeißt man es dann aber schleunigst weg, denn verwaschen sieht Schwarz einfach schmuddelig aus. Was nicht bedeuten soll, dass Sie jetzt zu einem, horribile dictu, Satinhemd greifen dürfen, nur weil das nicht ausblutet. Er sei denn, Sie arbeiten als Zauberer oder haben Visitenkarten, auf denen „Vlad XXIII. Draculae“ steht. (In beiden Fällen dürfen Sie auch einen flotten Umhang zum Satinhemd tragen.)

Zum Schluss noch ein paar Worte zu den Accessoires. Herrenschmuck ist ja generell so eine Sache. Wer sich aber unbedingt zum schwarzen Oberhemd noch anderweitig hervortun möchte, der greife bitte zu Silber. Die Kombi Schwarz und Gold ist nur etwas für den Boss der Bosse, der sich eine Patek, Audemars oder Vacheron Constantin am schwarzen Krokoband ums Handgelenk schnallen kann. An Herren jüngeren Datums wirkt Gold zu Schwarz bloß behäbig barock, was den Gelbtönen des Metalls geschuldet ist. Gleiches gilt für goldfarbene Gürtelschnallen.

Beim schwarzen Oberhemd triumphiert eben die alte, ab und an absolut zutreffende Stilregel: Weniger ist mehr. Öffnen Sie die obersten zwei Knöpfe, krempeln Sie die Ärmel hoch und überlassen Sie die restliche Image-Arbeit Ihrem neuen Freund, dem qualitätvollen schwarzen Oberhemd. Have fun!