Weiche Rüstung: eine Damendaunenjacke von Moncler.
Foto: Moncler.

BerlinEs ist schon bemerkenswert, wie die Mode es immer wieder schafft, den Lauf der Zeiten zu materialisieren, zu karikieren und logisch fortzuschreiben, alles in einem Aufwasch. Die 10er-Jahre des 21. Jahrhunderts also: Die Dekade, in der der Luxus tatsächlich demokratisiert wurde. Worauf klarerweise dasselbe eintrat wie beim Schwärzen eines Schimmels oder beim Schwängern einer Jungfrau, nämlich, dass der Luxus sich in Luft auflöste. Aber das nur nebenbei. Ist im Moment wirklich nicht so wichtig.

Die Dekade, in der die Laufstegmode zu dem mutierte, was sie im deutschen Kulturkosmos ohnehin schon immer darzustellen hatte, seit dem 19. Jahrhundert: eine von dunklen Mächten gesteuerte, total vernetzte Verführungsmatrix, deren geschmeidigen Tentakeln man sich zwar nicht ganz entziehen kann, die aber tunlichst auf Distanz zu halten sind.  

Die Dekade, in der die Kurtisane der Belle Époque sich mit der Barbiepuppe kreuzte, Pixelgestalt annahm und als Influencerin mit niedlich geschürzten Ballonlippen auszog, um alle bisherigen Errungenschaften weiblicher Emanzipation zunichte zu machen.

Das Modejahrzehnt, in dem Giganten wie Karl Lagerfeld, Azzedine Alaia und Franca Sozzani von der Bühne gingen, während die eifrig an ihren Bildschirmen zeichnenden Designteams sich vervielfachten. Aus deren Mitte sich 2015 einer erhob und als Kreativchef von Gucci in Nullkommanichts selbst zum global bejubelten Giganten wurde.

Geschafft hat Alessandro Michele dies mit einem genialen, das Prinzip „Wunderkammer“ ins Garderobiale persiflierenden Dreh: Highlights aus allen bisherigen westlichen Modestilen, von der altrömischen Toga bis zum Chanel-Kostüm, einzig nach Optik bunt zusammengewürfelt. Als Kollektion an sehr jungen, sehr divers gecasteten Models erinnerte das allsaisonal an eine Kinderbande, die den Speicher der aristokratischen Großeltern für ein Kostümfest geplündert hat und jetzt mit all den Rüschen, Stickereien, Goldknöpfen und Seidenturbans aus den Forties ihren Spaß hat. Europas Modehistorie als Fundus jugendlicher Selbstinszenierung, damit punktete Gucci gerade bei jungen Asiaten. Und brachte ihnen, wie nebenbei, westliche Kultur näher.

Sportlich am Schreibtisch: Athleisure

Vor allem aber waren die 2010er-Jahre die Dekade eines Megastils, in dem sich auf fast unheimliche Art die Bedürfnisse, Ängste und Sehnsüchte der vom Double whammy „Digitalisierung & Globalisierung“ gebeutelten Bewohner des Westens bündelten. Athleisure.

Will heißen: Elemente der hochfunktionalen Trainingskleidung von Profisportlern (engl. athletes) – wie ausgetüftelte Sneaker, Parka, Sweatshirt, Leggings mit Muskelkonturnaht und Performance-Details von Kapuze bis Klettverschluss – als bequeme Garderobe für jederfrau/mann.

Was erst nur für den Weg zum Yoga-Studio, also für die Freizeit (engl. leisure) gedacht war, wurde bald auch ins Büro, auf Reisen und sogar ins Restaurant getragen. Irgendwie passte der Look genau ins Lebensgefühl einer Epoche, in der das nette, kleine Smartphone sich als knallharter Kommunikations- und Effizienztrainer entpuppte. All die Sneakers, Sweatshirts und Kapuzen (selbst am Paillettenkleid baumelte auf einmal eine) suggerierten ständige Aktivität, und genauso fühlten wir uns im letzten Jahrzehnt. Immer im Training, immer auf dem Sprung. Keuch.

Von 2013 (g. li.) bis 2018 verdoppelte sich der jährliche Umsatz des Steppjacken-Primus.
Grafik: BLZ/Galanty, Quelle: Moncler

Athleisure war ein Welterfolg, der nicht nur den großen Sportmode-Konzernen wie Nike, Adidas und Puma zu Umsatzsteigerungen in Milliardenhöhe verhalf. Die Mode insgesamt erlebte einen Funktionsschub, der sich in den schrägen Zippern von Nicolas Ghesquière bei Louis Vuitton ebenso zeigte wie in den schlau-schlichten Schnitten und gebondeten Stoffen von COS, der stillen Erfolgsmarke des H&M-Konzerns.

Nicht zu vergessen das womöglich erfolgreichste Kleidungsstück der Dekade – die mit Gänsedaunen gefüllte Steppjacke. Wehrhafte Sixpack-Optik kombiniert mit dem beschützenden Gefühl eines Plumeaus. Apropos: Auch sonst war das Bett beliebt als Trigger modischer Inspiration, von der Streifenbluse mit Pyjama-Paspelkante bis zum weich fallenden Mantel im Dressinggown-Schnitt.

Auf die enormen Umwälzungen in Gesellschaft, Arbeitswelt und Informationskultur reagierte die Mode in den 2010er-Jahren offenbar mit einer Paradoxie-Strategie: Sie wurde infantil und kriegerisch, sofagerecht und für jede Polarexpedition gerüstet, mit einem Hang zu Pink und zu SEK-Schwarz oder Camouflage. Ein ständiges Pendeln zwischen Extravaganz und bewusstem Statusverzicht. Der natürlich flugs zum nächsten Statussymbol mutierte.  

Boom für Birkenstock – vom Öko-Latschen zum Statusschuh in nur sieben Jahren.
Grafik: BLZ/Galanty, Quelle: Quartz, Handelsblatt

Deutschlands Beitrag zu dieser ganz schön komplexen Mode der Erschöpfung und Neugeburt war nicht groß, aber grundlegend. Eine Sandale namens Birkenstock. Als sie in ganzer klobiger Pracht in Phoebe Philos Céline-Kollektion S/S 2013 mit Pelzfutter auftauchte, war klar: Die Herrschaft des männlichen Blicks auf weibliche (Fußbe-)Kleidung ist vorbei. Game over.