Schau mir in die Augen, Kleiner: Gabrielle Chanel und der russische Großherzog Dmitri Pawlowitsch Romanow 1920. Im Jahr darauf wurde Chanel N°5 lanciert. 
Foto: Private Collection/Getty Images

Paris-MoskauDas Buch ist der Erinnerung an Karl Lagerfeld gewidmet. Das verblüfft die versierten Schlögel-Leser, von denen es viele gibt. 2017 erschien sein mehr als 900 Seiten umfassendes Standardwerk „Das sowjetische Jahrhundert – Archäologie einer untergegangenen Welt“. Im Jahr darauf erhielt es den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse und ist heute in der vierten Auflage.

Kaum jemand hat in den letzten dreißig Jahren – mit mehr als zwei Dutzend Büchern – so viel zur Vermehrung unserer Kenntnisse über die Sowjetunion und deren Entstehung beigetragen wie der 1948 geborene Karl Schlögel. Bis 2013 war er Professor für Osteuropäische Geschichte an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder. Nichts aber, von ein paar Nebenbemerkungen abgesehen, hat uns darauf vorbereitet, dass Schlögel sich einmal mit Parfüms beschäftigen würde, geschweige denn eines seiner Bücher Karl Lagerfeld widmen könnte. Genau das aber tut er jetzt: In „Der Duft der Imperien“ erzählt Schlögel die Geschichte zweier Parfüms, die von „Chanel N°5“ und die von „Rotes Moskau“.

Dass Geschichte nicht nur das ist, was in den Büchern steht; dass der Historiker vielmehr lernen muss, Städte und Landschaften zu lesen; dass Städte einen Sound haben: Auf all das hat Karl Schlögel uns immer wieder aufmerksam gemacht. Aber eine vergleichende Duftgeschichte? Schlögel ist empfänglich für Eindrücke und Impressionen, und kaum jemand vermag sie so überzeugend zu vermitteln wie er. Was daran liegt, dass er sich ihnen nicht überlässt. Er forscht und analysiert, wo andere bloß assoziieren.

Beide Parfüms existieren bis heute. Beide Parfüms gehen auf dieselbe Duftkomposition zurück. Die Chanel-Seite der Geschichte wurde bereits oft erzählt: Dmitri Pawlowitsch Romanow, Cousin des letzten Zaren und Liebhaber von Coco Chanel, arrangiert im Spätsommer 1920 ein Treffen der Modeschöpferin mit Ernest Beaux, einem französischen Parfümeur, der 1913 am Hof des Zaren, zum 300-jährigen Jubiläum der Dynastie der Romanows, das „Bouquet de l’Imperiatrice Catherine II“ kreiert hatte.

Das Rezept brachte Beaux nach dem Sturz des Zaren nach Cannes. Aus ihm entwickelte er zehn Düfte, die er Coco Chanel unter die Nase hielt. Sie entschied sich für Nummer fünf. Mit dem Argument: „Ein Parfüm für Frauen mit dem Duft einer Frau.“ Es handelte sich um eine Mixtur aus vor allem Provencerose, Jasmin und den erst ein paar Jahre zuvor synthetisierten Luftmolekülen Aldehyde. Chanel N°5 war der Duft einer neuen Epoche: Die schweren Bouquets gehörten der Vergangenheit an. Chanel N°5 war der Duft der neuen Frau, des berufstätigen Bubikopfs.

Nicht der erste, aber der berühmteste (und hautverträglichste) Aldehydduft der Welt.
Foto: Martin Schott/dpa

Was aber hat „Chanel N°5“ mit „Rotes Moskau “ zu tun? Nach der Revolution waren aus den riesigen Parfümeriefabriken des Zarenreichs proletarische Seifensiedereien geworden. Statt Parfüms für die Elite wurden Hygieneartikel für die Massen hergestellt. Erst Mitte der 1920er-Jahre wurden wieder Parfüms kreiert. „Rotes Moskau“ war eines davon und kam 1927 auf den Markt, zum zehnten Jahrestag der Oktoberrevolution.

Diesen erfolgreichsten sowjetischen Duft hatte der Parfümeur Auguste Michel geschaffen, basierend auf seinen vorrevolutionären Erfahrungen in den zaristischen Parfümfabriken von Alphonse Rallet & Co.und Brokar. Beaux und Michel hatten also dieselben Lehrer gehabt. Sie kamen beide aus den großen Parfümeriefabriken des vorrevolutionären Russlands, die ganz Eurasien mit ihren Produkten versorgt hatten. Beaux war nach Frankreich geflohen. Michel hingegen war in der Sowjetunion geblieben.

Karl Schlögel verfolgt, so gut das heute noch geht, die Lebensläufe der beiden französischen Parfümeure, die, ausgehend von derselben Mixtur, der geteilten Welt auch geteilte Duftnoten verschafften. Aber Schlögel geht weiter. Er erinnert uns natürlich an Coco Chanel (1883–1971), an ihre grenzenlose Kollaborationsbereitschaft, ihren Hang zur Reaktion, ihre geniale Geschäftstüchtigkeit, ihren visionären Riecher für die nächste Bewegung des Chic. Ohne Coco Chanel hätte sich die Erfindung des Emigranten Ernest Beaux womöglich – wie so viele andere Flakongerüche auch – irgendwann in Luft aufgelöst.

 „Rotes Moskau“ in der heutigen Version. Die verspielte Zwiebelturmform der Verschluss-Kappe wurde irgendwann wegrationalisiert.
Foto: Vecherovskaya Camera  

Coco Chanel gegenüber steht in Schlögels wirklich ergreifender Erzählung Polina Shemtschushina-Molotowa (1897–1970). Seit 1921 war sie mit Wjatscheslaw Molotow verheiratet, dem späteren Außenminister der Sowjetunion und Unterzeichner des Hitler-Stalin-Pakts. Shemtschushina-Molotowa war die Tochter eines jüdischen Schneiders aus einem ukrainischen Schtetl. Von 1932 bis 1936 leitete sie den staatlichen Parfümerietrust, und sie war Chefin des Volkskommissariats für die Fischindustrie. „Die erste und einzige Frau als Volkskommissarin in der Geschichte der UdSSR“, schreibt Schlögel. Sie wurde dann zurückgestuft und Leiterin der Abteilung für Textil- und Galanterieindustrie im Volkskommissariat für Leichtindustrie. Am 29. Dezember 1949 wurde sie wegen pro-zionistischer Aktivität – sie hatte sich mit der ersten Botschafterin Israels in der UdSSR getroffen, der späteren Außenministerin und Ministerpräsidentin Golda Meir – zu fünf Jahren Verbannung verurteilt. Am 25. März 1953, also zwanzig Tage nach dem Tod Stalins, wurde Polina Shemtschushina-Molotowa schließlich aus der Haft in die Rente entlassen.

Einer der Klassiker der europäischen Geschichtsschreibung sind Plutarchs „Parallelbiografien“, entstanden im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Der griechische Autor vergleicht Alexander den Großen mit Cäsar, Perikles mit Fabius Maximus. Das sind natürlich keine historischen Biografien, wie wir sie heute schätzen. Aber sie machen deutlich, wie erhellend Vergleiche sein können, wenn man sie richtig anzustellen versteht.

Die Parfüm-Kommissarin: Polina Shemtschushiana-Molotowa am Schreibtisch.
Foto: Besitz des Autors/Courtesy Hanser Verlag

Karl Schlögels Vergleich der Duftimperien von West und Ost scheitert natürlich daran, dass wir nicht wissen, wie Chanel N°5 und Rotes Moskau in den 20er-Jahren gerochen haben. Nichts ist erhalten von ihnen. Es gibt Flakons, es gibt Plakate, es gibt Beschreibungen. Aber kein Archiv der Welt macht uns den Duft einer vergangenen Epoche wieder zugänglich. Nicht einmal den eines bestimmten Parfüms.

Andererseits: unser Gehirn, unsere Nasen bewahren, was immer sie einmal gerochen haben. Kaum etwas katapultiert unser Gemüt so massiv zurück in die Welt früherer Empfindungen wie der Geruch.   Schlögel erinnert an die Geruchsschranke, die Berlin passgenau die Mauer entlang teilte – die Nasen der alten Westler können sich noch sehr genau erinnern. So wie man den eigenen Geruch nicht wahrnimmt, so nehmen auch Gesellschaften den ihren nicht zur Kenntnis. Sie bedürfen der Nasen der anderen, um sich riechen zu können.

Karl Schlögel, der die parallelen Biografien seiner Heldinnen mit größter, die Leser umgehend ansteckender Neugierde ausbreitet, führt uns hinein in die Zufälligkeiten der Weltgeschichte. Ohne den Liebhaber der Chanel hätte es kein „Chanel N°5“ gegeben. Und ohne die Phase der Neuen Ökonomischen Politik (NEP) in der Sowjetunion keine neue Bourgeoisie und kein Wiedererwachen der russischen Parfümindustrie. Und also auch kein „Rotes Moskau“ zum Jahrestag der Oktoberrevolution.

Karl Schlögel ist ein großer Erzähler. Aber einer, der sich sehr interessiert für die übergreifenden Theorien zu Geschichte und Geschichtsschreibung. Er interessiert sich so sehr dafür, dass er sie immer wieder selbst ausprobiert hat. Auch „Der Duft der Imperien“ ist ein solches Experiment. Kann man eine Duftgeschichte schreiben, nachdem die originalen Düfte längst verflogen sind? Schlögel wirft diese Frage auf. Er erörtert sie ein wenig. In Wahrheit aber setzt er sich hin und versucht, eine zu schreiben. Eine Duftgeschichte. Mit den Quellen, über die er verfügt. Diese Quellen sprudeln mal opulent wie im Falle von Coco Chanel, mal sind sie spärliche Rinnsale wie bei Polina Shemtschushina-Molotowa. Allerdings führt so manches, was sich als Quelle geriert, auch viel abgestandenes Brackwasser aus Legenden und Public Relations mit sich.

Wir erinnern uns nur noch mühsam an die zweigeteilte Welt, in der Marilyn Monroe verkündete, zum Schlafen trage sie nur ein paar Tropfen „Chanel N°5“. Ähnlich Frivoles ist aus der Duftwelt von„Rotes Moskau“ nicht überliefert. Den Kremlturm als Schraubverschluss des Flakons soll Polina Shemtschushina verfügt haben. Also ein Akt der Nostalgie? Nostalgisch, ja klassisch hat Chanel N°5 erst sein lang anhaltender Erfolg beim Publikum der ganzen Welt werden lassen. Die Duftkomposition selbst aber war revolutionär.

Auf eine der Nebenfiguren in Karl Schlögels spannender Erzählung soll kurz noch hingewiesen werden: Kasimir Malewitsch. Der Jahrhundertkünstler hatte 1911 den Flakon für das erfolgreichste russische, später sowjetische, Eau de Cologne entworfen – es hieß Severny (Norden). Der Flakon hatte die Form eines Eisbergs und auf dessen abschraubbarer Spitze stand ein kleiner Eisbär. Erst 1996 wurde die Produktion von Severny eingestellt.

Schlögel regt an, beim Chanel N°5-Flakon weniger an künstlerischen Minimalismus à la Mondrian zu denken als an die kleinen Flaschen, in denen die Offiziere der Zarenarmee ihren unverzichtbaren Wodka mit sich führten. Unwillkürlich denkt die Leserin da wieder an den Romanow, der seine Freundin Coco mit dem aus Russland geflohenen Parfümeur zusammenbrachte. Auch das: parallele Leben, die aus ihren Bahnen geworfen, für knappe Momente zusammenstoßen.

Hanser Literaturverlage
Karl Schlögel

Der Duft der Imperien – Chanel N°5 und Rotes Moskau. Hanser Verlag, 2020. Hardcover, 224 Seiten, viele Abbildungen, 23 Euro.