SAINT LAURENT holt die Latex-Leggings aus der Schmuddelecke. Obenrum triumphiert der Blazer-über-Schluppenbluse-Charme der Bourgeoisie. 
Foto: AFP/Anne-Christine Poujoulat

ParisCoronavirus? Kein Grund, modisch zu verwahrlosen. Das scheint das Motto in Paris zu sein. Trotz der weltweiten Infektionen und der Ausbreitung in Italien nahm die Fashion Week H/W 2020 ab Montagabend fast ihren gewohnten Lauf. Dabei kam ein Teil der Moderedakteure gerade direkt aus Mailand, wo die Schauen am Sonntag unter teils chaotischen Umständen (viele Models und Redakteurinnen fürchteten, der Mailänder Flughafen würde geschlossen bzw. den Flug selbst und die Enge an Bord) zu Ende gegangen waren.

Dass dann aber gleich in einer der ersten Shows ein Model mit Hahnentritt-Mundschutz über den Laufsteg lief, war dann doch ein bisschen unheimlich. Die junge französische Designerin Marine Serre zeigt solche Accessoires zwar nicht zum ersten Mal – Serre spielt damit auf bevorstehende Umweltkatastrophen an –, angesichts der Ereignisse bekamen sie jedoch eine ganz neue Bedeutung. Ob Luftverschmutzung oder Pandemie, Atemmasken könnten bald das neue Mode-Must-Have werden.

Sturmhaube und gekonntes Patchwork aus Altkleidern: MARINE SERRE zeigte Überlebenslook der innovativen Art. 
Foto: ddp/ Alain Gil-Gonzalez/ABACA

Serres post-apokalyptische Visionen wirkten jedenfalls so aktuell wie nie. Bei ihrer letzten Show hatte sich die 28-Jährige noch überlegt, wie Menschen wohl nach dem Klimakollaps aussehen würden. Diesmal haben ihre Überlebenden bereits fremde Planeten besiedelt. Sie tragen wattierte Kleider, die wie Rüstungen wirken und Lederstulpen um die Arme, an denen sie ihre Handys befestigen können. Feminine Patchworkkleider in Pink komplettiert die mit Recht als Supertalent gehandelte Designerin mit farblich abgestimmter Sturmhaube. Die Zukunft mag ungewiss sein, in Marine Serre geht man ihr zumindest cool angezogen entgegen.

Saint Laurent: Latex-Leggings statt Kostümrock

Wie man in Krisenzeiten tadellos aussehen kann, zeigte wenige Stunden später auch Anthony Vaccarello. Der Kreativdirektor von Saint Laurent schaffte sogar einen regelrechten Geniestreich, nämlich ein Kleidungsstück begehrenswert zu machen, das vorher kaum einer freiwillig getragen hätte. Oder haben Sie in letzter Zeit viele Menschen in Latex-Leggings auf der Straße gesehen? Das dürfte sich bald ändern.

Himmlische Teufelinnen: Anthony Vaccarellos SAINT LAURENT war eine Ode an die Helmut-Newton-Frau der 1970er. Obacht: Zum Paillettendress werden im Herbst 2020 keine Pumps, sondern schenkelhohe Latexstiefel kombiniert. 
Foto: AP/Vianney Le Caer

Vaccarellos geniale Kombination aus glänzenden, hautengen Lackhosen zu bourgeoisen zweireihigen Blazern sah so umwerfend aus, dass man die Kombi sofort ausprobieren möchte. Ja, trotz Latex. In Kombination mit den Helmut-Newton-Vibes, den eleganten Schluppenblusen und einer grandiosen Farbpalette aus Ockergelb, Blutrot, Pink, Violett und Blau wirkten die knallengen Leggings überraschend schick und auch für gestandene Frauen tragbar.

Einer, bei dem seit je her Frauen jeden Alters auf ihre Kosten kommen, ist der Belgier Dries Van Noten. Am Eingang seiner Show an der Opéra Bastille wurden nonchalant ein paar Mundschutzmasken verteilt, die aber kaum einer benutzte. Ansonsten war in der Kollektion von Krise nicht viel zu spüren. Im Gegenteil – Van Notens „Party Girl“ (als Background lief der melancholische Song von Michelle Guverich) tritt ihr mit cooler Dekadenz entgegen.

In seinen Dekadenz-Cocktail mixte DRIES VAN NOTEN grungige Karos in glamourösen Farben. Dazu Glamrock-Boots mit Plateau, damit die Proportionen stimmen.  
Foto: Pixelformula/Courtesy Dries Van Noten

Neontöne & Vampirlippen bei Dries Van Noten

Der 61-jährige Antwerpener ließ seine Belladonnas mit maskenhaft geschminkten Gesichtern über den Laufsteg schreiten, mit schneeweißer Haut (dem Hautkrebs keine Chance), Vampirlippen und Haaransätze in Neon- oder Juwelentönen. Er habe sich von Serge Lutens inspirieren lassen, erklärte Van Noten, von den Nachtclubs und Partys der 1980er-Jahre. Dafür griff er in die Vollen – seidene Pyjamahosen, Samtjacken und Bikerleder, dazu voluminöse Stolas, jugendstilige Iris, Pythonprint, Glitter und Pailletten. In diesen flamboyanten Looks lässt es sich feiern, bis es keinen Morgen mehr gibt.

Gehn wir ins Indochine oder doch zu Mr. Chow? DRIES VAN NOTENs schräge Eleganz macht neue Lust auf Nightlife.
Foto: Pixelformula/Courtesy Dries Van Noten

Denn was, wenn die Party vorbei ist, weil wir alle in Quarantäne hocken?

Bei Kenzo konnte man schon mal testen, wie sich das anfühlt: Als Setting für die Debütshow von Felipe Oliveira Baptista, früher bei Lacoste und seit Juli neuer Kenzo-Kreativdirektor, diente eine Tunnelröhre aus transparentem Plastik im Garten des Institut National des Jeunes Sourds. Ein durchsichtiger Defileekäfig, der vor Ansteckung schützt und zumindest den Blick nach draußen zulässt. „Weltenbummler, die in ihren Kleidern Zuflucht finden“, so umschreibt Oliveira Baptista seine Kenzo-Nomaden. Sie tragen bequeme Lagenlooks, Kleider aus Fallschirmstoffen, die sich durch Reißverschlüsse weiter machen lassen, oder burkaartige Daunengewänder, die man zu Schlafsäcken umfunktionieren kann. Pragmatisches Design, das bei den heutigen Reiseumständen durchaus Sinn macht.

Forever Young: Dior feiert die adretten Seventies

Maria Grazia Chiuri träumt sich dagegen lieber in vergangene Zeiten zurück. Die Kreativdirektorin von Dior tauchte in völlig andere 1970er ab als die von Vaccarellos Saint Laurent: Chiuris eigene Teenager-Zeiten in Italien mit Pullunder, Schlaghose, Karos und Schlips wie von einer Internatsuniform. Fransenkleider und nach Piratenart im Nacken gebundene Tücher geben dem Dior-Herbst 2020 einen anmutigen Vintage-Charakter, der sich zwar perfekt für den Alltag eignet, aber leider wenig Glamour zu bieten hatte.

So gut sah der echte College-Look der 1970er nie aus: Ein altes Foto aus ihrer eigenen Teenagerzeit inspirierte Maria Grazia Chiuri zu diesem DIOR-Ensemble.
Foto: ddp/Gil-Gonzalez Alain/ABACA

Als Feministin Numero Uno der High Fashion holte sich Chiuri auch diesmal wieder eine Künstlerin mit ins Boot: Claire Fontaine hatte den Boden mit Zeitungsseiten bedeckt und riesige Leuchtschriften über dem Laufsteg angebracht. In farbigem Neon formten sie provokante Sprüche wie„When Women Strike The World Stops“ oder „Patriarchy = CO2 “. Mit diesen Leuchtphrasen, die durchaus absichtlich an Neonreklame erinnern, will Fontaine darauf hinweisen, wie sehr unsere Welt von einer maskulinen Sichtweise geprägt ist. Den Kult um den Benzinmotor eingeschlossen.  

Fraglich ist allerdings, ob dieser Botschafts-Feminismus in der Mode tatsächlich etwas bringt. Nützlicher und wohl auch ehrlicher wäre es, wenn bei all der feministisch-aktivistischen Emphase die Mode selbst, ihre Produktionsbedingungen und damit auch die Situation der Näherinnen im Vordergrund stünden.   

Ist Recycling das neue Schwarz?

Als zweitgrößter Umweltverschmutzer der Welt gehört die Modeindustrie außerdem zu den Hauptverantwortlichen für die Klimakrise, hat aber bisher nur Ansätze zu deren Behebung anzubieten. Doch das Bewusstsein für das Thema wächst, das war nach London und Mailand auch in Paris festzustellen. Fast alle Akteure versuchen, die Dinge zu verbessern – innerhalb ihrer Möglichkeiten.

MAISON MARGIELA zeigte die Couture des Upcycling: John Galliano ließ dafür Restbestände aus früheren Kollektionen zerteilen und setzte sie zu neuen Prachtstücken zusammen.
Foto: AFP/Francois Guillot

Bei Kenzo zum Beispiel wies man extra darauf hin, dass der Schau-Plastiktunnel und andere Teile des Sets wiederverwertet werden. Auch John Galliano präsentierte bei Maison Margiela eine Initiative, die er „recicla“ (Recyling auf Spanisch) taufte: alte Einzelteile, die entweder wie sie sind als Highlight in die neue Kollektion integriert sind oder dafür raffiniert umgearbeitet wurden. Marine Serre hat Recycling sogar zum Bestandteil ihrer Markenidentität gemacht – sie verwendet bereits zu 50 Prozent wiederverwertete Materialien.

All diese Schritte sind erfreulich, sicher. Solange aber allsaisonale Überproduktion der Modus Operandi der Designermode bleibt, hat sie immer noch ein Problem. Und mehr und mehr junge Weltbürger eines mit ihr.