Paris - In dieser Saison waren die Zeichen überdeutlich: Die Modebranche muss sich wohl darauf einstellen, noch eine Weile auf ihre geliebten Modenschauen zu verzichten. Zum zweiten Mal in Folge fanden die Pariser Männer- und Haute-Couture-Schauen rein digital statt. Zwar gab es ein paar wenige echte Shows, jedoch durften keine Gäste daran teilnehmen.

Solange das Ende der Krise nicht absehbar ist, bleibt die filmische Präsentation von Kollektionen für die Modehäuser also eine notwendige Disziplin, und auf der Plattform der Pariser Fashion Week gab es diesmal eine ganze Reihe neuer Formate zu sehen, vom kurzen Horror-Fashion-Film (EGONlab) über Schwarz-Weiß-Dramolette in elegischer Stummfilm-Ästhetik (Franck Sorbier) bis hin zur trashigen Fernsehsendung eines fiktiven Fashion Awards (Angus Chiang).

Den wohl besten Fashion-Film der Saison aber lieferte der Amerikaner Virgil Abloh mit einer pulsierenden Mischung aus Musik-Performance, Tanzeinlagen, Modenschau und Gebirgsszenen. Als Inspiration für seine nächste Louis-Vuitton-Homme-Kollektion stützte sich der Designer auf den Essay von James Baldwin „Stranger in the Village“ (1953), in dem der Schriftsteller beschreibt, wie es sich anfühlt, die einzige farbige Person in einem Schweizer Dorf zu sein. Eine Erfahrung, die Abloh auf gewisse Weise mit ihm teilt. Zusammen mit Olivier Rousteing ist er der einzige schwarze Kreativdirektor an der Spitze eines französischen Luxusmodehauses.

Für sein 15-minütiges Video ließ Abloh den Tennis Club de Paris in ein abstraktes Setting aus Marmorwänden und Spiegeln verwandeln (halb Airport, halb Elysium), das wohl nicht zufällig an den Barcelona-Pavillon von Mies van der Rohe erinnerte. Durch diese Kulisse wandert der Dichter und Musiker Saul Williams, gekleidet in einen schwarzen Mantel mit großen Knöpfen in Form von Flugzeugen (Karl Lagerfeld lässt grüßen), und liefert einen kraftvollen Slam, bevor er dem Rapper Yasiin Bey, früher bekannt als Mos Def, in einem grün-violetten Monogramm-Mantel die Bühne überlässt.

Foto: Louis Vuitton
Marmorwände und Knoll-Sessel definieren den Raum von Virgil Ablohs filmischer Vuitton-Performance.

Das Video, das von der Filmemacherin Wu Tsang umgesetzt wurde, ist in seiner perfekten Choreografie und Originalität absolut beeindruckend. Noch beeindruckender aber ist, dass Abloh es tatsächlich schafft, trotz all der visuellen Eindrücke die Mode nicht in den Hintergrund geraten zu lassen. Viele gut geschnittene Anzüge, knalliges Kelly-Grün, ungemein attraktive Materialien und Proportionen sind zu sehen. Die Männer tragen Kilts und Karoröcke, Wickeltücher und ghanaische Kente, als Anspielung auf die Heimat von Ablohs Eltern.

Weniger contemporary highbrow, aber nicht minder elaboriert und allemal genauso wirkungsvoll war der Launchfilm von Alber Elbaz’ neuem Label AZ Factory. Der Ex-Lanvin-Designer hatte der Modewelt fünf Jahre lang den Rücken gekehrt und meldet sich nun mit einem ganz neuen Konzept zurück. Ein Besuch in Silicon Valley brachte ihn auf die Idee, Mode mit Technologie zu verbinden. In seiner „Show Fashion“ mit ihm selbst als Moderator hinter einem imposanten News-Desk präsentierte er sein neues Modeformat in einer Mischung aus Fernsehshow, Dokumentation und kleinen Sketches. Rund 20 Minuten lang erklärt Elbaz dabei immer wieder ausführlich die Idee hinter jedem Entwurf und präsentiert beispielsweise einen neu entwickelten Lycra-Stoff, der dank unterschiedlicher Elastizitätsstufen den Körper der Trägerin an genau den richtigen Stellen in Form bringen kann. Er wolle Mode für alle Frauen machen, betont er in seinem Video, in dem er neben seinen Models selbst die Hauptrolle spielt. Seine Kleider gebe es nicht nur von Größe XS bis XXXL, sondern auch in der bezahlbaren Preiskategorie zwischen 230 und 1200 Euro.

Die Präsentation seines Labels, das comicartige Design des Logos und die sketchartigen Filmszenen (David Lynch wird ordentlich auf die Schippe genommen) mögen ein bisschen zu sehr auf Ulk getrimmt sein. Dennoch sah diese erste Kollektion, die Elbaz unter eigenem Namen macht, durchaus vielversprechend aus. Die körpernahen, figurformenden, mal eng und mal steif ausschwingenden Kleider, aber auch die spitz geformten Sneaker (er selbst nennt sie „Sneaky Pumps“) und der XXL-Strass-Schmuck werden sicherlich ihre Kundschaft finden.

Foto: Dior/Elina Kechicheva
Wer braucht ein Einhorn, wenn es Andalusier gibt? Regisseur Matteo Garrone drehte für Christian Dior ein Tarot-Märchen. 

Für ihre Dior Couture-Kollektion tat sich Maria Grazia Chiuri nun schon zum zweiten Mal mit dem italienischen Filmemacher Matteo Garrone zusammen, der diesmal einen vom Universum des Tarot inspirierten Märchenfilm drehte. Es ist eine esoterische Welt, die schon Christian Dior höchstselbst zeitlebens fasziniert hat. Am Anfang des Films „Le Château du Tarot“ fragt eine Seherin die Protagonistin, was sie von den Tarotkarten wissen möchte, und bittet sie, eine Karte zu ziehen. Daraufhin beginnt eine Reise zu sich selbst, bei der sie durch das Castello di Sammezzano in der Toskana irrt, ein Schloss im märchenhaft maurischen Stil. Darin begegnet sie Tarotfiguren wie der Hohepriesterin, der Herrscherin oder der Gerechtigkeit. Die prachtvollen Kostüme/Kleider aus kostbarem Jacquard, goldenem Samt oder Spitze sind dabei wunderbar in Szene gesetzt und lassen das außergewöhnliche Savoir-Faire der Dior-Ateliers erkennen. Am Ende des Films trifft die Protagonistin auf die maskuline Version ihrer selbst und verschmilzt mit ihr. Eine Geschichte, die zum Aufbrechen der Gendergrenzen beitragen möchte – und der Beweis, dass man mit Mode ganz schön viel Substanzielles erzählen kann.

Ohne tiefgründige Botschaft, aber wie ein kleines Kammerspiel gedreht war die Show von Hermès. Unter der Regie von Cyril Teste verfolgt die Kamera dabei den Weg der Models durch ein Treppenhaus und macht aus einer normalerweise horizontal angelegten Modenschau eine vertikale Erfahrung. Der Zuschauer kann sich dabei eine von vier Einstellungen aussuchen und so entscheiden, ob er die Kleidung in der Nahaufnahme oder doch lieber von weitem betrachten möchte. Durchaus praktisch, denn schließlich geht es bei dieser Veranstaltung immerhin um Kleider, die gekauft und getragen werden sollen.

Foto: Viktor & Rolf/Team Peter Stigter
Oben Old Hollywood, unten Harley Quinn: Viktor & Rolf zeigen punkige Haute Couture schlicht abgefilmt, ohne Bohei. 

Nach wie vor halten leider immer noch zu viele Modehäuser an einem relativ konservativen Abfilmen ihrer neuen Kleider fest – was in der Regel keine großen Begeisterungsstürme auslöst, selbst wenn die Mode schön ist, wie bei Viktor & Rolf. Interessanter wird es da schon, wenn ein großer Künstler mit ins Spiel kommt, wie bei der Show von Dior Homme. Kreativdirektor Kim Jones hatte sich dafür Peter Doig mit ins Boot geholt. Der schottische Spezialist für düsteres Hipstertum, das auf Auktionen Millionen bringt, war für das gesamte Dekor der Show verantwortlich. Umgeben von einer nachtblauen Galaxie waren riesige XXL-Lautsprecher aufgestellt, die Doig in Anlehnung an sein Werk „Speaker/Girl“ entworfen hatte. Auch Teile der Kollektion, wie die Pullover, zieren eingestrickte Motive von Peter Doig. Sicher keine schlechte Geldanlage.

Auch Chanel holte sich diesmal Unterstützung aus der Kunstwelt, diesmal in Gestalt des weltbekannten Fotografen und Regisseurs Anton Corbijn. Bei der Show, die wie üblich im Grand Palais stattfand, nur eben ohne Publikum, filmte Corbijn eine Gruppe von Models, wie sie eine riesige Steintreppe hinabmarschieren. Unten empfängt sie ein ländlich-romantisches Setting aus Lichterketten, Blumenbögen und einem Zirkuszelt. „Ich wusste, dass wir keine große Show vor Publikum machen könnten, dass wir etwas anderes erfinden müssten, also kam mir die Idee eines kleinen Festzuges, der die Treppen des Grand Palais hinabkommt und durch die Blumenbögen schreitet. Wie bei einem Familienfest oder einer Hochzeit“, schreibt Kreativdirektorin Virginie Viard in ihren Shownotizen.

Auch wenn wir zweifellos alle gerade von einer großen Zusammenkunft träumen, gerne auch in pastellfarbenen Petticoat-Kleidern oder Tweed-Hosenanzügen mit westenartigen Oberteilen, wie von Viard vorgeschlagen: Zu den spannendsten Beiträgen gehörte diese einfach abgefilmte Modenschau nicht. Daran konnten auch Mega-Filmstars wie Penelope Cruz und Marion Cotillard nichts ändern, die hier als VIP-Kundinnen einsam auf ihren Couture-Stühlchen sitzend inszeniert wurden.

Foto: Schiaparelli/Daniel Roseberry
Es lebe der Surrealismus: Bei Schiaparelli wird der gestählte Körper zur Couture. (Man beachte die Dalì-esken Ohrringe.)

Dem Modehaus Schiaparelli reichten dagegen „231 seconds of Haute Couture“, um zu zeigen, wie grandios und raffiniert witzig Mode sein kann, ganz ohne großen filmischen Aufwand oder berühmten Künstler an der Hand. Der amerikanische Kreativdirektor, Daniel Roseberry, besann sich auf die surrealistische Heritage der Marke, von Salvador Dalì und Meret Oppenheim bis hin zum Ehepaar Lalanne, und hatte die geniale Idee, aufgepolsterte Muskelkleider zu entwerfen. Sixpack in Satin oder Leder inklusive. Dazu lieferte Roseberry die für Schiaparelli typischen augenzwinkernden Schock-Details wie goldene Zähne als Collier, XXL-Schlösser, die von den Ohren baumeln, oder ganze Körperteile, die sich als Fragmente auf Kleidern, Schuhen oder Handtaschen wiederfinden.

Roseberrys rüstungsartige Entwürfe scheinen jedenfalls genau das richtige Outfit für absurde Zeiten wie diese zu sein. Denn seien wir ehrlich: Wer würde sich in diesen konfusen Tagen nicht gern einfach ein Kleid überstülpen und sich damit im Nullkommanichts in eine unbesiegbare Superwoman verwandeln?

Hier gibt es alle Filme der Haute Couture SS21 und hier die mit Pariser Männermode für den Winter 21/22 zu sehen.