Programmkino für Zuhause: Das ist die intellektuelle Alternative zu Netflix

Ein Film pro Woche – danach verschwindet er. Die Gründerin des Streamingdienstes Le Cinéma Club erzählt uns, warum sie ihre Plattform so extrem kuratiert.

Über die Feiertage zeigt Le Cinéma Club Robert Bressons „Vier Nächte eines Träumers“.
Über die Feiertage zeigt Le Cinéma Club Robert Bressons „Vier Nächte eines Träumers“.Le Cinéma Club

Darf's ein bisschen weniger sein? Es darf. Während sich die dominierenden Streamingdienste mit ihren Angeboten gegenseitig überbieten, zeichnet sich Le Cinéma Club durch das radikale Gegenteil aus: Genau ein Film für genau eine Woche, danach verschwindet er wieder von der Plattform, eine Bibliothek gibt es nicht. Diese extreme Form der Kuration soll den einzelnen, oft unbekannten, immer intellektuellen Filmen eine größtmögliche Aufmerksamkeit sichern, sagt die Gründerin Marie-Louise Khondji.

Wir haben die Cineastin im Vorfeld zu einem intimen Filmdiskussionsabend getroffen, den sie mit Chanel in Berlin ausrichtete; das französische Traditionshaus unterstützt die komplett kostenlose Streaming-Plattform auf vielfache Weise. Im Gespräch erzählt uns Marie-Louise Khondji, warum sie trotz ihres hohen Anspruchs ein Herz für die Kardashians hat, wieso sie ihr Smartphone öfter mal in einen anderen Raum legt – und was es auf Le Cinéma Club über die Feiertage zu sehen gibt.

Frau Khondji, Sie haben Le Cinéma Club 2015 gegründet, zu einer Zeit, in der Netflix und andere Streamingdienste gerade weltweit expandiert und zu globalen Anbietern geworden waren. War die Gründung Ihrer eigenen Plattform eine unmittelbare Reaktion darauf?

Es ist richtig, dass die großen Plattformen damals schon sehr erfolgreich waren. Aber sie hatten ihre Angebote noch gar nicht richtig kuratiert, waren vor allem als gigantische Ansammlungen von Filmen inszeniert, als unendliche Bibliotheken. Ich habe noch immer das Gefühl, dass Nutzerinnen und Nutzer dadurch viel zu viel Zeit darauf verschwenden, in diesem überbordenden Angebot überhaupt einen geeigneten Film zu finden; Zeit, die sie eigentlich mit dem Anschauen und Genießen von Filmen verbringen könnten. Ich hatte damals durchaus das Bedürfnis, dieser Art des Angebots etwas entgegenzusetzen.

Etwas, das sich durch das genaue Gegenteil auszeichnet? Keine Auswahl, nur ein Film pro Woche, sonst nichts?

Genau. Etwas, das eher dem kleinen Programmkino um die Ecke entspricht, das ja auch nicht Dutzende Filme gleichzeitig, sondern nur eine ganz kleine Auswahl zeigt. Ein Ort, an den die Menschen gehen, um auch mal überrascht zu werden. Unsere Plattform ähnelt im Grunde auch einem Filmmagazin oder einem Festival, eben etwas ganz Zeitspezifischem, das auf einen bestimmten Moment hin ausgerichtet ist. Das schafft eine sehr präzise Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit für den jeweiligen Film, seine Macherin oder seinen Macher.

Mit Le Cinéma Club will Marie-Louise Khondji unbekannte, intellektuelle Filme sichtbar machen.
Mit Le Cinéma Club will Marie-Louise Khondji unbekannte, intellektuelle Filme sichtbar machen.Brigitte Lacombe

Eine Konzentration, die so nicht möglich wäre, wenn das Angebot drumherum größer würde?

Nun, ich finde es zwar großartig, dass es heute einen so grenzenlosen Zugang zu Filmen, Unterhaltung und Wissen gibt. Dass auch Menschen, die eben nicht in einer Großstadt mit dem nächsten Kino um die Ecke leben, die Möglichkeit haben, quasi alles zu sehen, was sie wollen. Aber ich glaube auch, dass diese Dauerverfügbarkeit von Filmen, oder von Medien allgemein, bedauernswerte Konsequenzen mit sich bringt. Ich glaube, dass die Menschen Filme heute anders sehen als vor einigen Jahrzehnten. Dass sie zuhause immer von irgendetwas abgelenkt werden; vom Laptop, der heute auch für das Filmeschauen häufig als Endgerät dient, oder vom omnipräsenten Smartphone, das parallel zum Filmeschauen genutzt wird. Die Herausforderung für Filme, wirklich Aufmerksamkeit zu wecken und zu binden, ist heute größer.

Sie sprechen vom Phänomen des „Second Screen“, also davon, auf dem Laptop oder Fernseher einen Film zu schauen und gleichzeitig auf dem Smartphone etwas anderes zu machen. Können Sie selbst sich dieser Verlockung denn erwehren?

Natürlich nicht. Das ist ja quasi unmöglich. Deswegen lege ich mein Smartphone manchmal in ein anderes Zimmer, um mich wirklich auf einen Film konzentrieren zu können. Anders finde ich es sehr schwer, nicht doch immer mal wieder auf das Handy zu schauen, eine Nachricht zu beantworten oder E-Mails zu lesen.

Hat neben der Technologie jüngst auch die Pandemie verändert, wie Menschen Filme schauen?

Ich würde sagen, die Pandemie hat die Dominanz der Streamingdienste noch verstärkt. Die Menschen waren auch vorher schon daran gewöhnt, selbst ganz neue Filme das erste Mal zuhause zu erleben, und nicht im Kino. Außerdem haben es Filme immer schwerer, wirklich Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, weil in den vergangenen Jahren vor allem das Format der Serie extrem populär geworden ist. Und die Eigenart, diese Serien in Dauerschleife zu sehen.

In Robert Bressons „Vier Nächte eines Träumers“ lernt der Maler Jacques eine neue Frau kennen.
In Robert Bressons „Vier Nächte eines Träumers“ lernt der Maler Jacques eine neue Frau kennen.Le Cinéma Club

Sie meinen das sogenannte „Binge Watching“. Machen Sie das denn nie?

Doch, natürlich. Auch ich muss ja manchmal meinen Kopf freikriegen. Also bingewatche ich manchmal irgendwelche Serien oder Hollywood-Streifen. Ich liebe ja den Film und die Unterhaltung in ihrer Ganzheit.

Sehen Sie sich manchmal auch irgendetwas richtig Fieses, Trashiges an?

Ich schaue nicht die Kardashians, falls Sie so etwas meinen. Aber ich würde nie snobistisch darüber urteilen, weil ich weiß, dass selbst solche Serien auch auf anspruchsvolle Filmemacherinnen und Filmemacher inspirierend wirken können. Das wird auch in den Filmlisten sichtbar, die wir auf unserer Seite veröffentlichen.

Sie meinen die Listen mit interessanten oder inspirierenden Filmen, die Sie von Persönlichkeiten der Branche zusammenstellen lassen, darunter zum Beispiel Wes Anderson oder Chloë Sevigny.

Genau. Der rumänische Regisseur Radu Jude zum Beispiel, der im vergangenen Jahr mit „Bad Luck Banging or Loony Porn“ den Hauptpreis auf der Berlinale gewann, hat sogar TikTok auf seine Liste gesetzt. „Wenn es eine der Funktionen des Kinos ist, uns die Welt zu zeigen, dann sind TikTok-Videos ganz weit vorn. Weil sie uns Teenager, Arbeiter und Bauern aus aller Welt zeigen, ihre Sprache, ihre Wünsche, ihre Probleme.“ So hat er seine Wahl begründet. Und Virgil Vernier, ein wirklich sehr interessanter französischer Filmemacher, hat „Loft Story“ auf seine Liste gesetzt, die allererste Realityshow, die Anfang der 2000er-Jahre im französischen Fernsehen lief.

Ist es gerade diese Sichtbarmachung auch von den Filmschaffenden selbst, die Le Cinéma Club von der Konkurrenz abhebt?

Sicherlich. Wobei ich den Begriff der Konkurrenz nicht besonders mag. Wir begreifen Le Cinéma Club nicht nur als singuläres Angebot, sondern als Teil der Filmindustrie. Wir suchen ja bewusst auch die Kooperation mit anderen Akteuren. Zum Beispiel, wenn wir genau dann einen älteren Film einer Regisseurin oder eines Regisseurs zeigen, dessen neuestes Werk gerade im Kino anläuft. Oder wenn ihr oder ihm auf einer anderen Streaming-Plattform eine große Retrospektive gewidmet wird, auf die wir dann verweisen. Wir wollen, dass Le Cinéma Club nicht nur als eine eigene starke Stimme, sondern auch als Teil eines Dialogs wahrgenommen wird.

Die von der Liebe enttäuschte Marthe will in „Vier Nächte eines Träumers“ Suizid begehen.
Die von der Liebe enttäuschte Marthe will in „Vier Nächte eines Träumers“ Suizid begehen.Le Cinéma Club

Trotzdem heben Sie sich stark von anderen Plattformen ab. Nicht zuletzt dadurch, dass sämtliche Angebote auf Ihrer Seite völlig kostenfrei sind. Nutzerinnen und Nutzer müssen sich nicht einmal anmelden, um sie in Anspruch zu nehmen. Wie ist das überhaupt möglich?

Dieser demokratische Ansatz war mir ganz wichtig. Ich wollte viele Hürden umgehen, die ein klassisches Streaming-Abonnement mit sich bringt: ein Login kreieren, die Kontodaten abgeben, sich anmelden. Das sind ja alles Dinge, die Nutzerinnen und Nutzer davon abhalten könnten, ein Angebot überhaupt anzunehmen. Erst recht, wenn es sich um Filme handelt, die eben nicht mit wahnsinnig berühmten Schauspielern oder Regisseurinnen locken. Und es sind ja genau diese Filme, denen wir eine größtmögliche Chance einräumen wollen, gesehen zu werden. Das funktioniert kostenfrei, weil wir zum einen jeden Film nur eine Woche zeigen und keine Bibliothek führen. Das vereinfacht die Lizenzfrage und hält die Kosten klein. Außerdem haben wir mit der Marke Chanel einen starken Partner an der Seite, der uns fördert.

Neben der finanziellen Unterstützung arbeiten Sie noch auf andere Weise mit Chanel zusammen. Gemeinsam veranstalten Sie kleine, intime Abende, an denen Persönlichkeiten der Branche über Filmausschnitte diskutieren, zuletzt im Spiegelsaal von Clärchens Ballhaus, hier in Berlin.

Ja, diese Veranstaltungen sollen den Abenden ähneln, die ich schon als Kind miterleben durfte: Mein Vater ist der Kameramann Darius Khondji, und er hat schon immer Kolleginnen und Kollegen nach Hause eingeladen, um sich gegenseitig Videos zu zeigen und über die Arbeit zu diskutieren. Das waren ganz zwanglose, private Treffen, die einen großen Eindruck auf mich gemacht haben. Zu sehen, wie Cineasten zusammensitzen und über ihre Leidenschaft diskutieren, war für mich wahnsinnig inspirierend. Diese Atmosphäre will ich auch an den Abenden mit Chanel schaffen.

Sind es genau solche „leidenschaftlichen Cineasten“, die Sie auch mit Ihrer Plattform erreichen wollen?

Wir wollen genauso Cineasten erreichen wie auch Menschen, die vielleicht noch nicht zu ihrer Leidenschaft für den Film gefunden haben. Wir sind ein kleines Team, das sehr darauf bedacht ist, den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Das merken die Leute. Und sie merken auch, dass sie bei uns oft Filme sehen können, die sie sonst nirgendwo finden.

Zur Person
Marie-Louise Khondji lebt in New York City und führt von dort aus mit einem kleinen Team ihre Streaming-Plattform: Le Cinéma Club hat die Tochter des bekannten französischen Kameramanns Darius Khondji 2015 gegründet, das Format wird von dem Modehaus Chanel unterstützt. Sämtliche Angebote der Plattform sind kostenfrei.

Vom 23. Dezember bis zum 5. Januar ist dort Robert Bressons „Vier Nächte eines Träumers“ zu sehen. Das romantische Drama aus dem Jahr 1971 ist an die Erzählung „Weiße Nächte“ Dostojewskis angelehnt. Im Film trifft der Maler Jacques im nächtlichen Paris auf Marthe, als diese am Pont Neuf gerade Suizid begehen will. Die beiden verbringen daraufhin vier Nächte zusammen, in denen sie sich gegenseitig ihre bewegten Lebensgeschichten erzählen. www.lecinemaclub.com

Gibt es etwas, das all diese Filme, die Sie auswählen, gemeinsam haben?

Was sie verbindet, ist immer, dass die Perspektive der Filmemacherin oder des Filmemachers sehr deutlich zu erkennen ist. Es sind Filme, die so von niemand anderem hätten gemacht werden können als von dieser einen Person. Es geht uns um die Einzigartigkeit der Geschichte oder die Einzigartigkeit der Machart – und im besten Fall um beides.

Gibt es nach sieben Jahren Le Cinéma Club einen Film, der Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Das ist eine wirklich schwierige Frage, weil wir in all den Jahren ja Hunderte Filme gezeigt haben. Was mir immer gut gefällt, ist, wenn wir etwas von einer unbekannten Filmemacherin oder einem Filmemacher präsentieren, die dann erfolgreich werden, ihre Filme in Cannes zeigen und Preise gewinnen. Ich denke zum Beispiel an die beiden Brüder Josh und Benny Safdie oder an die Regisseurin Mati Diop, die wir ganz früh in ihrer Karriere im Programm hatten. Was ich auf jeden Fall sagen kann, ist, dass manchmal auch Filme auf unserer Seite sind, die ich persönlich nicht unbedingt mag. Aber die ich für wichtig halte, weil sie eine interessante Perspektive einnehmen oder relevante Themen berühren.

Und was bekomme ich zu sehen, wenn ich nun über die Feiertage Ihre Seite besuche?

So wie mitten in der Sommerurlaubszeit lassen wir auch an Weihnachten ausnahmsweise einen Film für zwei Wochen auf der Seite. Dieses Mal wird das ein unbekannteres Werk von Robert Bresson sein, einem französischen Meister der 50er- bis 70er-Jahre. Der Film, den wir vom 23. Dezember bis zum 5. Januar zeigen, ist ein bisschen in Vergessenheit geraten. Er heißt „Quatre nuits d'un rêveur“ – „Vier Nächte eines Träumers“. Er spielt im Paris der frühen 70er-Jahre und wird auch Menschen begeistern, die noch keine erklärten Cineasten sind. Ein wirklich schöner Film, der ganz langsam erzählt wird. Und für den man das Smartphone lieber in einen anderen Raum legen sollte.