Eine der wenigen Frauen in diesem Beruf: die Biersommelière Sophia Wenzel.
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BerlinZum Internationalen Tag des Bieres, der jährlich am ersten Freitag im August begangen wird, wollen wir ein paar Mythen, Sprüche und Vorurteile rund um den Gerstensaft auf den Prüfstand stellen. Und zwar mit der fachkundigen Hilfe von Sophia Wenzel. Die 32-jährige Hamburgerin ist ausgebildete Biersommelière – sie testet Biere, berät Restaurants und Bars, welches Gebräu am besten zu ihnen passt, und ist auf Events und Messen tätig. In Deutschland ist sie eine der wenigen Frauen in dem Beruf, dessen theoretische Grundlagen sie sich an der Doemens Akademie (gegründet 1895!) nahe München angeeignet hat. Miss Wenzels Spezialgebiet: Craftbeer – also Bier, das handwerklich von einer unabhängigen Brauerei hergestellt wird.

Bier ist eine Kalorienbombe und macht dick.

Kann man so nicht sagen: „Orangensaft und andere Fruchtsäfte haben mehr Kalorien als die meisten Biere“, sagt Wenzel. Der im Bier enthaltene Alkohol sei zwar ein Dickmacher und rege darüber hinaus den Appetit an, das sei aber nichts im Vergleich zu Energydrinks oder Cola. Auch Schnaps oder Wein haben aufgrund des höheren Alkoholgehalts mehr Kalorien. Beim Bier sind es eher die größeren Trinkmengen, die ansetzen. Wer nicht zunehmen will, dem empfiehlt Sophia Wenzel alkoholfreies Bier.

Bier ist gesund.

Stimmt, sagt die Expertin: „Am gesündesten ist hopfengestopftes, alkoholfreies Bier.“ Generell enthalte Bier viele B-Vitamine, Mineralstoffe und Alphasäuren, die sich positiv auf die Gesundheit auswirken. Und: „Früher gab man Ammen Bier, um die Milchproduktion anzuregen.“ Auch heute sei Bier in der Stillzeit empfehlenswert – ohne Alkohol, versteht sich.

Alkoholfreies Bier schmeckt doch gar nicht wie richtiges Bier.

„Tatsächlich schmeckt alkoholfreies Bier total gut“, findet die 32-Jährige. Oft schmecke man gar keinen Unterschied mehr, gerade bei den Craftbeers. In Wenzels Heimatstadt Hamburg etwa hat gerade das „Road Runner Coffee Stout“ den Preis für das beste alkoholfreie Bier 2020 geholt. Anstelle von Alkohol enthält die Kreation der Kehrwieder-Kreativbrauerei Kaffee – die Bohnen werden in der Hansestadt geröstet. Auch das Brauhaus Riegele aus Augsburg mache ein exzellentes Alkoholfreies mit tropischen Fruchtnoten: „Alkohol als Geschmacksträger braucht man da wirklich nicht.“

Bier schmeckt nur kalt.

Kommt darauf an, sagt Wenzel. Generell gelte: „Je kälter das Bier, desto weniger Aromen können sich entfalten.“ Craftbeer trinke man am besten aus einem bauchigen, oben spitz zulaufenden Glas, das man vorher noch kurz mit der Hand anwärmt: „So rollt sich das Bier liebevoll ins Glas, verbindet sich mit dem Sauerstoff aus der Luft, kann sich entfalten.“ Dieser Prozess setze Noten frei, die in sehr kaltem Zustand nicht gut zu erkennen seien. Aber: Wem Craftbeers zu wild oder zu süß sind, der ist wahrscheinlich mit einem kühlen Pils besser dran.

Craftbeer trinkt man am besten aus bauchigen Gläsern, sagt die Expertin.
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Craftbeer ist eine Modeerscheinung, das hat sich bald wieder erledigt.

„Das sagen tatsächlich viele, aber es stimmt nicht“, sagt die Hamburgerin. Genauso, wie sich gutes Essen im Angesicht von Fleischskandalen und Klimawandel durchsetzen werde, komme man auch vom Craftbeer nicht mehr weg: „Weil die Hersteller Wert auf regionale Produkte legen und nicht auf den Massenmarkt ausgerichtet sind.“

Bier auf Wein, das lass sein.

„Wenn man schon vom Wein voll ist, dann kommt das Bier danach natürlich nicht so gut“, sagt Wenzel. Wer Maß hält, kann sich aber durchaus ein Gute-Nacht-Pils gönnen: „Es enthält viel Flüssigkeit und liegt deutlich unter dem Alkoholgehalt von Wein.“

Kein Bier vor vier.

Nö, findet Sophia Wenzel. Denn dann gäbe es keinen Sonntags-Frühschoppen oder das Gläschen zum Mittagessen, das in vielen Mittelmeerländern durchaus üblich ist. Insofern sei das zwar eine hübsche, aber auch ein bisschen typisch deutsche Regel: „Man schaut auf die Uhr und arbeitet weiter bis zu einem bestimmten Zeitpunkt, aber dann gönnt man sich auch mal was.“ Aus einem anderem Land habe sie so etwas nie gehört.

Homer Simpson wusste es längst: Gegen Dosenbier ist nichts einzuwenden.
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Dosenbier – das ist nichts für Connaisseure.

Absolutes Nein von der Fachfrau: „Die Dose ist cool und wieder im Kommen. Ich bin ein großer Fan“, sagt Wenzel. Das habe mehrere Gründe: Dosen seien leichter als Flaschen, mittlerweile zu 100 Prozent recycelbar – und überdies komplett lichtundurchlässig. Außerdem kühle Dosenbier schneller durch. Eine Empfehlung der Sommelière sind die neuen Dosen der Berliner Brauerei BRLO am Gleisdreieck: „Die sind toll designt, und zum Beispiel hat das ‚Berlin Jam‘ leckere Beerenaromen.“

Biermischgetränke und Biere mit Geschmack: Das hat mit Reinheitsgebot und Biergenuss nichts mehr zu tun.

Oft werden Craftbeers auch nach dem Reinheitsgebot gebraut, sagt Wenzel. Sie schmecken aber anders, weil etwa das Korn wesentlich länger geröstet wurde oder weil verschiedene Aromahopfensorten oder Hefen für Unterschiede im Geschmack sorgen – alles natürliche Produkte. „Außerdem darf man nicht vergessen: Das deutsche Reinheitsgebot ist 500 Jahre alt, die Tradition des Bierbrauens reicht 5000 Jahre zurück. Man sollte also nicht zu starr auf Ersterem beharren.“ Wenzel weist darauf hin, dass schon die ersten Klosterbrauereien Kandiszucker oder Honig verwendeten, dass in England Bier mit Austern und Seegras gebraut wird. Vom Mix aus Bier und Limonade ist die Sommelière aber kein Fan: „Bier sollte Bier bleiben.“

Im Fußball erprobt: Bier macht die Haare schön. In diesem Fall trifft die Hopfendusche Urs Fischer, den Trainer von Union Berlin.
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Bier macht schön und ist gut für die Haare.

Stimmt, sagt Wenzel, nicht umsonst werde Bier oft in der Naturkosmetik benutzt. Auch sie verwende ein Shampoo mit Bier- und Honigextrakten, verzichte allerdings darauf, sich die Haare direkt mit Bier zu spülen, wie es oft empfohlen wird: „Das riecht dann halt so richtig nach Bier – und das ist schon sehr gewöhnungsbedürftig.“

Biersommelière ist ein Traumjob, weil man fürs Trinken bezahlt wird.

Wenzel empfindet ihre Arbeit auf jeden Fall als Traumjob, aber: „Man trinkt in unserem Beruf sehr bewusst. Beim Verkosten knallt man sich nicht literweise Bier rein, man trinkt kleine Schlucke.“ Mindestens acht Wochen im Jahr trinkt die 32-Jährige gar keinen Alkohol, „weil man seinem Körper nichts Gutes tut, wenn man jeden Tag trinkt“.