Der Belgier Raf Simons (rechts) wird für Miuccia Prada als Co-Chefdesigner arbeiten. 
Foto: Courtesy Prada

MailandEs ist die Sensation der Mailänder Modewoche: Miuccia Prada holt sich Raf Simons an die Seite. Nicht als Prinzen bei der zu Prada gehörenden Mädchenmarke Miu Miu, wie bereits seit Wochen spekuliert wurde. (Simons suchte nach einer Wohnung in Mailand und Makler sind schlechte Geheimnisträger.) Sondern als kreativen Co-König, auf Augenhöhe mit der Chefin.

Bei der überfallsartig angesetzten Pressekonferenz zur Verkündung des Coup erläuterte Raf Simons, wie das ab April konkret funktionieren soll: "Es ist ganz einfach. Wenn beide an etwas glauben, machen wir es. Wenn einer etwas nicht will, machen wir es nicht."

"Wenn einer von uns etwas nicht will, machen wir es nicht"

Ganz so einfach dürfte es nicht werden, selbst beim besten Willen der Protagonisten nicht. Immerhin ist ein Modehaus von Pradas Größe (der Umsatz im 1. Halbjahr 2019 betrug 1,57 Milliarden Euro) auch ein Hofstaat, mit entsprechendem Intrigenaufkommen und einem Stab langjähriger Design-Teamleiter. Unter denen sind sicher auch welche, die sich selbst Hoffnungen auf Simons' Position gemacht haben.

Kreativ-Tandems gibt es einige in der Mode, von Dolce & Gabbana über Viktor & Rolf bis zu den Jil-Sander-Designern Lucie und Luke Meier. Allerdings sind sie alle durch private Paarbeziehungen verbunden bzw. waren es über einen langen Zeitraum hinweg. Entsprechend verknüpft sind persönliche und finanzielle Interessen, entsprechend groß die Beißhemmung bei Konflikten. Das alles spielt bei der Miuccia-Raf-Konstellation keine Rolle. Das Neue, ja Revolutionäre daran: Die beiden verbindet einzig Freundschaft, eine ähnliche Weltsicht und gegenseitige Wertschätzung. 

Ein Kreativ-Duo ohne Paarbeziehung, kann das klappen?

"Mrs. Prada", wie Simons seine künftige Partnerin die Pressekonferenz hindurch nannte, weiß das natürlich. Warum riskiert sie es dennoch, einen firmenfremden Designer ins Boot zu holen, und das im so clan- wie machtversessenen Mode-Mailand?

Wohl weil die 70-Jährige, die mit ihrem Mann Patrizio Bertelli 80 Prozent der Aktien der an der Hongkonger Börse notierten Prada Group hält, eine äußerst kluge Frau ist. Und eine gewiefte Strategin. Als solche erkennt sie die Chancen, die das neue Arrangement für sie selbst und ihre Marke bereithält. Tatsächlich ist da viel mehr drin als ein wenig "frischer Wind", auf den sie sich bei der Präsentation öffentlich freute. 

Fakt ist: Raf Simons bringt nicht nur Jahrzehnte der Erfahrung mit Herren- wie Damenmode mit, sondern auch eine einzigartige Bandbreite. Expertise und Kontakte reichen bei ihm von zeitgeistiger Eleganz (mit der eigenen Männerkollektion, die er weiterführen will) über luxuriöse Prêt-à-porter und Couture (aus seiner Zeit bei Jil Sander ab 2005 und bei Dior von 2012 bis 2015) bis zu Denim und Streetwear (als Chief Creative Officer bei Calvin Klein von 2016 bis 2018). Als bühnenreife Inszenierungen sind Simons' Schauen Kult, ob seine Blütenwände bei Dior oder eine ganze Midwest-Scheune bei Calvin Klein. Sogar in die Einrichtungsbranche ist er eingetaucht, mit Editionen für den coolen Möbelstoffhersteller Kvadrat.

Ein hellwacher Kritiker der Überhitzung im Modebusiness

Diese Offenheit für aktuellste Musik, Filme und Kunst hat Raf Simons eine internationale Fan-Basis unter den smarten Schwulen der Kreativindustrie beschert, die auf allen Social-Media-Kanälen hochaktiv sind. Davon wird Prada profitieren, das sich nur zögerlich auf die digitalen Medien eingelassen hat. Der Belgier ist ein Held der zeitgenössischen Kunstszene, in der die Marke Prada seit den 1990ern zwar tief verankert ist, aber zuletzt an Attraktivität verloren hat. Oder wie es die Branchen-Auguren von Business of Fashion formulieren: "Die Marke Prada ist viel stärker, als die gegenwärtigen Verkäufe vermuten lassen."

Hinzu kommt: Der 52-jährige Simons gilt als hellwacher Kritiker der aktuellen Überhitzung im Modebusiness. In Interviews nimmt er kein Blatt vor den Mund und wagt es, auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Bei der Pressekonferenz etwa sagte er: "Ich denke, viele Kreative fühlen sich bedrängt. Sie spüren, dass die Modeindustrie mehr und mehr zu einer Industrie werden könnte, die Kreative ausschließt." Und weiter: "Wir müssen uns darum kümmern, wie sich Kreativität weiterentwickeln kann im heutigen Modesystem."

Seine Kreativität wird die ihre fordern

Diese Treue zum Kern der Mode und die damit einhergehenden Sensibilität für systemische Verwerfungen verbindet Raf Simons mit der Feministin und einstigen Kommunistin Miuccia Prada; und wird sie zugleich neu fordern, auch im Sinne einer spielerischen  Konkurrenz.

Beste Voraussetzungen also für eine Zusammenarbeit, in der es nicht langweilig wird. Im September 2020 wissen wir mehr: Dann wollen Miuccia Prada und Raf Simons ihre erste gemeinsame Prada-Kollektion über den Laufsteg schicken. Mal sehen, ob er sie bis dahin "Miuccia" nennt.