Schweinebauch light: die „Porchetta“ mit blanchiertem Radicchio und eingekochten Blaubeeren.
Foto: Sabine Gudath

Berlin-MitteEs gibt Namen, die gehören einfach zusammen. Lode & Stijn ist für Berliner Gourmets vermutlich ein ebenso feststehender Begriff wie Stan & Ollie für Fans des guten, alten Slapstick. Beim genialen Gastronomen-Duo Lode van Zuylen und Stijn Remi ist das nicht anders: Seit knapp viereinhalb Jahren betreiben die beiden Holländer ihr gemeinsames Restaurant Lode & Stijn in Kreuzberg.

In dieser Zeit haben sie immer wieder Höchstleistungen abgeliefert. Erinnerungswürdig etwa ist ein Zanderfilet vom Grill mit Holunderblüten-Beurre-blanc; oder die in Teig ausgebackenen „Bitterballen“ aus Kalbfleisch, von denen Berliner Feinspitze schwärmen. Die beiden Freunde, die ihr erstes Restaurant 2016 aus einer Laune heraus gründeten, arbeiten seitdem fast täglich zusammen – auch das eine beachtliche Leistung. Zumal sie, wie sie versichern, noch immer beste Freunde sind. Doch war es wohl dennoch an der Zeit, sich gegenseitig mehr persönlichen Raum zu geben und die gastronomische Bühne nicht mehr zu teilen. Jeder bekäme künftig sein eigenes Restaurant, hieß es. Und allein das Gerücht sorgte dafür, dass seit Herbst letzten Jahres jeder halbwegs informierte Foodie gespannt auf die angekündigte Veränderung wartete.

Industrielles Lochblech zum Fine-Dining: Das wohnliche Interieur des Remi gestalteten Ester Bruzkus Architekten.
Foto: Sabine Gudath

Nun ist es endlich so weit: Gerade hat das Remi eröffnet, das Stijn Remis Nachnamen trägt. Damit wird er künftig hauptsächlich hier in Mitte kochen, sein Freund Lode im Kreuzberger Laden. Remi, ein wunderbar angenehmer Mann, wirkt wie das hochgewachsene, blonde Klischee des glücklichen Holländers. Dass es mit der Eröffnung länger gedauert hat, lag nicht an Corona allein, erzählt er.

Das Remi, muss man wissen, liegt im Erdgeschoss des neuen Suhrkamp-Verlagshauses zwischen Torstraße und Rosa-Luxemburg-Platz. Bei dem ambitionierten Bauprojekt mit seiner offenen, aufwendigen Architektur von Roger Bundschuh war es mehrfach zu Verzögerungen gekommen. Dafür ist das Ergebnis umso imposanter: Sichtbeton, hohe Decken und gigantische Glasfronten an beiden Seiten bestimmen auch das Innere des Restaurants. Dessen Interieur entwarf das Architekturbüro von Ester Bruzkus, das unter anderem auch die Restaurants von Tim Raue gestaltet. Die Küche befindet sich in der Mitte des riesigen Gastraumes und wird von einer Bar aus tiefrotem Quarzit ergänzt.

Mittags kann man hier saisonale, derzeit eher leichte Tagesgerichte wie Gazpacho mit marinierten Gurken oder Makrele mit Kohlrabi-Salat essen. Natürlich soll der Ort aber deutlich mehr sein als die gläserne Kantine des Suhrkamp-Verlags. Schon der Raum, und man kann das wahrlich nicht von jeder Neueröffnung in einem Neubau sagen, wirkt spektakulär und – noch seltener – beeindruckt mit ebensolchem Essen. Auf der Abendkarte erkenne ich klar die DNA des Lode & Stijn, nur ist der Stil weniger nerdy, um es wie Stijn Remi selbst auszudrücken. Man wolle „mit Einfachheit und guten Produkten“ glänzen und Gerichte servieren, die „unkompliziert sind und einfach nur Freude machen“. 

Das Remi in der Torstraße 48, Berlin-Mitte 10119.
Grafik: BLZ/Hecher

Wie andere großartige Fine-Dining-Köche in Berlin, so etwa der Drei-Sterne-Koch Marco Müller oder Dylan Watson aus dem Ernst, haben sich auch Lode & Stijn über die Jahre mehr und mehr zu Qualitätsfanatikern entwickelt. Heißt: Sie suchen für jede ihrer Zutaten nach den Besten unter den Produzenten oder Landwirten. Die Porchetta auf der aktuellen Karte zum Beispiel ist etwas, wovon ich lange träumen werde: Bauchfleisch vom Schwein, gerollt und gerillt, ergänzt mit wildem Fenchel, gelingt hier einfach einzigartig saftig-schmelzend. Trotz des hohen Fettgehalts schmeckt es vergleichsweise leicht, weil mit der fruchtigen Süße von eingekochten Blaubeeren und der Bitternote von kurz blanchiertem Radicchio kontrastiert.

Umwerfend ist auch das Huhn, das von „Schröders Hof“ kommt. Das ohnehin hervorragende Fleisch wird hier zuvor in einer Lake aus Wasser, Salz, Zucker und Kräutern eingelegt – eine englische Methode, die „brine“ genannt wird und Osmose auslöst. Das Fleisch wird so besonders saftig und entwickelt ein intensives Aroma. Serviert wird das Huhn mit dem eigenen, reduzierten Saft und – ganz simpel – etwas buttrigem Lauchgemüse und cremigem Blumenkohl-Püree. Mehr braucht man dazu nicht.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht: Aber bei mir kommt es inzwischen leider selten vor, dass ich mal keine Wünsche offen habe. Mir keine Gedanken mache, wie man dies oder jenes verbessern könnte, und stattdessen im Moment lebe. Doch als ich das Remi verlasse, sitzt tief drinnen in mir eine satte, glückliche Ruhe. Weil der Sommerabend, der Ort, die Menschen und das Essen so herrlich waren, dass einfach rein gar nichts fehlte. Mehr kann ein Restaurant nicht leisten.


Remi, Torstraße 48, Berlin-Mitte 10119, Tel. +49 30 27 59 30 90. Geöffnet Di–Sa 12 bis 15 Uhr und 18 bis 22 Uhr.

Lunch: 9 bis 15 Euro. Dinner: Entrees 14 bis 16 Euro, Hauptgericht 24 Euro, Dessert 8 Euro.