„Ahtapot Tava“ kommt im Tontopf: Oktopus, der mit Rotwein, Paprika, Zimt und Kreuzkümmel geschmort wird.
Foto: Sabine Gudath

BerlinFrüher musste man für einen guten Türken in den Westen der Stadt reisen: nach Kreuzberg, das nördliche Charlottenburg oder in den Wedding, in die typischen Einwanderer-Kieze. Allerdings schien die dortige türkische Küche lange Zeit wie konserviert. Man bekam sie am Spieß im Grillrestaurant-Look, als Döner an der Imbissbude und – eher selten – als gehobene Küche im üppig dekorierten Orienttraum.

Eine zeitgemäße Version der türkischen Küche ließ jedoch auf sich warten. In Istanbul speisten junge Türken und Touristen längst ihren Oktopus von handgemachter Keramik und mit korrespondierenden Weinen; es gab Laborküchen, in denen mit Bulgur-Eis experimentiert wurde, und Küchenchefs, die jahreszeitlich inspirierte Menüs mit regionalen Produkten servierten.

Dieses progressiv-lässige Istanbulfeeling schaffte es schließlich doch nach Berlin. Vorreiterinnen waren Lale Yanik und Arzu Bulut, die vor acht Jahren in Prenzlauer Berg das Restaurant „Osmans Töchter“ eröffneten. Als selbstbewusste Gastgeberinnen wollten Bulut und Yanik mit Klischees aufräumen, und genau das taten sie.

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Ich war leider schon länger nicht mehr bei ihnen essen. Ihre Mezze mit modernem Twist, etwa Linsenbällchen mit Granatapfelsirup, sind mir allerdings noch bestens in Erinnerung. Ich habe mich also gefreut, dass die beiden Gastronominnen nun auch im Westen der Stadt eine Dependance aufgemacht haben. In Alt-Charlottenburg ist für moderne türkische Küche definitiv noch Platz.

Die Karte ist in beiden Lokalen, soweit ich es überblicke, fast identisch. Sie unterscheidet zwischen kalten und warmen Mezze, die man am besten teilt und die sehr attraktiv präsentiert werden. Meine Erwartungen waren hoch und wurden – was das Essen angeht – nicht enttäuscht.

Das neue Ambiente ist etwas weniger farbenfroh als das in der Pappelallee, dafür edler und mit einer hübschen Prise Ironie eingerichet. Der Perserteppich ist auf den Betonfußboden aufgemalt. Man sitzt auf Designerstühlen, allerdings sehr eng, und das Restaurant scheint extrem gut besucht. Eine Kollegin, die mich begleitet, erzählt, dass sie beim letzten Mal nach zwei Stunden aufgefordert wurde, den Platz für die nächsten Gäste zu räumen. Der Normalfall ist das wohl nicht: Double seating, der unschöne Trend aus den USA, ist zum Glück noch nicht hier angekommen. Dieses Mal dürfen wir so lange sitzen, wie wir wollen. Bei einem Konzept, das darauf ausgelegt ist, mehrere Teller und Schalen in der Runde zu teilen, sollte das auch zu erwarten sein.

Der Hummus, auf den ich beim Türken eigentlich nie verzichte, schmeckt solide, aber bekannt. Die Grundzutat Tahin ist dezent, umso besser kommen die Kichererbsen heraus. Neu präsentiert sind dagegen die Weinblätter – neben Reis, Pinienkernen und Korinthen werden auch Sauerkirschen für die Füllung verwendet. Das ergibt eine gute Balance zwischen fruchtig-säuerlich und süßlich-würzig, was auch von Gewürzen wie Piment, Minze und Zimt herrührt. Die beste Empfehlung ist jedoch Ahtapot Tava, ein im Tontopf servierter Oktopus, der in Rotwein, Paprika, Chili, Zimt, Limette und Kreuzkümmel geschmort wird, was eine unglaublich intensive und doch säuerlich-leichte Soße ergibt.

Das hätte ich gern allein als Hauptgericht gegessen, mit einer anderen Beilage als Pitabrot. Doch auch die Teller, die wie Hauptgerichte klingen – etwa eine türkische Version vom Kalbstafelspitz mit geschmorten Zwiebeln und Datteln auf Zitronen-Kartoffelpüree – sind wie Vorspeisen bemessen. Verschiedenes zu teilen und zu snacken macht zwar viel Spaß, vielleicht ist die Zeit aber reif, erwachsener zu werden und Hauptgerichte sowie ein richtiges Menü anzubieten, das die klare Handschrift eines Kochs trägt.

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Denn als versierter Gast will man ja nicht zuletzt auf die Reise des Kochs mitgenommen werden. Ich bin sicher, die zeitgenössische türkische Küche hat noch viel mehr zu bieten, als wir davon kennen.

Osmans Töchter (West)

Wielandstraße 38, Charlottenburg, täglich von 17 bis 24 Uhr. Telefon +49 176 320 921 68. Mezze kosten zwischen 4,50 und 14,50 Euro.