411 Brillanten und 227 Tsavorithe, die beim Gestikulieren in Bewegung geraten: Ringskulptur „Gallopade“ von Georg Hornemann.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinWie es seine Art ist (und wir danken den Göttern dafür, denn gemeinsames Lachen ist kostbar geworden), machte sich Daniel Richter in seiner Eröffnungsrede zu dieser Ausstellung erst einmal über den Kunstbetrieb lustig. Genauer: über den Materialfetischismus von Jeff Koons; über Kinohalunken, die ihre Opfer mittels Op-Art-Ring hypnotisieren; und schließlich über Künstlerkollegen, die zwischendurch auch mal Schmuck entwerfen wollen. „Wer als Künstler Totenköpfe zimmert, macht dann einen Totenkopf in Juwelen. Wer es mit Tintenfischen hat, macht einen Tintenfisch. Wer normalerweise Arbeiter und Bauern macht, macht Arbeiter und Bauern als Anhänger. Undsoweiterundsofort.“

Richter selbst war natürlich schlauer – und ging gleich zu Georg Hornemann. Dem Benvenuto Cellini des Rheinlands, dem Düsseldorfer Goldschmied mit der Detailwut und Erfindungslust eines Künstlers. Aus der Bekanntschaft erwuchsen drei Ringe, die das hatten, was Daniel Richter nicht ohne Selbstironie so beschrieb: „Das Hypnotische, das nur extremer Reichtum, exzentrische Individualität und große Angeberei, gebündelt in einem kleinen Ding, haben können.“

Rätselhaft mobil ist „Pink Dancer“ aus Gelbgold mit rosa Saphiren, 28 000 Euro, von Georg Hornemann.    

Video: YouTube/Markus Wächter für Berliner Zeitung

Sprach’s und hob die linke Hand, an der ein mit Brillanten übersäter Kreis glitzerte, sich drehte und unter den Grisebach'schen Spots die Intensität eines Blitzlichtgewitters entwickelte. Das Vernissagepublikum applaudierte lachend. Und konnte anschließend gar nicht genug bekommen von Vorführungen der Hornemann-Ringe in Aktion an Gliederpuppenarmen aus naturhellem Holz. Als hätte Jean Cocteau sich hier surrealistisch ausgetobt, ragen sie paarweise aus der Stirnwand des Raums und lassen sich schwenken.

An jedem Armpaar wird ein Ring inszeniert; deren Namen beziehen sich auf den Tanz allgemein oder auf Choreographien von Merce Cunningham im besonderen. Da ist etwa „White Dancer“ aus Weißgold, auf dessen Scheibe ein mit 1,44 Karat Brillanten besetztes Ei kreiselt wie eine beschwipste Ballerina. Oder „Tune In/Spin Out“, ein atemberaubend fein gelegtes Mosaikrund aus weißen und schwarzen Diamanten. In Bewegung gesetzt, wirken diese Op-Art-Wirbel geradezu hypnotisch.       

Juwelier Alexander Hornemann, der Initiator der Ausstellung. 
Foto: Courtesy Hornemann

„Es gibt eine Person in Düsseldorf, die normalerweise sehr nervös ist. Sich auf das Bewegungselement eines Ringes zu konzentrieren, empfand diese Person paradoxerweise als äußerst beruhigend“, erzählt Alexander Hornemann. Es ist einige Tage vor der Ringpremiere, wir sitzen beim Tee in den eleganten Hornemann-Salons in der Schlüterstraße. Der Sohn und Erbe des nimmermüden Georg will mir verraten, wie die kinetischen Ringskulpturen seines Vaters wirklich funktionieren.

Manche vermuten Magnete oder eine in der Ringschiene versteckte Minibatterie, doch weit gefehlt: Die verblüffenden Effekte sind pure Mechanik. Genauer gesagt ein Mix aus Feinmechanik (also Gewichte und Kugellager, wie sie sonst bei komplexen Uhren Verwendung finden), Metallspiegelungen und jenen in unsere Wahrnehmung eingeschriebenen Erwartungen, mit denen auch Zauberer und Illusionisten operieren.

Wie lässt sich Bewegung festhalten? Zu den Hornemann-Ringen (hinten) gesellt sich exquisite Vintage-Fotografie zum Thema Kinetik, kuratiert von der Fotogaleristin Annette Kicken.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

„Die Ringelemente sitzen auf zwei separaten Achsen, die nicht parallel sind und sich gegenläufig bewegen können“, erklärt Hornemann. „Vor allem sind die Achsen nicht zentriert. Das ergibt eine Unwucht, die das menschliche Auge irritiert.“ Weil es unabhängige Bewegung vorgaukelt. Der Trick ist also Nichterfüllung von kognitiven Erwartungen, eine Störung, die uns amüsiert. Voraussetzung dafür ist haarsträubende Exaktheit beim Metallschliff und endlose Tüftelei. Hornemann:„Auf einem Rund von drei Zentimetern eine Welt unterzubringen, das ist das Ziel.“

Damit stehen die neuen Hornemann-Ringe einerseits in der Tradition der Wunderkammer-Objekte der Renaissance, andererseits sind sie Enkel von Cartiers „Mystery Clocks“. Wir erinnern uns: Die Zeiger dieser kostbaren Tischuhren im Art-déco-Stil schienen sich in der Luft zu drehen, ohne jede Verbindung zum Uhrwerk im Sockel. Weil sie fest auf einer transparenten Scheibe aus Bergkristall oder Glas montiert waren, die sich insgesamt drehte. 

„Ob bei den Ringen oder den naturalistischen Tierfiguren aus Edelmetall, für die wir bekannt sind: Es geht immer um das überraschende Element“, sagt Alexander Hornemann. „Etwas muss dich faszinieren. Dass dafür hochpräzise Arbeit und viel technisches Können nötig sind, ist eher ein Nebenaspekt. Wichtig ist das visuelle Spiel, das Schauen und Staunen.“

Wie Eisläufer pirouettieren die kleineren Scheiben über die Basis – zumindest scheint es so. Georg Hornemanns „Carousal“ mit rosa Saphiren, Diamanten und Tsavorithen, 39 500 Euro.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Eines ist klar: Indem sie Mechanik derart kostbar verbergen und zugleich inszenieren, passen Hornemanns kleine Wunderwerke hervorragend in unsere Epoche, in der das mechanische vom digitalen Prinzip abgelöst wird. Wie vor 100 Jahren das Pferd, verliert Mechanik gerade ihren alltäglichen Nutzen – sie wird rarer, also kostbarer.

Aber zurück zu Daniel Richters launiger Rede. Was war noch mal, abgesehen von schnöden Investment-Überlegungen, der Sinn und Zweck einer Skulptur am Finger? „Man begeistert sich daran, und andere damit für sich“, lautete das Fazit des Künstlers und Hornemann-Fans. Hätte er auch über Kunst sagen können.

Die Ausstellung „Roundtrip“ läuft bis 29. Februar 2020 in den Galerieräumen des Auktionshauses Grisebach, Fasanenstr. 27, Berlin-Charlottenburg, Mo – Fr 10 bis 18 Uhr, Sa 11 bis 16 Uhr.