Der „Leitfaden für diversitysensiblen Sprachgebrauch“ hat seine Tücken.
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BerlinAuf meinem Schreibtisch liegt ein Text, den Regine Sylvester vor ein paar Tagen für diese Zeitung geschrieben hat. Es ist der schönste Text über den Osten, den ich seit langem gelesen habe. Dabei ist er in Teilen eigentlich unlesbar.

Der Text wimmelt nur so von sperrigen Wörtern und Begriffen aus der DDR. Manches hatte ich schon vergessen, 30 Jahre sind eine lange Zeit. Und dann lese ich in Regines Text zum Beispiel diese wunderbare Losung für den 1. Mai 1989, die in vielen DDR-Zeitungen veröffentlicht wurde: „Durch die Verwirklichung der ökonomischen Strategie zu hoher Arbeitsproduktivität, Effektivität und Qualität – Dynamisches Wirtschaftswachstum durch breite Anwendung und effektive Nutzung der Schlüsseltechnologien!“

Es wird ja immer wieder mal gefragt, was der Westen vom Osten lernen könnte. Nun vielleicht dieses: Eine künstliche, verordnete Sprache bringt nicht viel. Sie schafft kein Bewusstsein. Oder gar: eine neue, bessere Wirklichkeit.  

Vor ein paar Tagen sah ich eine Talkshow zum Thema Sprache. Eine Journalistin schlug vor, dass der männliche Journalist, um die Geschlechtergerechtigkeit zu fördern, doch künftig „Journalisterich“ heißen könnte.

Das fand ich sofort total überzeugend. Zumal es ja auch den Enterich gibt. Und den Wüterich. Und Mostrich. „Journalisterich“ erinnert mich an das DDR-Wort „Jahresendflügelfigur“. Letzteres sollte das reaktionäre Wort „Engel“ ablösen. Aus Gründen, die mir bis heute rätselhaft sind, hat es nicht funktioniert.

In der DDR glaubte man, mit der neuen Sprache der guten Sache zu dienen. Dem Sozialismus. Aber warum sollte die gute Sache ausgerechnet von schlechter, weil lebensferner Sprache profitieren? Hier scheint mir ein Glaubensfehler zu liegen, der sich bis in die Gegenwart zieht.

In der Berliner Verwaltung kommt seit kurzem der „Leitfaden für diversitysensiblen Sprachgebrauch“ zur Anwendung. Demnach sollte man das Wort „Behinderte“ nicht mehr benutzen. Korrekt sei: „behinderter Mensch“. Ich mache das gerne, aber die Begründung hat mich überrascht. Denn, so heißt es im Leitfaden: „Der Mensch ist nicht behindert, sondern wird erst durch Barrieren (Stufen, fehlende Untertitel, exklusive Gesellschaft) behindert.“

Ich könnte mir vorstellen, dass ein blinder Mensch exakt so empfindet. Meine Augen waren nie das Problem, Leute! Genervt haben immer nur die Stufen.

Das Wort „Flüchtling“ ist auch nicht korrekt. Besser sei, laut Sprachleitfaden, die Formulierung „undokumentierter Migrant“. Oder: „geschützte Personen“. Wobei nicht von Belang zu sein scheint, dass in der deutschen Asylpraxis viele Flüchtlinge eines ganz sicher nicht sind: willkommen und geschützt. Viele Grüße nach Moria.

Die Entkopplung von Sprache und Realität, die geschönte Wirklichkeit, das ist ein echter DDR-Klassiker. Schön, dass er es in den Westen geschafft hat.

Vor einigen Jahren wurde der Begriff „Zigeuner“ abgelöst durch „Sinti und Roma“. Aus guten Gründen. Jetzt soll es korrekt heißen: „Mensch mit Romno-Hintergrund“. Spricht irgendjemand so? Guten Tag, ich bin der Uwe. Ein Mensch mit Romno-Hintergrund! Die „geschlechterinklusive Selbstbezeichnung“ lautet übrigens: „Rom*nja und Sinti*ze“. Wie man es ausspricht, steht im Sprachleitfaden leider nicht. Dazu braucht es einen neuen Audio-Sprachleitfaden.

Knifflig wird es beim Begriff „schwarze Deutsche“. Der ist rassistisch. Nicht rassistisch ist: „Schwarze Deutsche“. Ein großes S, ein kleines s, sie entscheiden jetzt über die Haltung. Über Gut oder Böse. Über den „Klassenstandpunkt“, hätte man früher gesagt. Sag mir, wo du stehst.

Was kann man noch von der DDR lernen, sprachlich und überhaupt? Genau das: Spätestens nach 40 Jahren ist alles wieder vorbei.