Die meisten Entdeckungsreisen nach Zentralasien beginnen in Taschkent, der Hauptstadt Usbekistans. Taschkent besticht architektonisch durch eine Melange aus Denkmälern des Mittelalters mit islamischer Prägung, aus Moderne mit Hochhäusern chinesischer Bauunternehmen und der Tradition von neoklassizistischer Sowjet-Architektur.

Im Zentrum der Stadt sind im Hast-Imam-Komplex unterschiedliche Gebäude auf engem Platz vereinigt: zwei Moscheen, zwei Medresen, so heißen die Koranschulen, und ein Mausoleum. „Hast Imam“ bedeutet „Großer Imam“ und ist einem der ersten und hoch verehrten Imame Taschkents aus dem 10. Jahrhundert gewidmet, der einen maßgeblichen Anteil an der Verbreitung des Islam in der Region hatte. In der kleinen Muji-Mubarak-Medrese im Zentrum der Anlage sind besonders wertvolle islamische Bücher und Schriften ausgestellt, so ein Exemplar des originalen Koran von Kalif Osman aus dem siebenten Jahrhundert.

Das pralle und bunte Leben spielt sich in Taschkent auf dem Boulevard Sayilgoh ab, von den Einheimischen auch Broadway genannt. Der Boulevard führt schnurgerade vom Unabhängigkeitsplatz einige Hundert Meter bis zum Amir-Timur-Platz mit einem monumentalen Reiterstandbild.

Taschkent: Entspannt über den Broadway

Der berühmte Herrscher Amir Timur oder Tamerlan schuf im 14. Jahrhundert eines der größten Reiche in Zentralasien, die jemals existierten, mit Samarkand als Hauptstadt. Seit dem Ende als Sowjetrepublik und dem Beginn der Unabhängigkeit hat Timur das Stadtbild als Namensgeber von Parks, Plätzen und Alleen zurückerobert. Unzählige Buden, Straßenmusiker, kleine Cafés und Imbissstände säumen den Weg der Fußgängerzone.

Wer von Taschkent der Seidenstraße folgend ins Land reist, kann das nicht allein auf gut ausgebauten Straßen, sondern auch auf dem Schienenweg. Vom Hauptbahnhof in Taschkent fährt in der Hauptsaison morgens und abends der komfortable spanische Hochgeschwindigkeitszug Afrosiab nach Buchara und Samarkand. Mit einer Spitzengeschwindigkeit von 230 km/h benötigt der Zug für die 600 Kilometer Strecke nach Buchara drei Stunden und 40 Minuten – durchaus eine bequeme und preiswerte Alternative zum Flugzeug.

Buchara: Die Oase, die Dschingis Khan beeindruckte

Die unbestreitbar kulturellen Höhepunkte wohl jeder Reise nach Zentralasien sind die beiden Weltkulturerbe-Stätten Buchara und Samarkand.

Die einstige Oasenstadt Buchara konnte im Jahr 1997 ihren 2500-jährigen Geburtstag feiern. Im Zentrum der Altstadt steht das Wahrzeichen von Buchara, das Kalon-Minarett aus dem Jahr 1127. Mit seinen 47 Metern Höhe und einem 10 Meter tiefen Fundament überragt es das gesamte Moschee- und Medrese-Gelände.

Das Super-Minarett diente als Beobachterstelle vor feindlichen Angriffen, als eine Art Leuchtturm für die Wüstenschiffe der Seidenstraße und als Vollzugsstätte von Todesurteilen durch die Emire. Das Minarett ist ein architektonisches Meisterwerk und ist mit 14 unterschiedlichen Zierbändern versehen. Hier werden erstmals in einem Band – quasi dem „Halsband“ des Minaretts – die glasierten türkisblauen Fliesen verwendet, die dann später unter den Timuriden in ganz Zentralasien verbreitet wurden.

Dschingis Khan war bei der Eroberung Bucharas im Jahr 1220 so beeindruckt von dem Minarett, dass er anordnete, den Turm zu verschonen, während seine Truppen den Rest der Stadt plünderten. Zum Kalon-Komplex gehören auch die daneben errichtete große Kalon-Moschee, in der bis zu zehntausend Gläubige Platz finden, und die gegenüberliegende Mir-i-Arab-Medrese. Die im 16. Jahrhundert eröffnete Koranschule führt mit einer kurzen Unterbrechung bis heute ihren Lehrbetrieb. Sie war auch die einzige islamische Lehranstalt auf dem Boden der früheren Sowjetunion. Überwältigend sind ihre Gebäudefronten, die hohen Portale und die künstlerisch verzierten Holztore.

Samarkand besteht seit 2750 Jahren und ist damit eine der ältesten Städte der Welt. Sie ist ein einzigartiges Märchen, erlebte ein halbes Dutzend Invasoren und ist trotz Zerstörungen immer wieder wie ein Phönix aus der Asche prachtvoller wieder auferstanden.

Samarkand: Der legendäre Registan-Platz

Ein Symbol für Samarkand und mehr noch eine Legende ist der Registan-Platz. Er ist das Verwaltungs-, Handels- und Handwerkerzentrum der Stadt, sozusagen ihr Herz und von unbeschreiblicher Schönheit. Der rasende Reporter Egon Erwin Kisch bereiste 1930 Zentralasien und schrieb in seiner Reportage „Asien gründlich verändert“: „Nein, wir werden den Registan nicht schildern. Einfach als Axiom sei der Satz hingeschrieben, dass wir in keiner Stadt einen Platz mit so bunten, herrlichen Bauten kennen wie den Registan von Samarkand. Basta.“

Man sollte nicht versäumen, den Registan zu verschiedenen Tageszeiten zu besuchen. Besonders sein Bild, wenn er sich mit den vielen bunten Lichtern schmückt, wird noch lange im Gedächtnis bleiben. Man kann dann Egon Erwin Kisch nur noch zustimmen: Dieser faszinierende Blick auf ein Dreigestirn von kunstvoll verzierten Koranschulen jeweils mit ihren Minaretten, Kuppeln, pompösen Frontfassaden und Eingangsportalen ist einzigartig.

Die an der Stirnseite des Registan platzierte Tilla-Kari-Medrese übertrifft ihre beiden Nachbarn noch an Prunk und Ausstattung. Sie ist die jüngste und größte der drei Medresen und hat eine Doppelfunktion als Koranschule und als Hauptmoschee. „Tilla Kari“ heißt übersetzt die „Vergoldete“ und tatsächlich verschlägt es einem den Atem, wenn man die komplett mit blauen und vergoldeten Ornamenten verzierten Innenräume betritt.

Die aufwendige Restaurierung der Medrese erfolgte in den 1970er-Jahren. Eine architektonische Besonderheit ist hier der Kuppelbau. Während die riesige Kuppel von außen weithin türkis leuchtet, ist die Innenkuppel fast flach. Durch die sich nach innen verjüngenden Verzierungen entsteht die nahezu perfekte optische Täuschung, auch von innen in eine hoch gewölbte Kuppel zu schauen.

Einen anderen Blick auf das Mittelalter bietet das Observatorium von Ulugbek, das der Enkel des Herrschers Tamerlan Anfang des 15. Jahrhunderts errichten ließ und nur noch in den unterirdischen Teilen erhalten blieb. Fanatische Islamisten zerstörten nach seinem Tod das Observatorium, da die Wissenschaft der Himmelskunde nach ihrer Meinung gegen die Regeln des Koran verstoßen habe.

Mirzo Ulugbeks Leben war von Mathematik und Astronomie bestimmt. In unserer Gegenwart widmet sich ein Museum seinen astronomischen Arbeiten, die bis in die heutige Zeit hochgeschätzt werden. Er berechnete unter anderem die Länge des astronomischen Jahres mit 365 Tagen, 6 Stunden, 10 Minuten und 8 Sekunden. Wie sich später herausstellte, betrug der Messfehler nur 58 Sekunden – eine erstaunliche Leistung angesichts der noch primitiven Messgeräte. Ein Asteroid und ein Krater auf dem Mond tragen den Namen des Usbeken. Russischen Archäologen gelang im 20. Jahrhundert, die als Sextant dienende Rinne des alten Observatoriums auszugraben.

Zielgruppe: Touristen aus dem Westen

Die geschichtsträchtige Großstadt Samarkand mit ihren mehr als tausend Jahre alten Kulturschätzen ist auch in der Moderne angekommen. Überall stehen Baukräne und es wird in die touristische Infrastruktur investiert. Im Jahr 2020 wurde mit dem Neubau eines Tourismus-Kulturzentrums im Samarkand-Stil begonnen. Hier entstehen insgesamt acht Hotels mit 1600 Zimmern und 3600 Betten und ein Kongress-Zentrum. Der ganze Komplex soll noch in diesem Jahr fertig werden.

Erst vor wenigen Monaten hat ein neuer Flughafen in Samarkand mit dem Namen Silk Road nach einer Bauzeit von nur 18 Monaten den Betrieb aufgenommen. Zunächst ist eine Kapazität von jährlich zwei Millionen Fluggästen eingeplant. Die wichtigste Zielgruppe ist dabei der Tourist aus Westeuropa.

Bauherren sind türkische Ingenieure, die auch den neuen Flughafen in Istanbul in Rekordzeit bauten. Sie haben dem neuen Terminal eine außergewöhnliche Architektur gegeben. Es ist in der Form eines geöffneten Buches konstruiert und soll das Hauptwerk Ulugbeks „Der neue Guragan-Sternenatlas“ symbolisieren. In Samarkand können sich Mittelalter und moderne Zeit durchaus die Hand reichen.

Usbekistan ist vor allem das Land der Wüsten und Steppen. Sie bedecken etwa drei Viertel des Territoriums des Landes. In einem Jurten-Camp kann man die Wüste hautnah erleben. Zu den knapp ein Dutzend solcher Quartiere in Usbekistan gehört das Jurten-Camp Safari in der Nähe des Dorfes Khayat. Es liegt in der Wüste Kyzylkum, einer Roten Kies- und Sandwüste, die zu den größten Wüsten in Zentralasien gehört.

Das Lager besteht aus 20 Jurten und besitzt einen Massivbau für die Einnahme von Essen sowie ein Haus mit ausreichend Toiletten und Waschbecken. Niemand muss für den Toilettengang in die Wüste rundherum geschickt werden. Romantik liefern dann eher eine Stromsperre, die etwas Improvisation bei der Essenszubereitung erfordert und die Fotomotive in der Morgensonne: Sandhügel und ein knappes Dutzend am Eingang des Camps lagernde Kamele. Die Wüstenschiffe warten auf ihre Kundschaft für einen Ausritt – wenn kein Sandsturm dazwischenkommt.

Gelebte Gastfreundschaft und Herzlichkeit

Wo auch immer man als Tourist hinkommt, ob in Gäste-Häusern, auf Basaren oder ganz einfach in den Begegnungen auf der Straße – man erlebt die berührende Gastfreundschaft und Herzlichkeit der Bewohner. Bei einem Besuch eines Touristenzentrums mit historischer Papierherstellung in Usbekistan treffe ich den 91-jährigen Usbeken Raymond.

In gebrochenem Deutsch sagt er, dass er sich freue, deutsche Besucher zu empfangen. Er war von 1964 bis 1967 als Soldat der sowjetischen Armee in Neustrelitz stationiert. Und dann kramt er in seinen Erinnerungen und findet die Redewendungen „pünktlich wie die Deutschen“ oder „gesagt, getan“, die er als charakteristisch für Deutsche ansieht. Er wünsche Freundschaft und noch einmal Freundschaft. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag freien Autorinnen und Autoren sowie jedem Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

Dieser Beitrag unterliegt der Creative Commons Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0). Er darf für nicht kommerzielle Zwecke unter Nennung des Autors und der Berliner Zeitung und unter Ausschluss jeglicher Bearbeitung von der Allgemeinheit frei weiterverwendet werden.